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Als Arzt Gott erleben

Albrecht Seiler

In meinem Fachgebiet der Psychosomatik begegnen sich unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen. Das macht meinen Berufsalltag als Arzt mit diesem Schwerpunkt vielseitig und faszinierend. In Gesprächen und bei Untersuchungen begegnen mir einzigartige Menschen. Jeder steht in seiner Lebenswelt und in seinen besonderen Lebensbeziehungen, jeder ist eine Einheit von Körper, Seele und Geist. Diese Dimensionen wirken aufeinander ein.

Wissenschaftler beobachten und suchen Antworten

Die Basis einer qualifizierten Arbeit in der Psychosomatik sind Kenntnisse und Erfahrungen. Die wissenschaftliche Forschung generiert, sammelt und ordnet Wissen und macht es damit anwendbar. Diese Daten, Fakten und Zusammenhänge beziehen sich auf die Natur und das ganze Universum und damit – als Teil davon – auch auf das Lebewesen Mensch. Forschende Menschen entdecken immer mehr von der Komplexität, der Funktionalität und den Ordnungen im Universum. Wissenschaftler beobachten und untersuchen das, was schon da ist oder – aus biblischem Blickwinkel – was geschaffen worden ist. Wissenschaftliche Kenntnisse wachsen rasant, doch interessanterweise nehmen die Fragen schneller zu als die Antworten. So ist am Ende vieler wissenschaftlicher Veröffentlichungen von weiterem Forschungsbedarf zu lesen, der sich aus den gerade gewonnenen Erkenntnissen ergibt.

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Wissenschaftliche Kenntnisse wachsen rasant, doch interessanterweise nehmen die Fragen schneller zu als die Antworten.

Im Blick auf die Menschen ist seit einigen Jahren das sogenannte bio-psycho-soziale Modell «wissenschaftlicher Standard». Die Dimension «Bio» des Menschen meint dabei den Körper mit all seinen Funktionen wie Muskulatur und Gelenke, innere Organe, Hormone, Nervensystem, Sinnesorgane usw. «Sozio» beschreibt alles ausserhalb einer Person und seine Beziehungen zu den Mitmenschen, zur Umgebung und Natur oder zur Gesellschaft und Kultur. Die Dimension «Psycho» umfasst das, was in einem Menschen vorgeht. Das deutsche Wort Seele entspricht dem altgriechischen Wort Psyche. Darunter wird das Fühlen (Emotionen) einer Person verstanden, ihr Denken (Kognitionen) und ihr Handeln (Motivationen). Zusammengefasst beschreibt das «bio-psycho-soziale» Modell den natürlichen Menschen in seinem zeitlichen und räumlichen Umfeld.

Die Dimension der Spiritualität

Doch, fehlt da nicht etwas? Reicht es, ein Menschenbild und Weltbild auf das Materielle zu begrenzen? Es geht mir da ebenso, wie nicht wenigen Wissenschaftlern, die durch ihre Arbeit ins Staunen kommen. Oder es brechen Fragen auf: Soll dieser komplexe Makrokosmos und Mikrokosmos einfach so zufällig und ohne einen Schöpfer und aus dem Nichts heraus entstanden sein? Meine Lebenserfahrung und mein Glaube weisen hier auf eine vierte Dimension hin, auf die des «Übernatürlichen», einer Dimension ausserhalb von Raum und Zeit. Dieses «Übernatürliche» gehört in die Dimension der Spiritualität, die Beziehungen zum Transzendenten (= das Durchscheinende) beschreibt. Meiner Ansicht nach hat jeder Mensch sowohl die Fähigkeit als auch ein Bedürfnis, mit dem Übernatürlichen in Kontakt zu treten. Meine persönliche Spiritualität lebe ich im Glauben an und in der Beziehung zu Gott, dem Schöpfer des Universums. Damit sehe ich mich als ein bio-psycho-sozio-spirituelles Wesen und lebe auch so.

Das erweiterte bio-psycho-soziale Modell (© Dr. med. Albrecht Seiler)
Ich sehe mich als ein bio-psycho-sozio-spirituelles Wesen und lebe auch so.

Für meine Tätigkeiten als Arzt haben die Erkenntnisse aus der Wissenschaft eine grundlegende Bedeutung. Ich bin dankbar für medizinische und psychologische Erkenntnisse und Fortschritte, die ich in meiner Diagnostik und in meiner Therapie einsetzen kann. So stehen uns wissenschaftlich fundierte Modelle zu Persönlichkeit und zu menschlicher Veränderung zur Verfügung, die wir in der Diagnostik und der Therapie einsetzen können. Durch die intensive neurobiologische Forschung der letzten Jahre wurden viele Vorstellungen von der Funktion des Menschen und seines Gehirns verbessert und erweitert. Das hilft uns auch in der Psychosomatik, Zusammenhänge besser zu verstehen und erklärbar zu machen. Auch wenn vieles, was im medizinischen Alltag geschieht, nicht durch Experimente «bewiesen» ist, arbeite ich – wie auch die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen – mit Methoden, für die es eine gute «Evidenz»-Grundlage gibt. Das bedeutet, sie bauen auf soliden Erkenntnissen auf, die für deren Wirksamkeit sprechen.

Der Mensch in biblischer Perspektive

Als ein Mensch, der mit Gott unterwegs ist, ist für mich die Bibel als Wort Gottes eine wertvolle Perspektive. Vielfach untermauern und bestätigen biblische Aussagen Erkenntnisse aus der Wissenschaft. So beschreibt ein Menschenbild der Bibel den Menschen als ein Geschöpft mit Leib, Seele und Geist, also ähnlich dem modernen «bio-psycho-sozialen Modell». Der biblische Begriff Seele fasst dabei die beiden Dimensionen «psycho» und «sozio» zusammen. «Geist» reicht dabei über das Materielle hinaus und führt hinein in die Dimension Gottes. Wenn der Geist Gottes mit dem Geist des Menschen kommuniziert, kann das wertvolle Impulse geben.

In meinem Arbeitsalltag bin ich dankbar für die umfassenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir in der Medizin und in der Psychologie in der Arbeit und Therapie mit Menschen einsetzen können. Ich bin dankbar für die Wissenschaft, die diese Erkenntnisse erweitert und vertieft. In gleicher Weise bin ich dankbar, dass Gottes Kraft und Wirken über das hinausgeht, was an Universitäten und in Schulungen gelehrt wird. Schon häufig durfte ich erleben, dass das Wort Gottes, das Menschen weitergeben, nicht leer zurückkommt. Ich bin dankbar, dass ich immer wieder Gottes Gegenwart bei der Arbeit erlebe und dass ich zu Ihm beten kann, nicht nur wenn ich an meine Grenzen komme (was nicht selten der Fall ist). Auch für viel Gutes, für positive Veränderungen, für Bewahrung oder für Führungen kann ich Ihm danken. Das bereichert meinen Alltag und mein Leben.

In gleicher Weise bin ich dankbar, dass Gottes Kraft und Wirken über das hinausgeht, was an Universitäten und in Schulungen gelehrt wird.
Dr. med. Albrecht Seiler, 62, verheiratet, wohnhaft in D-Laufenburg. Facharzt für Allgemeine Innere Medizin, Schwerpunkt Psychosomatik SAPPM, MSc Counselling Psychology (Lee Univ. TN); Ärztlicher Consultant, Ambulatorium der Klinik SGM in Langenthal

www.klinik-sgm.chalbrechtseiler.de