Oliver Merz ist Theologe und promovierte 2015 in Praktischer Theologie an der Universität von Südafrika. Er forscht, lehrt und berät seit vielen Jahren im In- und Ausland zu den Themen Vielfalt, Inklusion und Teilhabe/Partizipation in Kirche und Gesellschaft zu verschiedenen Zielgruppen.
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Das Interview führte Harry Pepelnar
Warum ist Inklusion für dich zum Thema geworden? Hat das einen persönlichen Hintergrund?
Ja. Ich lebe seit 32 Jahren mit der Krankheit MS. Inklusion wurde für mich zum Thema, als es um meine Zulassung zum pastoralen Dienst ging. Im Gemeindeverband stand die Frage im Raum, ob ich tauglich für diesen Beruf wäre. Ich musste mit einem ärztlichen Attest belegen, dass ich dazu fähig bin. Ich konnte das nachvollziehen und doch wurde ich persönlich damit konfrontiert, dass mich eine Krankheit trotz Theologiestudium vom Wunschberuf ausgrenzen konnte. Später habe ich dann gemerkt, dass es vielen anderen ähnlich geht.
Wenn ich das Wort Inklusion höre, dann kommt zuerst der Gedanke, da geht es um Menschen mit Beeinträchtigungen. Ist das so?
Ja, diese erste Verbindung machen wohl viele. Das war auch mein Anfahrtsweg mit meiner Biographie. Zuerst habe ich gemerkt, dass über Jahrhunderte Menschen mit Beeinträchtigung mit teilweise haarsträubenden theologischen Argumenten vom Dienst in der Kirche ausgeschlossen wurden. Nach und nach entdeckte ich aber, dass Inklusion viele andere Personen und Gruppen betrifft. Zum Beispiel Ausländerinnen und Ausländer, die rein durch die Sprache in unseren Gottesdiensten herausgefordert sind. Wie gehen wir damit um?
Warum löst dieses Thema Inklusion abwehrende Gefühle bei mir aus?
Das erlebe ich oft so. Ich empfinde das gerade im kirchlichen Umfeld als eine meiner grössten Herausforderungen, wenn ich zum Thema lehre. Besonders in der evangelikalen Bewegung ist die Reaktion vielfach erstmal Abwehr. Man impliziert mit inklusiver Kirche grenzenlose, uferlose Toleranz. Alles ist erlaubt. Das ist aber nicht so gemeint. Ich versuche dann aufzuzeigen, dass Inklusion ein ureigenes Thema der Christenheit ist, das sich schon von Gott selbst herleiten lässt.
Du schreibst, dass es beim Thema Inklusion um die Glaubwürdigkeit der Kirche geht. Was meinst du damit?
Ich glaube, dass Inklusion stark mit den Kernaussagen des christlichen Glaubens zu tun hat. Wir fokussieren auf Jesus und betrachten ihn als unser Modell für einen christlichen Lebensstil. Ich frage mich dann, wie genau schauen wir wirklich hin? Wenn wir die Geschichten von Jesus in den Evangelien lesen, entdecken wir, dass viele dieser Berichte regelrechte Inklusionsgeschichten sind. Jesus lädt die Menschen wieder in die Gemeinschaft mit Gott ein, er bezieht gerade die ein, die ausgegrenzt wurden durch die damalige religiöse Elite. Zöllnern, Frauen, Ausländern, stigmatisierten Kranken usw. wurde der Zugang zu Gott und zur Gemeinschaft verwehrt. Jesus illustriert in allen Geschichten, wie das Reich Gottes sich auch dort ausbreitet, wo es die Frommen nie gedacht hätten. Wie weit das nun gehen soll, das ist dann natürlich eine andere Diskussion. Wir haben heute eine Verantwortung, diese aufrichtig und angemessen differenziert zu führen.
Aber ist nicht auch das Gegenteil der Fall, dass Jesus Menschen ausschliesst?
Ja, das stimmt mindestens zum Teil. Die Adressaten der kritischen Reden von Jesus waren in aller Regel die Gruppen, die von sich gedacht haben, sie seien die wirklich Heiligen, die Selbstgerechten, die andere mitunter mit ausgeklügelter theologischer Begründung abwerteten und ausgegrenzt haben. Jesus kämpfte gegen die Selbstgerechtigkeit der frommen Elite! Er hat allen, die einen exklusiven Club gegründet haben, den Spiegel vorgehalten und ihnen quasi gesagt: «Das Reich Gottes ist und kommt anders als ihr meint.» Wir sollten gut hinschauen und uns fragen und prüfen, ob wir vielleicht ähnliche Muster haben. Es gibt auch eine soteriologische Exklusion, wie die Scheidung am Ende der Zeiten oder auch Grenzen, wie zum Beispiel beim Thema Gemeindezucht. Jesus redet auch davon, dass es ein Gerettet- oder Verloren-Sein gibt. Aber er lädt alle zu sich ein.
