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Lernen & Lehren in der digitalen Welt Gedanken zur KMK-Ergänzung vom 09.12.2021

Die Ergänzung zum KMK Strategiepapier "Bildung in der digitalen Welt" vom 08.12.2016 präzisiert nun 5 Jahre später die Aussagen eben dieser Strategie.

Wenn man sich das Veränderungstempo der Gesellschaft bedingt durch die digitale Transformation im 21. Jahrhundert vor Augen führt, ist dies zu spät. Aber besser spät als nie. 😉

Ergänzung - als nächster Schritt auf dem Weg

Die Vision, als erster Schritt des Transformationsprozesses der nicht nur schulischen Bildung, wurde mit dem KMK-Strategiepaier 2016 formuliert. Ein gemeinsames Ziel wurde formuliert:

Die Digitalisierung unserer Welt ... ist für den gesamten Bildungsbereich Chance und Herausforderung zugleich. Chance, weil sie dazu beitragen kann, formale Bildungsprozesse – das Lehren und Lernen – so zu verändern, dass Talente und Potentiale individuell gefördert werden; Herausforderung, weil sowohl die bisher praktizierten Lehr- und Lernformen sowie die Struktur von Lernumgebungen überdacht und neu gestaltet als auch die Bildungsziele kritisch überprüft und erweitert werden müssen. Heraus- forderung aber auch, weil dafür infrastrukturelle, rechtliche und personelle Rahmenbedingungen zu schaffen sind.

https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2017/Digitalstrategie_KMK_Weiterbildung.pdf S.3

Um diese Vision in die Breite zu tragen und Entwicklungsprozesse anzustoßen, ist ein gemeinsames Verständnis von Zielperspektiven, Inhalten, Wegen und Methoden - für alle Beteiligte notwendig. Dies hat mit Einstellungen und Haltungen zu tun. Dass dieser Prozess "nur" 5 Jahre gedauert hat, verdeutlicht die Beharrungskräfte im Bildungssystem. Darüberhinaus ist zu beachten, dass ist die Entwicklung durch die Pandemie beschleunigt wurden - eine Implementierung digitaler Medien in unterrichtliche Prozesse wird generell nicht mehr in Frage gestellt, wohl aber in Aspekten noch diskutiert.

Die Ergänzung zur Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 09.12.2021) ...

... perspektiviert den Weg vom „Lehren und Lernen mit digitalen Medien und Werkzeugen” hin zum Lernen und Lehren in einer sich stetig verändernden digitalen Realität, die als Kultur der Digitalität insbesondere in kulturellen, sozialen und beruflichen Handlungsweisen deutlich wird und wiederum Digitalisierungsprozesse auslöst.

Hier werden von Beginn an Ziel und Gesamtvision der Strategie kommuniziert und zwei meiner Meinung nach sehr wichtige Grundlagen für Weiterarbeit und Entwicklungsperspektive benannt:

  1. Das Begreifen der Strategiearbeit als einen in die "sich stetig verändernde[-] digitale[-] Realität eingebetteten, ubiquitären Prozess, der einer agilen Begleitung bedarf.
  2. Die Anerkennung der sich verändernden kulturellen Praktiken als Kultur der Digitalität auch für den Bildungsbereich und dies als Grundlage der Arbeit für alle an Bildung Beteiligte zu verstehen, weist eine grundsätzliche Richtung für Weiterentwicklung der Strategie und Implementierung von Maßnahmen zur Veränderung - auf Seite 4 formuliert als "Re-Organisation von Schule und Unterricht".

Adressatenkreis (S. 4):

  • schulische Systemebene (Bildungsverwaltung, Schulaufsicht)
  • Ebene der Einzelschulen (Schulleitung, Lehrkräfte, weiteres pädagogisches Personal)
  • Einrichtungen der Lehrerbildung (Hochschulen, Institutionen für den Vorbereitungsdienst sowie für die Fort- und Weiterbildung)
  • Forschung (Bildungsforschung, Fachdidaktiken)
Themen

Lernen in der digitalen Welt – Potenziale

Erfreulich, dass trotz des Titels zuerst Bezug auf das Lernen genommen wird. Hier setzt man den Fokus. In erster Linie geht es um die Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern (S. 7 ff.), um die Potenziale des Lernens in der digitalen Welt (S. 9 ff.) und um das Verständnis einer neuen Prüfungskultur (S. 13 ff.).

