Berlin. „Das Publikum hatte kaum ein Auge für den unscheinbaren General, der wie verlassen am Kasernentor wartete. Über den Kasernenhof des Andernacher Rekrutendepots schnarrten unterdes die Kommandos. Die erste Paradeaufstellung der bundesrepublikanischen Wehrmacht ging in Szene.“
Mit dieser Schilderung aus der Gründungskaserne der Bundeswehr in Andernach am Rhein beginnt der „Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 28. Februar 1956 die achtseitige Titelgeschichte über Adolf Heusinger, den „schärfsten strategischen Verstand des ganzen Westens“, wie es wenig später heißt. „Klein, geduckt, im weitgeschnittenen Mantel eher zart als untersetzt, entsprach seine unauffällige Erscheinung nur wenig dem herkömmlichen Bild glanzvoller militärischer Repräsentanz – trotz des goldbeladenen Mützenschirms und der drei goldenen Generalssterne auf den Schulterklappen.“ Dieser Mann sollte wenige Monate später der erste Generalinspekteur der Bundeswehr werden. Heusingers 15. Nachfolger, Generalinspekteur Eberhard Zorn, ist seit dem 19. April 2018 im Amt.
Genau so, in der Uniform des Generalleutnants, blickt Adolf Heusinger mit „dem Charme der klugen Augen“, so der „Spiegel“, vom Titelblatt des Magazins, darunter stehen die Worte: „General im Widerstreit. Oberster Soldat ohne Befehlsgewalt“.
Wer war dieser Mann, der am 20. Juli 1944, als um 12.42 Uhr Claus Schenk Graf Stauffenbergs Aktentasche explodierte, im Führerbunker zwischen Hitler und der Bombe stand? Der nach dem Krieg dem militärischen Expertenrat angehörte, welcher Bundeskanzler Adenauer beriet und im Oktober 1950 im Kloster Himmerod in der Eifel – aus dem Nichts heraus – das Grundkonzept für eine zeitgenössische Armee vorlegte, die der jungen bundesdeutschen Demokratie eine Stütze sein sollte.
Vor denkwürdigen 65 Jahren, am 1. Juni 1957, wurde Adolf Bruno Heinrich Ernst Heusinger, geboren am 4. August 1897 in Holzminden an der Weser, zum ersten Generalinspekteur der Bundeswehr ernannt. Damit war der 59-jährige Heusinger der erste Vier-Sterne-General der jungen Bundeswehr, die 1955 am symbolhaften 12. November gegründet worden war – dem 200. Geburtstag des preußischen Heeresreformers von Scharnhorst.
Als ranghöchster Soldat der Truppe führte Adolf Heusinger zugleich den Vorsitz im höchsten militärischen Gremium der Bundeswehr, dem Militärischen Führungsrat. Diesem gehörten neben dem Generalinspekteur die vier Inspekteure der Teilstreitkräfte an, darunter, als ihr wohl bedeutendster, Generalleutnant Hans Speidel als Inspekteur der Streitkräfte.
Zu den Besonderheiten des Militärischen Führungsrates gehörte es, dass allein der Vorsitzende über keinen eigenen Stab verfügte – während jeder der vier Inspekteure von seinem Stab mit Material versorgt und wohlinformiert wurde.
Adolf Heusinger und Hans Speidel – „Castor und Pollux“, wie die beiden ehemaligen Wehrmachtsgeneräle nach den Zwillingssöhnen von Göttervater Zeus genannt wurden – waren spätestens seit 1950 maßgeblich am Wiederaufbau einer westdeutschen Armee und damit am Projekt der Wiederbewaffnung beteiligt. Den politischen Rahmen dafür hatte Konrad Adenauer, der am 15. September 1949 gewählte erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, klar bestimmt: Die neuen deutschen Streitkräfte sollten nicht nur fest an der Seite des Westens stehen, sie sollten zugleich mit Hilfe eines grundlegend neuen Binnengefüges der Truppe die tiefwurzelnden Vorbehalte der alliierten Siegermächte gegen preußisch-deutsches Militärwesen an sich entkräften.
