Ein Dorf stürmt die 2. Liga Vor 30 Jahren: Der FSV Salmrohr feiert den Sprung in den Profifußball

Salmrohr, 18. Juni 1986: In der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga läuft dem FSV Salmrohr im Heimspiel gegen Kickers Offenbach die Zeit davon. Es steht 1:2. Doch dann trifft Stürmer Herbert Herres zum 2:2. 4500 Zuschauer bejubeln das Unentschieden wie einen Sieg - denn der Dorf-Club schafft so den Sprung in die 2. Liga. Als Verein aus der kleinsten Gemeinde, die jemals im Profifußball gespielt hat. 30 Jahre liegt das zurück. Der Trierische Volksfreund erinnert mit Videos und historischen Zeitungsartikeln an den größten sportlichen Erfolg des 1000-Einwohner-Ortes.

Trierischer Volksfreund vom 19. Juni 1986

Klaus Toppmöller schoss als Stürmer 108 Tore für den 1. FC Kaiserslautern - und war wichtiger Teil der Salmrohrer Aufstiegself von 1986. Spieler wie Edgar Schmitt und Herbert Herres lotste er nach Salmrohr. "Ich habe sie mit der Begeisterung angesteckt, dass wir irgendwann den Durchmarsch in die 2. Liga schaffen. Und das hat geklappt", sagt Toppmöller, der 2002 mit Bayer Leverkusen bis ins Champions-League-Finale durchmarschierte.

Arm in Arm mit Michael Ballack auf der großen Fußballbühne: Klaus Toppmöller stand 2002 mit Bayer Leverkusen im Champions-League-Finale. Doch auch in seiner Heimat, mit dem FSV Salmrohr, feierte er große Erfolge. Foto: dpa

Noch heute wohnt "Toppi" nur acht Kilometer vom Salmtalstadion entfernt, in Rivenich. Er ist ein Junge aus der Region. Es ist das große Erfolgsgeheimnis der FSV-Gilde von 1986. Fast alle Spieler kamen aus der näheren Umgebung, die Bindung an das Dorf war groß, ebenso der Zusammenhalt. "Das wäre noch heute Ansporn für Vereine wie Trier, Mehring und Salmrohr, um den Weg nach oben zu schaffen", sagt Toppmöller.

Diesen Spielern gelang 1986 Historisches: Der FSV Salmrohr ist nach wie vor der Verein aus der kleinsten Gemeinde, die je in der 2. Bundesliga kickte. Foto: Jubiläumsschrift FSV Salmrohr

Einen großen Star hatten die Salmrohrer aber doch in ihren Reihen: Bernd Hölzenbein. Er war 1974 Fußball-Weltmeister. Im Endspiel gegen die Niederlande holte er den Elfmeter raus, den Gerd Müller zum 1:1 verwandelte. Bei Eintracht Frankfurt gilt der 75-Jährige immer noch als Idol - seine Laufbahn beendete er aber auf dem Dorf. In Salmrohr.

Wochen, Monate: So lange quälte sich Bernd Hölzenbein, um Salmrohr im entscheidenden Aufstiegsspiel gegen Offenbach helfen zu können. 40 Jahre war er alt - ein echter Fußball-Opa. Am Morgen des Spiels pflegte der Masseur ihn noch mit Eis, Massagen und verpasste ihm einen Verband. "Meiner Frau habe ich gesagt, ich fahre jetzt nach Salmrohr und versuche es noch einmal", sagte er dem Trierischen Volksfreund. Beim Stand von 0:2 wurde Hölzenbein eingewechselt, als alles gelaufen schien, der Aufstiegstraum schon zu platzen drohte. Doch Offenbach erstarrte angesichts des großen Namens in Ehrfurcht. Der Weltmeister führte den Salmrohrer Sturmlauf an, der im Aufstieg endete.