Diese Priorisierung ist mehr als erfreulich. Die schon seit langem an vielen Stellen, vor allem im Twitterlehrer:innenzimmer diskutierten Themen, erhalten durch diese Positionierung einen Stellenwert in der bildungspolitischen Diskussion auf allen Ebenen. Oft ist auf institutionellen Ebenen noch ein mangelndes Verständnis für die Kultur der Digitalität zu spüren und auch häufig ein Unverständnis und eine Ablehnung gegenüber einer neuen Prüfungskultur. Denn ein Abrücken von Benotung und das Unterstreichen der pädagogisch-didaktischen Vorteile des formativen Assessment löst vielfach Verunsicherung, wenn nicht gar Ablehnung aus.

Deshalb verspreche ich mir von diesem Papier eine höhere Wirkung als vom Strategiepapier 2016 - Ergänzungen zur grundlegenden Strategie werden relativ konkret formuliert: tutorielle Systeme, AR, VR, gamification, Video und Sprachnachricht als Feedback, ...

Lehren

Unter dem Aspekt "Lehren" findet man Aussagen zu:

  1. Schulentwicklung (S. 16 ff.)
  2. Gestaltung digital gestützter Lehr-Lern-Prozesse (S. 20ff.)
  3. Kompetenzen der Lehrkräfte (S. 23 ff.)
  4. Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte (Lehrerbildung) (S. 26 ff.)

kurze Anmerkung:

zu 2. Schade, dass man an dieser zum Verständnis einer Kultur der Digitalität nicht passenden Formulierung der "digital gestützten Lehr-Lern-Prozesse" festgehalten hat. (Aber: es kommt ja auf den Inhalt an. 😉)

zu 4. Besonders bemerkenswert finde ich den umfangreichen 4. Punkt zur Lehrer:innenbildung - ein mehr als wichtiges Thema, das keinen Aufschub duldet, denn in keiner Phase der Lehrer:innenbildung darf mehr gewartet werden. Ob in Studium, Referendariat oder Beruf - Lehrer:innenbildung muss als lebenslanges Lernen verstanden und von Beginn an auch in der Lehrer:innenausbildung etabliert werden. Nur so werden die Grundlage für die beständige Weiterentwicklung der Lehrenden gelegt.

Es finden sich immer wieder Aussagen wie diese zur Schulentwicklung:

Schulentwicklung, auch auf Systemebene, kann nachhaltig wirken, wenn sie langfristig angelegt ist, realistische Entwicklungsziele verfolgt, die gesamte Schulgemeinschaft einbindet, von der Mehrheit des Lehrerkollegiums getragen wird und mit Ressourcen hinterlegt ist. (S. 17)

So oder ähnlich wurde schon oft formuliert. Das Strategiepapier von 2016 zeugt davon. Der entscheidende und bisher immer wieder nicht realisierte Punkt ist die o.g. Hinterlegung mit Ressourcen.

Daran wird sich auch jetzt die Politik messen lassen müssen. Worte, Vorschläge, Pilotprojekte, Ideen, ... von all dem gibt es genug. Viele wunderbare Projekte, die genau das hier in der Ergänzung Formulierte initiieren und entwicklen. Aber an Verstetigungen und Implementierungen mangelte es bisher.

Lehrende brauchen Zeit und Räume zum kollaborativen Arbeiten und Weiterentwickeln. Netzwerkarbeit über die Phasen der Lehrer:innenbildung hinaus - untereinander und mit Akteuren der außerschulischen Bildung benötigt engagierte Personen, die das nicht wie überwiegend bisher aus persönlichem Interesse heraus tun, sondern es bedarf einer institutionellen Verankerung, die aber nicht hierarchisch strukturieren und in alte Prozesse Einbunden soll, sondern eine Ermöglichungskultur etablieren muss.

