Porträt
Annette Jamieson, Sie wurden 2022 neu in den ANQ-Vorstand gewählt. Wie haben Sie das erste Jahr erlebt?
Nachdem ich fast drei Jahrzehnte für einen Krankenversicherer tätig war, schlug ich 2022 beruflich neue Wege ein: Im Februar wechselte ich als Projektleiterin Qualität und Health Technology Assessment zu curafutura. Im Mai wurde ich dann als Delegierte von curafutura in den ANQ-Vorstand gewählt. Da es sich um mein erstes Vorstandsmandat handelt, konzentrierte ich mich zunächst auf die Einarbeitung und das «Hineindenken». Das erste Jahr war somit geprägt von vielen Veränderungen. Im ANQ wurde ich sehr freundlich empfangen, und ich finde die Arbeit spannend. Als Vertreterin der Krankenversicherer lege ich einen besonderen Fokus auf Effizienz- und Kostenaspekte. Was wir machen, muss für die Qualität in den Spitälern und Kliniken wirklich relevant und auch finanzierbar sein. Es ist mir dabei sehr bewusst, dass der ANQ-Vorstand eine grosse Verantwortung trägt. Unsere Entscheidungen haben Auswirkungen – auf die Leistungserbringer und die Finanzierer, aber natürlich auch auf die ANQ-Geschäftsstelle.
Hatten Sie vor Ihrem Stellenantritt bei curafutura schon mit dem ANQ und seinen Messungen zu tun?
An meiner vorherigen Stelle war ich in der Gesundheitspolitik und insbesondere im Bereich Pflegefinanzierung tätig. Da gab es keine Verbindung zu den Qualitätsmessungen in Spitälern. Die ersten Berührungspunkte mit dem ANQ gab es, als ich als Versicherervertreterin Mitglied der Verhandlungsdelegation wurde, welche den Qualitätsvertrag nach Artikel 58 KVG mit Spitälern und Kliniken verhandelte. Damals ging es um die Frage, wie wir die Umsetzung der Qualitätsverträge sicherstellen und welche Organisation wir mit den entsprechenden Koordinationsaufgaben beauftragen wollen.
Haben Sie seit Ihrem Amtsantritt auch Einblicke in ANQ-Tätigkeiten erhalten, die Sie nicht gekannt haben oder so nicht erwartet hätten?
Ich konnte bereits vor der Wahl als Gast bei Vorstandssitzungen dabei sein und war somit schon vorbereitet. Besonders beeindruckend finde ich das Engagement der Expertinnen und Experten, die in den Qualitätsausschüssen und den Expertengruppen des ANQ aktiv sind. Sie sind in den Spitälern und Kliniken stark gefordert und stellen dem ANQ trotzdem ihre Zeit, ihr Fachwissen und ihre Erfahrung zur Verfügung. Überhaupt habe ich beim ANQ viele äusserst engagierte Leute kennengelernt. Das ist sehr motivierend.
Haben Sie sich konkrete Ziele gesetzt, die Sie als Vorstandsmitglied erreichen möchten?
Für mich haben die Finanzierungsfragen rund um die Umsetzung des Qualitätsvertrags Priorität. Auch müssen wir die finanzielle Stabilität des ANQ nachhaltig und im Interesse aller ANQ-Mitgliederorganisationen sicherstellen. Ich habe mir deshalb zum Ziel gesetzt, mich noch stärker in die Finanzierungsthematik einzuarbeiten. Zudem möchte ich mich noch besser über die Umsetzung der Messungen in den Institutionen und den damit verbundenen Aufwand informieren. Deshalb bin ich auch sehr daran interessiert, einmal eine Sitzung eines Expertengremiums des ANQ zu besuchen.
Wo sehen Sie Chancen für den ANQ, die auch für seine Zukunft bedeutend sind?
Das Mandat der Qualitätsvertragspartner ist eine grosse Chance für den ANQ. Wenn Vorstand und Geschäftsstelle ihren Job gut machen, dürften die neuen Aufgaben zu einem wichtigen neuen Standbein werden. Dass der ANQ mit der Koordination der Überprüfung der Spitäler und Kliniken beauftragt wurde, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Qualitätsvertragspartner haben sich für ihn entschieden, weil er über die notwendige Kompetenz und Erfahrung verfügt – und nicht, weil es die bequemste Lösung war. Um den ANQ mit zusätzlichen Aufgaben zu betrauen, mussten zudem verschiedene Governance- und Kompetenz-Fragen geklärt und die Einbindung der Kantone definiert werden. Die gewählte Organisationsform stellt sicher, dass alle Entscheide zur Umsetzung der Qualitätsverträge in den Händen der Vertragspartner liegen. Gleichzeitig ermöglicht sie eine enge Koordination mit den Kantonen.
Wenn Sie auf 2023 blicken: Auf welche Arbeiten und Themen freuen Sie sich besonders?
Für die Umsetzung des Konzepts zur Qualitätsentwicklung haben die Qualitätsvertragspartner eine Einführungsphase ab Inkrafttreten des Vertrags beschlossen. Leider wurde der Vertrag vom Bundesrat per 1. Januar 2023 nicht genehmigt. Mit anderen Worten, der Vertrag wird nun überarbeitet. Im ANQ-Vorstand und im Paritätischen Ausschuss PA58 der Qualitätsvertragspartner werden wir nun die Zeit bis zum Inkrafttreten des Vertrags nutzen, um die längerfristigen Finanzierungsfragen vertieft zu klären. Diese Aufgabe interessiert mich sehr. Zudem freue ich mich auch darauf, aus erster Hand mehr über die Umsetzung der Messungen in den Spitälern und Kliniken zu erfahren.
Annette Jamieson, lic.rer.pol., MPH, ist Projektleiterin Qualität und HTA bei curafutura. Zuvor arbeitete sie knapp 30 Jahre lang für die Helsana Versicherungen AG, wo sie verschiedene Funktionen in den Bereichen Ökonomie & Politik sowie Managed Care ausübte. Sie hat ihr Studium mit dem Lizenziat für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften abgeschlossen und verfügt zusätzlich über einen Master of Public Health.
Fotos: © Geri Krischker / ANQ