Goldene Zeiten für Bernd Hölzenbein: Auf dem Bild von 1981 stemmt er den DFB-Pokal in die Höhe, den er mit Eintracht Frankfurt gewonnen hat. Fünf Jahre später landete der Weltmeister in Salmrohr. Foto: dpa

Dabei spielte der FSV Salmrohr nur zufällig um den Aufstieg mit. Am letzten Spieltag sicherte sich der Dorf-Club lediglich die Vizemeisterschaft in der Regionalliga Südwest. Salmrohr gewann 6:0 in Dudweiler, Konkurrent Trier siegte "nur" mit 5:0 gegen Eisbachtal. Ein Törchen Unterschied (78:31) reichte Salmrohr, um vor Trier (77:30) zu stehen. Das Problem: Nur der Meister nahm an der Aufstiegsrunde teil. Und das war Worms. Doch die Wormatia erhielt keine Lizenz. Für Salmrohr begann innerhalb weniger Tage ein großes Abenteuer. Ulm, Offenbach und 1860 München spielten in der Aufstiegsrunde mit. Übermächtige Traditionsvereine. Der Verein stellte Bänke am Spielfeldrand auf, damit möglichst viele Zuschauer die Spiele sehen konnten. Eine Tribüne gab es im Salmtalstadion noch nicht.

Plötzlich dabei: Der Trierische Volksfreund berichtet im Mai 1986 über die unverhoffte Chance des FSV Salmrohr.

Mit einem 3:1-Heimsieg gegen Ulm startete Salmrohr in die Aufstiegsrunde. 5000 Zuschauer jubelten mit und sahen auch ein Tor von Edgar Schmitt, der 1994 als "Euro-Eddy" mit vier Toren beim 7:0-Sieg des Karlsruher SC gegen den FC Valencia bekannt wurde. "Die Mannschaften aus den großen Städten kommen immer nach Salmrohr und rümpfen die Nase über die Dorfelf. Dafür werden sie bestraft", sagte FSV-Spieler Manfred Plath weise. Denn nach einem 2:2 in Offenbach war 1860 München an der Reihe.

Die nächste Sensation: 1860, Ex-Europapokalfinalist, verliert auf dem Dorf beim FSV Salmrohr.

Journalisten aus Bayern wunderten sich über die fehlende Tribüne, während im Dorf alle anpackten. Bauern mähten Wiesen für Parkflächen, Helfer schleppten Absperrgitter und Bänke. Der Lohn: Salmrohr siegte 2:0. Es war ein großer Schritt in die 2. Liga. Die Spieler sangen "Zieht den Bayern die Lederhosen aus", Trainer Robert Jung jubelte danach im Volksfreund: "Heute Abend will ich nicht jedes Bier zählen, aber nächste Woche geht es im Training wieder rund."

In der Tat. 1:0 gewann Salmrohr auch das Rückspiel. Und 1860-Torwartlegende Petar Radenkovic sagte im Volksfreund: "Hast du gesehen, Gegner ist Mannschaft mit Kopf, altes Toppmöller weiß genau, was es macht. Löwen rennen nur alle nach vorn, wütend, aber nicht mit Hirn." Toppmöller freute sich über das Lob: "Als ich noch in der C-Jugend gespielt habe, hatte ich schon einen Torwartpulli Marke Radenkovic im Schrank, und da liegt er heute noch." Und bei 1860 München, da wusste plötzlich jeder, wo Salmrohr liegt, wie Ex-Präsident Peter Rauen erzählt.

Nach dem 2:2 gegen Offenbach war der Jubel groß. Am meisten mitgenommen war Matthias Schömann, der nach dem Schlusspfiff gequält seine Zahnlücke zeigte. Klaus Toppmöller hatte ihm während der Ehrenrunde im Überschwang die Fahnenstange eines FSV-Fans zwischen die Zähne gehauen. Doch Schömann konnte es wahrscheinlich verschmerzen.

Der Profifußball war für Salmrohr ein Abenteuer. Mit Feierabend-Kickern gelang der Erfolg. Und die Zeichen des Aufstieges sind noch heute zu sehen. Denn die Haupttribüne entstand unmittelbar danach, um Tausenden Fans gegen Hannover, St. Pauli und Co. Platz zu bieten. Das kleinste Dorf, das jemals in der 2. Bundesliga spielte, war auch nach der Aufstiegsrunde für etliche Anekdoten gut. Peter Rauen denkt jedenfalls gerne an die gute, alte Zeit zurück.

Produktion: Florian Schlecht Texte: Christian Altmayer, Florian Schlecht, Volksfreund-Archiv Videos: Carolin Hegner Interviews: Christian Altmayer

Created By
Florian Schlecht / Christian Altmayer / Carolin Hegner Volksfreund
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