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Die Schöpfung UNSERE VERGESSENE LEBENSGRUNDLAGE

In unserer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft haben wir vergessen, was unsere Lebensgrundlage ist: die Schöpfung. Gott hat sie uns anvertraut; wenn sie zerstört wird, dann fehlt uns die Grundlage zum Leben und uns als Kirche auch die Möglichkeit, den Auftrag Jesu zu vollenden: Menschen für Ihn zu gewinnen.

Am Anfang ...

… steht der erschaffende Gott. Er schuf die Himmel und die Erde. Seine Schöpfung nimmt nach und nach Gestalt an. Wo Tohuwabohu herrscht, tritt Ordnung und Schönheit auf die Bühne. Die Schöpfung entfaltet sich in ihrer Gottes Herrlichkeit widerspiegelnden Vielfalt. Farben, Formen, Gerüche, Töne explodieren zu einer göttlichen Symphonie. Als Schlussbouquet dieses göttlichen Feuerwerks schuf Gott den Menschen, nach Seinem Bild, als Mann und Frau!

Da steht sie, die «Krone der Schöpfung», (Psalm 8, 5–7) mitten unter ihren Mitge­schöpfen, mitten in der Schöpfung. Nichts trennt den Menschen von Gott und der Schöpfung, er ist Teil des Ganzen. Er fühlt sich von der Schöpfung, den Tieren, den Pflanzen, dem Klima nicht bedroht und sie nicht von ihm. Göttliche Harmonie und Frieden herrschen und alle Beziehungen sind intakt. Der Mensch erhält den Auftrag, sich die Erde untertan zu machen und über das Tierreich zu herrschen. Was Gott mit «herrschen» meint, wird durch 1. Mose 2, 15 klar – bebauen und bewahren.

«Das Herrschen, das nach biblischer Aussage dem Menschen neben dem Bebauen und Bewahren eingeräumt und angewiesen ist, ist zu verstehen als das Handeln, durch das der Mensch den Lebensraum für sich und die übrigen Geschöpfe bewahrt.»

W. Härle, 2002: Dogmatik, Berlin, New York, S. 438

Als Gottes Ebenbild sind wir kreativ, schöpferisch und damit auch verändernd unterwegs. Nach jüdischer Tradition ist es die Aufgabe des Menschen, dem Schöpfer bei der Vervollkommnung seiner Schöpfung zu helfen. Darin ist er Gottes Mitarbeiter. Wir sind berufen, unsere Kreativität, unsere Intelligenz und alle unsere Fähig­keiten und Gaben mit Leidenschaft für die Bewahrung und Entwicklung der Schöpfung einzusetzen. Als unsere Lebensgrundlage sollen wir sie nutzen, nicht zerstören.

Aber dann ...

… kommt der Sündenfall, die grosse Katastrophe und der Zerbruch aller Beziehungen. Der Mensch steht mit sich selbst, mit dem Erdboden und dem Rest der Schöpfung im Konflikt. Harmonie, Frieden und Leichtigkeit gehen verloren. Das Für- und Miteinander wird zum Gegeneinander. Bedrohung, Angst, Neid, Missbrauch, Mord und Totschlag treten auf die Bühne. Bis zur Sintflut eskaliert die Situation. Gott macht reinen Tisch und fängt mit Noah und Co. neu an.

Ihm geht es nicht nur um den Menschen. Gott schliesst einen Bund «mit jedem lebenden Wesen … Meinen Bogen setze ich in die Wolken, und er sei das Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde» (1. Mose 9, 10 und 13).

Haben wir da was vergessen?

Wer in und mit der Natur arbeitet, weiss, dass er nicht alles im Griff hat, auch als Profi nicht.

Glück im Stall ...