Ansätze finden sich dazu im Ergänzungspapier:

"Der Erwerb digitaler und medienbezogener Kompetenzen wird in dieser Perspektive als Teil des sich über die gesamte Berufsbiografie einer Lehrkraft erstreckender phasenübergreifender Professionalisierungsprozesses verstanden, welcher die Lehrkräfte dazu befähigen soll, alle unterrichtsrelevanten Fragen von Digitalisierung und Digitalität professionell behandeln und den eigenen Unterricht sowie das pädagogische Wirken weiterentwickeln zu können. Dabei sind die unterschiedlichen Phasen der Lehrerbildung und insbesondere auch die verschiedenen Ebenen der Qualifizierung noch stärker zu beleuchten bzw. zu differenzieren und aufeinander abzustimmen." (S. 17)

"Der Schulentwicklungsprozess ist in Richtung eines sich ändernden Lernverständnisses (selbstverantwortlich, selbstorganisiert, kollaborativ, Feedbackkultur) zu initiieren und zu gestalten." (S. 19)

"Austausch und die enge Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften einer Schule, innerhalb der Fach- bzw. Bildungsgangkonferenzen, aber auch über Schulgrenzen hinweg mit Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen oder ex- ternen Partnern" (S. 22)

konkrete Forderungen zur Lehrer:innenbildung
Landesinstitute sollten beauftragt werden, auf der Basis bisheriger Entwicklungsarbeiten und unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der allgemeindidaktischen, lernpsychologi- schen, medienpädagogischen und fachdidaktischen Forschung zu lernwirksamen Merkmalen länderübergreifend und gemeinsam mit Forschung und Praxis erprobte Konzepte für eine digital unterstützte Gestaltung eines individualisierten Unterrichts zu entwickeln und allen Schulen zur Verfügung zu stellen. (S. 23)
Digitale Vernetzungsstrukturen zur schul- und länderübergreifenden Zusammenarbeit von Lehrkräften und Lernenden zum Austausch von freien Lehr- und Lernmaterialien und zu deren Neu- und Weiterentwicklung sollten ausgebaut sowie deren Nutzung intensiviert werden. (S. 23)

Nun kommt es auf die Umsetzung an. Wie reagieren Landesinstitute? Welche Spielräume und Ressourcen stehen ihnen zur Verfügung? Wie schnell und effektiv werden diese Vernetzungsstrukturen gebildet? Und werden nur digitale Strukturen angelegt oder werden sie auch mit Handeln erfüllt?

Vernetzung bedeutet eben nicht nur die "Visitenkarte" auszutauschen. Es muss sich ein fachlicher Austausch anschließen, der eine Kultur des Teilens als Grundlage seines Handelns versteht.

Erst wenn auch in diesen hoffentlich schnell verbindlich geschaffenen Strukturen, Referentialität und Gemeinschaftlichkeit gelebt werden, kann Vernetzung in einer Kultur der Digitalität wirksam werden.

Verweise auf Arbeitsgrundlagen/Modelle.

Das Ergänzungspapier schließt mit einer Benennung von 4 weiteren Arbeitsschwerpunkten:

  1. IT-Infrastruktur
  2. Content und Strukturen für eine forschungsbasierte Entwicklung und Implementation digitaler Unterrichtstechnologien
  3. Monitoring und Bildungsdaten
  4. Strukturen für die Förderung informatischer Kompetenzen

Die Ausführungen zu diesen Arbeitsschwerpunkten sind jeweils sehr kurz gehalten. Hier werden Bereiche benannt, die gerade als Basis (siehe Punkt 1) bzw. in Verbindung mit der Lösung der im Vorfeld genauer beschriebenen grundsätzlichen Überlegungen und Ziele verbunden sind.

mein Fazit:

  • klare Richtungsvorgabe
  • eindeutige Prioritätensetzung
  • konkrete Empfehlungen

Das allein reicht aber nicht aus. Die größte Schwierigkeit, wie wir alle aus den vorangegangenen Jahren wissen, liegt in der Umsetzung - Bereitstellung von Ressourcen hinsichtlich Zeit, Räumen (analog und digital), Personal, Geld, Vertrauen - und vor allem: neuen Strukturen.

Created By
Ines Bieler
Appreciate

Credits:

Erstellt mit Bildern von TheDigitalArtist - "earth internet globalization" • geralt - "to learn training books" • geralt - "traffic signs place-name sign training" • geralt - "change new beginning risk"