Das Jahr 2010 war das bis dahin verlustreichste Jahr für die Bundeswehr, für Soldaten, deren Anghörige und Freunde. Im Einsatz in Afghanistan erleben immer mehr Soldaten und Soldatinnen, was mit dem „scharfen Ende“ ihres Berufes gemeint ist. Nie zuvor waren sie so häufig in Gefechte verwickelt - oder mussten erleben, wie Kameraden verwundet von Erkundungen oder Patrouillen zurückkehrten. Die zunehmenden Belastungen der Einsatzrealität treffen ebenso die Familien daheim. Und auch in die bundesdeutsche Öffentlichkeit dringt mehr und mehr die Erkenntnis durch: Soldat oder Soldatin sein, kann auch Gefahr für Leib und Leben bedeuten. Dass das so ist, liegt auch an einem fast zehn Stunden andauernden Gefecht am 2. April 2010. Ein Zug der 3. Kompanie des Fallschirmjägerbataillons 373 gerät bei Isa Khel in einen Hinterhalt der Taliban. Das Gefecht, bei dem drei Bundeswehrsoldaten fallen, kennt jeder Soldat, kennt jede Soldatin unter dem Namen Karfreitagsgefecht. Ein Sonderdruck der „Militärgeschichte" ist ihm gewidmet. Auch im Wald der Erinnerung wird den Gefallenen vom 2. April gedacht. Ihre Namen und Bilder zusamen mit denen aller Gefallenen der Bundeswehr in den letzten Jahrzehnten legen Zeugnis davon ab, was mit dem Begriff „Armee im Einsatz“ auch gemeint ist. Dass Soldatinnen und Soldaten kämpfen, töten und sterben. Ihr Einsatz verdient es, gewürdigt und wahrgenommen zu werden.
In den vergangenen Jahren hat sich langsam und noch recht leise eine Erinnerungskultur rund um das Karfreitagsgefecht ausgeprägt. Ihr Treiber sind vor allem Veteranen und Veteraninnen, die an eben jene Ereignisse und Verluste erinnern, die viele Soldatinnen und Soldaten geprägt haben. Zu denen, die das Karfreitagsgefecht geprägt hat, gehört auch der 2. Stellvertretende Bundesvorsitzende des DBwV, Oberstleutnant i.G. Marcel Bohnert: „Das Karfreitagsgefecht fiel in die Vorbereitungszeit meines eigenen Einsatzes in der Task Force Kunduz. Es hat die Erwartungen meiner Einheit an unsere Zeit in der Unruheprovinz und unsere Vorbereitung nachhaltig geprägt. Ich habe längere Gespräche mit Betroffenen, u.a. mit dem verwundeten Hauptfeldwebel Naef Adebahr geführt, um mir aus erster Hand einen Eindruck von den Kampferfahrungen machen zu können.“
In Deutschland tut man sich schwer mit einer Gedenkkultur, die in die jüngere Geschichte unseres Landes blickt und dabei die Leistungen und die Opfer ins Licht rückt, die Soldatinnen und Soldaten erbringen. Aber die digitale Welt ermöglicht es denen, die Erinnern und Gedenken wollen, sich zu finden, miteinander zu vernetzen und zu organisieren. Aus losen Ideen und vielen Einzelnen werden so schnell Gemeinschaften. Eine solche Gemeinschaft findet sich in diesem Jahr unter dem Hashtag #12k3 zusammen. Im letzten Jahr war es #11k3 und davor #10k3. Wofür steht die Abkürzung? Die Zahl gibt jeweils an, wie viele Jahre das Karfreitagsgefecht zurück liegt. Und sie setzt auch ein Ziel: Wie viele Kilometer im Gedenken mit wie vielen Kilogramm Gepäck marschiert werden. Ziel ist es, jedes Jahr ein bisschen mehr zu schaffen. Die Drei steht für die drei Gefallenen vom 2. April. Natürlich sind weder die 12 Kilometer noch die 12 Kilo verpflichtend. Was zählt, ist das Symbol. Wer die Erinnerung wach halten will, wer alleine oder in der Gruppe mit wandern will, ist eingeladen. Und die Zahl derer, die gedenken wollen, steigt. Wenn man auf Instagram mit den Hashtags der letzten Jahre auf die Suche geht, finden sich viele Gleichgesinnte.