Wenngleich der Geist der westdeutschen Truppe neu und auf die Zukunft ausgerichtet sein sollte – die Offiziere, die den Aufbau der neuen Armee erfolgreich gestalten sollten, hatten zweifellos ihre Vergangenheit. Treffend formulierte Kanzler Adenauer dies in seiner legendären Sentenz: „Meine Herren, ich glaube, dass mir die NATO 18-jährige Generale nicht abnehmen wird.“
Adolf Heusinger war der Beweis, dass ein in zwei Kriegen erfahrener Soldat und Offizier ohne demokratische Prägung – zumal ein hochrangiger Offizier, der als Chef der Operationsabteilung des Generalstabs im Oberkommando des Heeres das Unternehmen Barbarossa maßgeblich geplant hatte – in der Lage war, die Grundlagen für eine moderne Parlamentsarmee als Stütze eines demokratischen Gemeinwesens zu schaffen.
„Die künftigen Soldaten“ – so wie Adolf Heusinger, Hans Speidel, Hermann Foertsch, Johann Adolf Graf Kielmannsegg und elf weitere ehemalige Offiziere der Wehrmacht es in der Himmeroder Denkschrift im Oktober 1950 beschrieben – „sollten die demokratische Staats- und Lebensform bejahen, keine Sonderrechte mehr haben und ihr Handeln stets an der Wahrung der Menschenwürde ausrichten.“ So fasst der Potsdamer Militärhistoriker Prof. Dr. Sönke Neitzel in seinem militärgeschichtlichen Standardwerk „Deutsche Krieger“ den Geist von Himmerod zusammen.
„Niemand der Anwesenden wollte eine Kopie der Wehrmacht“, resümiert Neitzel. Zugleich galt für die Verfasser der Himmeroder Denkschrift, dass „niemand das innere Gefüge der Streitkräfte auf den Kopf stellen“ wollte.
Zwar sei Heusinger ein Förderer von Wolf Graf Baudissin gewesen, dessen Name eng verknüpft ist mit dem Prinzip der „Inneren Führung“ und dem Ideal des Soldaten als „Staatsbürger in Uniform“. Doch gleichzeitig, so Neitzel, hätten Männer wie Heusinger, die „noch die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs erlebt“ hatten, die Bundeswehr vom Krieg her gedacht. „Wer lernen muss, Gewalt anzuwenden bis zum Töten, übt keinen Beruf wie jeder andere aus“, war Heusingers Diktum. Es sei in dessen Augen auch nicht die Aufgabe des Soldaten, den Krieg zu verhindern, sondern sich so gut wie möglich auf diesen vorzubereiten, skizziert Historiker Neitzel Heusingers Verständnis vom Soldatentum.
Universität, beschreibt Heusingers Position zum Soldatenberuf so: „Heusinger war es ein Graus, dass unter dem ,Staatsbürger in Uniform‘ in der Öffentlichkeit lediglich die Pflege eines schutzbedürftigen demokratischen Musterbürgers verstanden werde, nicht aber auch die Erziehung und Ausbildung eines entschlossenen Kämpfers für die unbarmherzigsten aller bisherigen Kriegsformen. Seiner Meinung nach musste die Innere Führung entideologisiert und als militärische Aufgabe betrachtet werden.
Weiter notiert Neitzel über Heusinger: „Er betonte die wesensmäßigen Eigengesetzlichkeiten des Soldatenberufs, sprach in seinen Reden von kriegsnaher Ausbildung, Kriegstüchtigkeit und dem Aufbau von Schlagkraft. Heusinger forderte von seinen Kommandeuren, ein ,opferwilliges, verzichtbereites Soldatentum‘ zu erziehen. Das verlange Unabhängigkeit von ,zivilisatorischen Errungenschaften und Bequemlichkeiten‘. Der Primat des Zivilen habe auf den Geist der Bundeswehr eine bedenkliche Auswirkung.“ Und schließlich: „Die Anerkennung von Recht, Freiheit und Menschenwürde stand für die Gründergeneration der Bundeswehr außer Frage. Sie genossen jedoch keinen Vorrang, sondern waren für die allermeisten angesichts der Bedrohung aus dem Osten gleichrangig mit den rein militärischen Aufgaben.“
Der Aufbau der jungen Bundeswehr, von Heusinger maßgeblich geprägt, schritt rasch voran. Bereits im ersten Jahr meldeten sich mehr als 150.000 Freiwillige für die Truppe.