… ruft der Nachbar, wenn er in den Stall kommt. Mindestens war das in meinem Landwirtschaftspraktikum so. Man wünschte sich den Segen im Stall und erwartete ihn von Gott. An den Wänden alter Bauernhäuser stehen Segenssprüche, und da und dort wird der Alpsegen gerufen. Wer in und mit der Natur arbeitet, weiss, dass er nicht alles im Griff hat, auch als Profi nicht. Dieses Wissen ist am Verschwinden, der Mensch entfernt sich auch dort, wo er der Natur ausgesetzt ist, immer mehr von der Schöpfung und vom Schöpfer.

Nur noch wenige arbeiten als Bauern oder Hirten. Wir leben in einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft und «Agrar» klingt schon fast verdächtig nach Lobby und industrieller Tierhaltung. Viele haben eine romantische Vorstellung davon, wie Landwirtschaft aussehen müsste, damit sie wieder «naturnah» bzw. biologisch wäre. Die ökonomische Seite wird dabei gerne vergessen. Als Landwirt lebe ich davon, dass ich Land, Tiere und Pflanzen nutze, sie weiter entwickle, züchte, Lebensmittel produziere. Ich bin ganz direkt in den Auftrag Gottes hineingenommen, zu bebauen und zu bewahren. Diesen Auftrag schöpfungsgemäss zu erfüllen und gleichzeitig den Anforderungen von Gesellschaft, Grossverteilern und Gesetzen gerecht zu werden, ist für den Einzelnen fast unmöglich. Er braucht Unterstützung, auch durch die Kirche, auch durch Dich!

Haben wir da was vergessen?

Wie finden wir zurück zur Grundlage?

Als Jesus sagte: «Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus !» sprach er vom Tempel in Jerusalem (Matthäus 21, 13). Wenn ich die Schöpfung als «Haus Gottes» verstehe, bekommt dieser Vers eine globale Bedeutung, auch über die Kirche hin­aus. Anstatt Gott anzubeten, zu Ihm zu beten, mit Ihm zu rechnen, für andere einzustehen, haben die Menschen – also wir – dieses Haus, Seine Schöpfung, unsere Erde zu einer Räuberhöhle gemacht, in der ausgebeutet, missbraucht und zerstört wird. Armut, Krankheit, Umweltverschmutzung, soziale Ungerechtigkeit sind Auswirkungen der Sünde.

«Die Armut von Millionen erschüttert uns alle. Wir sind verstört über die Ungerechtigkeit, die diese Armut verursacht. Wer im Wohlstand lebt, muss einen einfachen Lebensstil entwickeln, um grosszügiger zur Hilfe und Evangelisation beizutragen.»

Lausanner Verpflichtung von 1974 (§ 9)

Diese «Ungerechtigkeit» ist auch unsere Entfremdung von Gottes Schöpfung. Als Kirchen fokussieren wir uns auf Jesus, unseren Erlöser. Richtig! Aber wir vergessen dabei zu oft unsere gemeinsame Lebensgrundlage – die Schöpfung. Wenn wir uns auch im Bereich der Bewahrung der Schöpfung engagieren, tragen wir dazu bei, dass Ungerechtigkeit nicht akzeptiert wird.

Damit wir dahin kommen, braucht es ein verändertes Denken! Metanoia wird es in der Bibel genannt. Busse, Umkehr und damit eine schrittweise Hinwendung zu unserer Lebensgrundlage und ihrem Schöpfer. Wir müssen anders denken und auch anders handeln. Und das heisst mehr als Fair­trade-Kaffee im Kirchenkaffee.

Am Ende ...

… eine neue Erde, eine neue Schöpfung. Bis dahin lohnt es sich, das zu bebauen und zu bewahren, was uns Gott anvertraut hat. Als gute Verwalter sollen wir uns dafür einsetzen, dass Gottes Schöpfung in Seinem Sinne bebaut und bewahrt wird.

Dr. Peter Gloor, dipl. Ing.-Agr. ETH, Pastor, pensionierter Leiter Chrischona Schweiz