Der 2. Stellvertretende Bundesvorsitzende des DBwV, Oberstleutnant i.G. Marcel Bohnert, nimmt wie jedes Jahr am Marsch teil. Nach seiner persönlichen Motivation gefragt, sagt er: „Es ist wichtig, unserer Veteranen zu gedenken und ihre Leistungen immer wieder öffentlich herauszustellen. Das ist auch wesentliche Voraussetzung für die Entstehung einer echten Veteranenkultur.“
Hauptfeldwebel Oliver Dominick ist Vorsitzender der Truppenkameradschaft Karrierecenter der Bundeswehr in Berlin und hat in diesem Jahr mehr als zehn Soldaten seiner Einheit von einer Marschteilnahme überzeugen können: „Geprägt durch verschiedene eigene Auslandseinsätze engagiere ich mich bereits seit Jahren in der Einsatznachbereitung. Zudem ist es meines Erachtens nach eine Frage der Kameradschaft dafür zu sorgen, dass man nicht vergisst. Es geht um die Anerkennung von Soldaten, ihren Leistungen und den gebrachten Opfern für die Bundeswehr. Nils, Martin, Robert und somit der Marsch stehen für mich repräsentativ für alle Gefallenen und Einsatzversehrten. Seit dem 10K3 organisiere ich den Marsch in meiner Einheit und es ist mittlerweile Tradition, dass wir ihn im Team durchführen. Kameradschaft ist eben mehr als nur ein Wort. Mein Wunsch wäre es, dass es eines Tages ein Großevent - gerne in Berlin - gibt, welches Soldaten, Veteranen, Angehörigen und auch Zivilisten die Möglichkeit gibt, in Kontakt zu treten und gemeinsam zu gedenken.“
Hauptfeldwebel Stefan Walczak leistet seinen Dienst am Einsatzführungskommando der Bundeswehr und ist für die Soldaten Veteranen Stiftung engagiert. Auf die Frage, warum er teilnimmt, antwortet er: „Weil ich mich mit den gefallenen Soldaten und deren Hinterbliebenen verbunden fühle. Zusätzlich kommen die Einnahmen des 12k3-Patches einem gemeinnützigen Verein zu Gute. Durch solche Veranstaltungen wird eine bessere Transparenz zum Soldatenberuf geschaffen, das ist wichtig um beispielsweise auch die Kehrseite des Berufes aller Soldatinnen und Soldaten aufzuzeigen - nämlich, dass sie im schlimmsten Fall ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen. Niemand ist vergessen.“
Lena Pütz, Regierungsinspektorin im Bundesamt für Personalmanagement der Bundeswehr und seit einigen Monaten Mitglied im DBwV, ist bereits seit dem ersten Gedenkmarsch vor drei Jahren dabei: „Ich fühle mich auch als zivile Bundeswehrangehörige verpflichtet, die Erfahrungen der Auslandseinsätze im kollektiven gesellschaftlichen Gedächtnis zu halten. Mit meiner Marschteilnahme kann ich auch ein sichtbares persönliches Zeichen setzen.“
Im öffentlichen Raum sind Soldatinnen und Soldaten in den letzten zwei Jahren zwar präsenter als zuvor - sie dürfen seit 2020 kostenfrei Bahn fahren. Und auch der große Zapfenstreich im letzten Jahr und andere Feierlichkeiten zur Rückkehr der Soldatinnen und Soldaten aus dem längsten und gefährlichsten Einsatz der Bundeswehr haben zur Sichtbarkeit beigetragen. Aber eine Integration des Erinnerns an gefallene Soldaten in den Kalender der deutschen Gedenktage gibt es bisher nicht. Auch wenn es darum geht, einen Ort, eine Straße nach einem vorbildlichen Soldat oder einer vorbildlichen Soldatin der Bundeswehr zu benennen, wird es schwierig. Das zeigt exemplarisch der Konflikt um den Martin-Augustyniak-Platz in Bielefeld. Es gibt ihn nun seit 2020. Im Stadtteil Brackwede, unweit vom Elternhaus des Hauptgefreiten, steht neben dem Straßenschild auch eine Bank mit Namen und Todestag des Gefallenen. Die Umbenennung des Platzes wurde zum lokalen Politikum.
Zum 10. Jahrestag des Karfreitagsgefechts hat der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, Hauptmann d.R. Peter Tauber, klug erläutert, warum die drei Gefallenen und die acht Verwundeten des 2. April 2010 unser Gedenken verdienen. „Alle deutschen Soldaten, die bei Isah Kehl gekämpft haben, haben den Kampf angenommen. Acht wurden verwundet, drei haben mit dem Leben dafür bezahlt. Sie haben gemeinsam gekämpft. Miteinander und füreinander. Der große Moltke hat es so formuliert: Nicht der Glanz des Erfolges, sondern die Lauterkeit des Strebens und das treue Beharren in der Pflicht auch da, wo das Ergebnis kaum in die äußere Erscheinung tritt, wird über den wahren Wert des Menschen entscheiden. - Übertragen auf das Karfreitagsgefecht führt uns das vor Augen, warum alle, die bei Isah Kehl gekämpft haben, tapfere und treue Soldaten waren. Sie haben ausgeharrt. In einer für sie unübersichtlichen Situation. Sie haben ihre Pflicht getan. Um ihren Auftrag zu erfüllen und den Kameraden, der neben ihnen kämpfte, zu schützen.“