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75 Jahre Kriegsende Die Bedeutung des 8. Mai 1945

Es ist einer der bedeutendsten Momente der Geschichte: In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichnete das Oberkommando der Wehrmacht in Anwesenheit der bevollmächtigten alliierten Generäle die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst. Der Zweite Weltkrieg ist zumindest in Europa zu Ende.

Die letzten Kriegstage hatten noch zig Tausende Menschen das Leben gekostet. Die deutsche Verteidigung brach im ganzen Land zusammen. Die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkriegs war der Kampf um die Hauptstadt Berlin. Nachdem die Rote Armee Mitte April 1945 den letzten deutschen Verteidigungsring an den Seelower Höhen unter schweren Verlusten durchbrochen hatten, begann am 20. April der Vorstoß der sowjetischen Truppen auf Berlin, das von versprengten Wehrmachts- und SS-Einheiten sowie von sogenannten Volkssturm-Verbänden und fanatisierten Mitgliedern der "Hitler-Jugend" verteidigt wurde. Es folgte ein erbitterter Kampf, der um jedes Viertel, jede Straße und oft um jedes einzelne Gebäude geführt wurde. Mit fürchterlichen Verlusten auf beiden Seiten: Die Schlacht an den Seelower Höhen mit einbezogen, fielen nach offziellen russischen Angaben knapp 80.000 Rotarmisten. Auf deutscher Seite wird die Zahl der Gefallenen auf über 100.000 Geschätzt. Zudem verloren mehr als 22.000 Zivilisten ihr Leben. Nach dem Selbstmord Hitlers am 30. April endete der Kampf um Berlin am 2. Mai 1945, wenige Tage später war der Krieg in Europa endgültig vorbei.

Für Deutschland und viele andere Länder steht der 8. Mai als Symbol für die Befreiung vom Hitler-Faschismus und vom Nazi-Regime. Allerdings werden nicht überall am gleichen Tag Kriegsende und Befreiung gefeiert – es gibt neben dem 8. Mai gleich mehrere weitere Tage des Sieges. In Italien etwa wird am 25. und 26. April an die Befreiung erinnert. Offiziell endeten in Italien die Kampfhandlungen am 2. Mai. Bereits am 29. April hatten Repräsentanten von Wehrmacht und SS die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Wenige Tage vorher hatten allerdings italienische Partisanen die Kontrolle über mehrere Großstädte in Italien übernommen. Im öffentlichen Gedächtnis ist deshalb der 25. April als Tag der Befreiung in Erinnerung geblieben, wie bei der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) zu erfahren ist.

Der englische Feldmarschall Montgomery unterzeichnet die Kapitulation der deutschen Wehrmacht, vertreten durch Admiral von Friedeburg, in Nordwestdeutschland auf dem Timeloberg bei Lüneburg. Sie tritt am 5. Mai morgens in Kraft. Foto: Imperial War Museum

Auch in anderen Regionen Europas kam es schon vor dem 8. Mai zu Teilkapitulationen deutscher Verbände. Die in Nordwestdeutschland stehenden Armeen kapitulierten am 4. Mai 1945 vor dem britischen Generalfeldmarschall Bernard Montgomery. Die Kapitulation, die am 5. Mai um 8 Uhr in Kraft trat, schloss auch die zu diesem Zeitpunkt noch in Dänemark und den Niederlanden operierenden deutschen Einheiten und Verbände mit ein. In den Niederlanden ist deshalb der 5. Mai als „Bevrijdingsdag“ gesetzlicher Feiertag, an dem an das Ende der deutschen Besatzung erinnert wird. Auch in Süddeutschland war der Krieg schon vor dem 8. Mai zu Ende: Dort kapitulierten die Wehrmachtsverbände am 5. Mai in München mit Wirkung zum 6. Mai.

Generaloberst Alfred Jodl, zuvor von Karl Dönitz dazu autorisiert, unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai 1945 in Reims. Foto: PD-USGov-Military-Army

Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im französischen Reims in den frühen Morgenstunden die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Ort des Geschehens war das damalige Hauptquartier des Oberbefehlshabers der Westalliierten, General Dwight D. Eisenhower. Allerdings sollten die Kampfhandlungen erst am 8. Mai um 23:01 Uhr (0:01 Uhr mitteleuropäischer Zeit) enden. Nach den Vorstellungen des späteren US-Präsidenten Eisenhower sollten die USA, Russland und das Vereinigte Königreich die Kapitulation am 8. Mai zeitgleich um 15 Uhr bekanntgeben. Als offizielles Datum des Kriegsendes war der 9. Mai geplant. Sowjet-Führer Josef Stalin war damit aber nicht einverstanden: Das Oberkommando der Wehrmacht hatte in Frankreich nur gegenüber den Westalliierten kapituliert. Stalin – die Sowjetunion hatte wie kein zweites Land unter Krieg und Naziterror zu leiden gehabt – forderte deshalb eine gemeinsame Zeremonie in Berlin. Die wurde für den Abend des 8. Mai anberaumt. In dieser Situation waren die Westalliierten in einer schwierigen Lage: die Kapitulation war zwar unterzeichnet, doch mit Rücksicht auf die Russen sollte dies vorerst nicht öffentlich werden.