Sehen wir diese «Jesus-Inklusion» in der ersten Gemeinde?
Ja, mindestens teilweise und fehlerhaft und unfertig wie heute auch. Diese «DNA» der ersten Christen war sehr inklusiv, aber auch sofort stark umkämpft. Die ersten Christen haben meiner Wahrnehmung nach versucht, das «Modell Jesu», seinen Lebensstil aufzunehmen. Aber ich würde nicht sagen, dass Kirche automatisch glaubwürdig ist, wenn sie allen die Tür aufmacht. So einfach ist es nun doch wieder nicht. Es braucht mehr als das. Es geht mir darum, ob wir bereit sind, als Kirchen die zum Teil dringende Reflexion von ausgrenzenden Tendenzen zu wagen. Decken sich die Mechanismen, die wir erkennen, mit unserer Theologie? Ich glaube, dass Jesus sich das wünscht, dass wir mit Demut über dieses Thema nachdenken.
Hat Jesus sich nicht stark für die Schwachen der Gesellschaft eingesetzt?
Ja, auch für die, die man theologisch stigmatisierte und dadurch erst recht schwach machte. Jesus hat damit illustriert, dass alle Menschen erlösungsbedürftig sind. Gesunde, scheinbar richtige Gläubige und andere nicht weniger als Kranke oder Zöllner beziehungsweise Kleinkriminelle. Jesus zeigt auf, dass alle Menschen vor Gott gleich sind. Darum bin ich auch so dankbar für «gleichstellende» Texte, wie wir sie in Galaterbrief 3,28 oder im Vergleich des menschlichen Körpers und der Gemeinde im 1. Korintherbrief 12 finden. Das sind so anschauliche und praktische Verse, greifbar und regen zur Orientierung fürs praktische Miteinander an.
Das spricht mich an. Aber ist es in der Praxis nicht so, dass wir, wenn z.B. ein Alkoholiker den Raum betritt, dann ganz anders reagieren? Was sind da die Stolpersteine?
Was wir denken, gerade auch theologisch, bestimmt unsere Haltung und unser Handeln. Unsere Gemeindekultur, unsere Haltung und unsere Theologie ist entscheidend, sie bestimmt die Gemeindepraxis. Das ist grundsätzlich gewollt und gut. Wenn wir als Kirche offen sein wollen für möglichst viele Menschen, dann müssen wir überdenken, was das für Folgen für die Ausrichtung der Kirche hat. Das hat auch einen Preis. Hat es einen grossen Stellenwert, dass wir einen ruhigen Gottesdienst haben oder freuen wir uns an allen, die da sind, auch wenn sie den durchgestylten Ablauf stören können? Aber solche Entscheide können manches durchkreuzen, so wie es bei den ersten Christen wohl auch der Fall war.
Aber das klingt nach viel Arbeit und wird es nicht kompliziert?
Ja, dass es einfach ist, sehe ich bereits in den biblischen Berichten nicht. Eine inklusive Kirche kann Arbeit bedeuten, herausfordern, sogar überfordern. Aber ich meine, wir machen es uns oft zu einfach und haben dabei nicht automatisch die Bibel auf unserer Seite. Sind meine persönlichen Vorstellungen und Bedürfnisse der Massstab oder dürfen biblische Impulse, christliche Prämissen meine Idealkirche durchkreuzen? Traue ich Gott zu, dass eine Inklusive Kirche auch ein Mehrwert sein könnte – trotz Herausforderungen, die das mit sich bringen kann? Inklusion fordert von uns Christen eine grosse Reife.
Gibt es auch Grenzen der Inklusion?
Ja, das wird vermutlich so sein. Inklusion ist auch in unseren Kirchen ein Ideal, das wir nie ganz erreichen. Es ist ein richtungsweisendes Ziel, auf das hin wir unterwegs sein sollten und hoffentlich auch wollen. Wir brauchen den Mut, unvollkommen zu sein und zum Unterfertigen zu stehen – aber nicht dort stehen zu bleiben. Wir leben mit der Verheissung, dass Gott alles einmal zusammenbringt, zurechtrückt und so wiederherstellt. Heute, hier auf Erden, ist es als Christen entscheidend, dass wir uns an dem orientieren, was uns auf dem Weg zu einer inklusiven Kirche hilft. Wir bleiben aber immer «Kirche unterwegs». Separationen in Zielgruppen wie zum Beispiel Kinder- oder Seniorenarbeit schliesst das alles übrigens für mich nicht aus, mindestens punktuell. Gewisse Separationen machen also durchaus Sinn, aber sie verpflichten uns mit Inklusion auch, dass wir gut reflektieren und uns fragen, wo macht was Sinn und was sind die Folgen.
Danke, Oliver Merz, für das Gespräch.
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