Am 3. Juni 1957, Generalinspekteur Heusinger war den dritten Tag im Amt, ertranken 15 junge Rekruten in der Iller bei Kempten. Als die Verteilung von Spendengeldern für die Hinterbliebenen der jungen Soldaten ins Stocken geriet, riefen Generalinspekteur Heusinger und General Hans Röttiger als Inspekteur des Heeres die „Hilfsaktion Iller“ ins Leben, aus der am 18. Oktober 1957 das „Soldatenhilfswerk der Bundeswehr“ hervorging, ein enger Kooperationspartner des 1956 gegründeten Deutschen BundeswehrVerbands.
1959 holte der 20. Juli 1944 Heusinger ein. Die SED-Propaganda verbreitete die Lüge, der bei dem Attentat neben Hitler stehende Heusinger habe die Männer des 20. Juli an die Gestapo verraten. Heusinger war bereits das zweite Ziel eines Anschlags auf die Ehre eines Generals der jungen Bundeswehr gewesen. Der erste Rufmordanschlag hatte Hans Speidel gegolten. Die Propagandamaschinerie jenseits des Eisernen Vorhangs hatte behauptet, Speidel habe 1934 den Doppelmord an König Alexander von Jugoslawien und an dem französischen Außenminister Barthou inszeniert.
1960, zum 15. Jahrestag des Attentats auf Hitler, gab Adolf Heusinger einen Tagesbefehl heraus, mit dem er die Männer des 20. Juli würdigte. Darin heißt es: „Wir Soldaten der Bundeswehr stehen in Ehrfurcht vor dem Opfer jener Männer, deren Gewissen durch ihr Wissen aufgerufen war. (…) Ihr Geist und ihre Haltung sind uns Vorbild.“
1961 verließ Adolf Heusinger die Bundeswehr, doch nicht in Richtung Ruhestand, vielmehr in Richtung Washington D.C. Vier-Sterne-General Heusinger wurde Vorsitzender des Militärausschusses der NATO. Bis zum 26. Februar 1964 bekleidete der Sohn eines Gymnasialdirektors aus Holzminden an der Weser diesen Posten. In seiner Zeit in Washington D.C. verlangte die Sowjetunion – erfolglos – Heusingers Auslieferung wegen angeblicher Kriegsverbrechen. Als Vorsitzender des Military Committee der NATO trat Heusinger als Mitinitiator der NATO-Nuklearstrategie der Flexible Response hervor.
Am 1. April 1964 trat Adolf Heusinger in den Ruhestand. Bis heute wird seiner Leistungen für die Bundeswehr gedacht. So wird seit 1967 jedes Jahr ein Teilnehmer des Generalstabslehrgangs der Führungsakademie der Bundeswehr für hervorragende Leistungen mit dem General-Heusinger-Preis ausgezeichnet, der als höchster Preis der Offiziersausbildung der Bundeswehr gilt. Um am 31. Oktober 1986 – fast vier Jahre nach seinem Tod am 30. November 1982 in Köln – erhielt eine Kaserne in der Infanterieschule in Hammelburg den Namen General-Heusinger-Kaserne.
An Heusingers Todestag, am 30. November 1982, geschah folgendes: Die Verteidigungsminister des westlichen Militärbündnisses NATO bekräftigen nach Beratungen in Brüssel ihre Entschlossenheit zu einer atomaren Nachrüstung in Mitteleuropa ab Ende 1983, falls die Sowjetunion nicht zum Abbau ihrer SS-20-Atomraketen bereit sei.
Das Abschluss-Kommuniqué der Verteidigungsminister vom 30. November 1982 beginnt – aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt – mit diesen Sätzen: „Die NATO Nuclear Planning Group (NPG) hielt am 30. November 1982 ihr zweiunddreißigstes Ministertreffen im NATO-Hauptquartier in Brüssel ab. Die Minister sprachen ein breites Spektrum von Sicherheitsfragen an, einschließlich der Tendenzen im Gleichgewicht der Nuklearstreitkräfte der NATO und des Warschauer Paktes, die Vorbereitungen für die Stationierung von Mittelstreckenraketen (INF) der NATO und den Stand der Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über strategische Nuklearstreitkräfte und über nukleare Mittelstreckenstreitkräfte….“
Adolf Heusinger, der unscheinbare General – dessen angelieferte Mütze zu groß war, so dass sie ihm bei seiner Ernennung zum Generalleutnant am 12. November 1955 in der Bonner Ermekeilkaserne über die Ohren rutschte –, Adolf Heusinger, der überzeugte Antikommunist, er wäre mit der Entscheidung der NATO am Tage seines Todes vermutlich sehr zufrieden gewesen.