Doch bei einer derart wichtigen, in dieser Zeit sehnsüchtig erwarteten Nachricht konnte das kaum gelingen. Bereits am Nachmittag des 7. Mai wurde sie über eine Radiosendung publik, noch am selben Abend waren in London jubelnde, fahnenschwingende Menschen auf den Straßen unterwegs, heißt es bei der BpB weiter. Und der britische Premierminister Winston Churchill bestätigte am folgenden Tag inmitten von Freudenfeiern die deutsche Kapitulation – der 8. Mai ging in die Geschichte ein.

Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel unterzeichnet die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht im Hauptquartier der Roten Armee in Berlin-Karlshorst. Foto: PD-USGov-Military-Army

New York erreichte die Nachricht ebenfalls schon am 7. Mai. Mittags feierten etwa eine halbe Million Menschen den Sieg auf den Straßen von Manhattan. Doch zum eigentlichen Siegestag wurde in den Vereinigten Staaten der 15. August 1945: An diesem Tag hatte Kaiser Hirohito in einer Radioansprache die bedingungslose Kapitulation des japanischen Kaiserreichs vor den Alliierten bekanntgegeben. Offiziell unterzeichneten gut zwei Wochen später an Deck des amerikanischen Schlachtschiffs „USS Missouri“ Vertreter der japanischen Regierung und der alliierten Streitkräfte die Kapitulationsurkunde. Der japanischen Niederlage vorausgegangen waren die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. In den USA wird nicht mit einem Feiertag an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa gedacht, dafür wird aber am letzten Montag im Mai mit dem „Memorial Day“ an die Toten beider Weltkriege erinnert.

Da die militärische Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Reims nur von Jodl, nicht aber von den Oberbefehlshabern der einzelnen Teilstreitkräfte unterzeichnet werden konnte, wurde dies mit einem zusätzlichen Dokument nachgeholt. Dies geschah rückwirkend zum 8. Mai 1945 durch Unterzeichnung einer weiteren Kapitulationserklärung durch Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel als Chef des Oberkommandos der Wehrmacht und die Oberbefehlshaber von Heer, Luftwaffe und Kriegsmarine am 9. Mai um 0.16 Uhr am Sitz des Oberkommandierenden der Roten Armee in Deutschland in Berlin-Karlshorst. Und die Sowjetunion blieb bei ihrer Haltung und beim 9. Mai als Tag der Befreiung, der alljährlich mit einer großen Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau begangen wird.

In anderen Staaten gilt der 8. Mai als Tag der Befreiung von Besatzung und Nazi-Diktatur. So ist er in Frankreich, Tschechien und der Slowakei ein gesetzlicher Feiertag, der auch mit öffentlichen Veranstaltungen begangen wird. In Frankreich legt der Präsident bei der zentralen Gedenkfeier zunächst einen Kranz vor der Statue von Charles de Gaulle nieder, der den französischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg anführte, einen weiteren dann am Grabmal des Unbekannten Soldaten am Pariser Triumphbogen.

In Großbritannien nennt man den 8. Mai „VE Day“, was für „Victory in Europe Day“ steht, den Tag des Sieges in Europa. Der „VE Day“ ist normalerweise kein gesetzlicher Feiertag, aber in diesem Jahr wurde der Mai-Feiertag auf den 8. Mai verlegt. Die Feierlichkeiten sollten bis zum 10. Mai andauern.

Feierlichkeiten in Reims anlässlich des 8. Mai im Jahr 2010. Foto: Terraner87 - Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10499128

Doch große öffentliche Feierlichkeiten wird es in diesem Jahr nirgendwo geben: Die Corona-Krise führt dazu, dass die meisten geplanten großen Veranstaltungen in Europa abgesagt wurden. Die Briten nehmen es gelassen: Auf der Homepage zum „VE Day“ rufen die Veranstalter dazu auf, einfach im sicheren Zuhause zu bleiben und am 8. Mai um 15 Uhr mit einem Getränk freier Wahl einen Toast auszusprechen: „Auf jene, die so viel gegeben haben, wir danken Euch.“

In Deutschland tat man sich lange schwer im Umgang mit dem 8. Mai. In den ersten Nachkriegsjahren und in der frühen Bundesrepublik spielte er kaum eine Rolle – wenn überhaupt, wurde er von vielen noch als Tag der Niederlage, des Zusammenbruchs interpretiert. In dieser Zeit bis Mitte der 60er-Jahre fand ohnehin keine nennenswerte gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der düsteren jüngeren Vergangenheit statt. Die zwölf Jahre Nazi-Terrorherrschaft wurden ausgeblendet, in den Schulen, in den Universitäten und im öffentlichen Diskurs. Erst mit dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt begannen viele Deutsche ab 1963, sich mit der lange verdrängten Nazi-Vergangenheit zu beschäftigen.

Es war aber der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der den 8. Mai auch in Deutschland eindeutig als Tag der Befreiung definierte. In seiner viel beachteten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 sagte von Weizsäcker in einer Gedenkstunde vor dem Deutschen Bundestag: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit: von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung Willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai überhaupt erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrwegs deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.“

Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung ist der 8. Mai in diesem Jahr in Berlin einmaliger gesetzlicher Feiertag.