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"Digitale" Schule? Schule in Zeiten der Digitalität

Ein paar grundlegende Worte zum Titel

oder

Warum steht digital in Anführungszeichen?

  • Schule ist dreierlei - physischer Ort, Organisationsform und auch Synonym für Bildung.
  • Digitalisiert werden können Verwaltungsprozesse, Arbeitsweisen - aber nicht das Lernen.
  • Genau so wenig wie es digitale Bildung gibt, gibt es digitale Schule.
  • Gemeint ist immer die Schule im 21. Jahrhundert - Schule, die sich des Leitmedienwechsels und den damit verbundenen Veränderungen bewusst ist und diesen Veränderungen gerecht werden möchte.
"Digitale" Realität

Digitalisierung meint im eigentlichen Sinne nur den Prozess der Veränderung, der sich durch den Einsatz und die Nutzung digitaler Geräte für analoge Objekte und Handlungsabläufe ergibt.

Hört sich erstmal nicht besonders dramatisch an. 😉 Hat aber einschneidende Wirkung auf unser Leben. Hier 10 Beispiele aus dem Alltag:

Touchscreen statt Wählscheibe

Navigationsapp statt Landkarte

Streamingdienst statt Schallplatte

Messenger statt Brief

digitale Bibliothek statt schweres Buch

Foto-App statt Dia

Rechenprogramm statt Rechenschieber

Emojis statt Worte

AR und VR statt Bauklötze

Online-Shopping statt Flohmarkt

An diesen Beispielen ist zu sehen, dass Objekte und Abläufe, die digitalisiert werden, user-orientiert sind. Sie werden

  • leichter zugänglich,
  • schneller,
  • individueller,
  • vielfältiger einsetzbar,
  • um zusätzliche Funktionen erweitert.

Digitalisierung verändert das eigentliche Grundprinzip der Handlung nicht.

Beispiel: Routensuche

Die Suche nach einer Route bleibt Aufgabe, - Landkarte oder Navigationsapp - beide führen ans Ziel. Die digitale Variante ermöglicht allerdings eine schnellere Suche, die Suche und Integration von Zwischenzielen wie z. B. Tankstellen und das Einbeziehen von verschiedenen Transportmitteln (Auto, Bahn, Fahrrad) sowie die parallele Überprüfung der Route auf Hindernisse z. B. Stau.

Und was ist mit Schule?

Eine gute und eine schlechte Nachricht - je nachdem, wie man dazu steht. 😉

Schule wird auch im 21. Jahrhundert immer noch Schule sein.

Schule muss sich im 21. Jahrhundert grundlegend verändern.

Widerspruch?

Dieser scheinbare Widerspruch zwischen Erhaltung und Veränderung von Schule polarisiert in Bewahrer und Revoluzzer.

Hilfreich, um diesen Widerspruch aufzulösen und in konstruktive Bewegung zu bringen, ist die Einsicht, dass Veränderung und Weiterentwicklung nicht aufgehalten werden können. Wohl aber können sie gesteuert, gebremst oder befördert werden.

Und es liegt an uns, die Steuerung dieser Transformation zu übernehmen. Wir beeinflussen Tempo, Beteiligung und Richtung.

Dies setzt Wissen, Interesse an der Mitgestaltung und aktives Handeln voraus.

Transformationsprozess

Digitale Transformation ist als Entwicklungsprozess zu verstehen.

  • Ein Prozess, der Zeit erfordert - für neues Wissen, Tests, Lernen, Nachdenken, Evaluieren, Umstrukturieren.
  • Ein Prozess, der sich auf Haltungen bezieht, der neue Organisationsstrukturen erfordert und Widerstände überwinden muss.
  • Und ein Prozess, der eine Vision braucht als Orientierung und Ziel und Motivation.

Wie bei jedem Change-Prozess werden verschiedene Phasen durchlaufen:

  • Schock (1)
  • Verneinung (2)
  • Einsicht (3)
  • Akzeptanz (4)
  • Ausprobieren (5)
  • Erkenntnis (6)
  • Integration (7)

Trotz allem gilt:

In Schule wird gelernt und gelehrt. Zwar verändern sich Art und Weise dieser Tätigkeiten, die Methoden und Medien und auch die Ziele. Und sicher wird sich auch der Ort verändern, aber Lehren und Lernen finden immer statt. Sie können nicht nicht stattfinden.

Analog & Digital

Immer: sowohl als auch

Niemals: entweder oder

Falsche Vorstellungen!

Hinderlich sind aber auch falsche Erwartungen und Vorstellungen wie z. B.:

  • Mit der richtigen digitalen Ausstattung beginnt digitales Lehren und Lernen automatisch.
  • Alle K*K setzen die digitale Strategie (Medienkonzept) engagiert um.
  • S*S und Eltern unterstützen die o.g. Strategie.
  • Digital (Tools, Apps, Konzepte) lohnt sich nur, wenn ein „Mehrwert“ gegenüber dem Analogen nachgewiesen werden kann.
  • Didaktische Konzepte lassen sich einfach ins Digitale übertragen.

Der Fehler der genannten Vorstellungen liegt darin, dass vom bisherigen analogen Vorgehen aus gedacht wird.

Digitale Technik ist, wie die 10 Beispiele am Beginn zeigen, längst in unseren Alltag integriert.

Digitalität ist kulturbestimmend. Sie ist Selbstverständlichkeit ...

... und keine einfache Fortsetzung oder Ersetzung von Analogität.

Konnektivismus

Netzwerke sind die heutige Lernstruktur.

Nicht willkürlich, nach Alter strukturierte Klassen, sondern Erfahrungen, Vorwissen, Interessen führen zum Aufbau von Personalen Lernnetzwerken (PLN), die natürlich digital verknüpft, orts- und zeitunabhägig den Zugang zu Wissen auf globaler Ebene ermöglichen. Damit wird nicht nur die bisherige Organisationsform von Schule in Frage gestellt, sondern auch der physische Ort "Schule" als Ort von Klassenzimmern und Hörsälen.

Ohne Frage ist ein Treffpunkt zum gemeinsamen Lernen unabdingbar. Auch wenn vieles digitalisiert werden kann und wird und damit orts- und zeitunabhängige Kollaboration ermöglicht, ist der persönliche Austausch die Basis der Zusammenarbeit. Denn es gilt immer noch: Lehren und Lernen ist Beziehungsarbeit.

Wie Lernorte aussehen und funktionieren können, die die Digitalität auch als Kultur des Lernens umsetzen, hat Jöran Muuß-Merholz in dem Beitrag "Was Schulen von Starbucks lernen können" beschrieben.

Kollegium

Heterogenität ist ein Schlagwort in der Bildung geworden. Umgang mit der Heterogenität der S*S steht in der Aufgabenliste von Schule weit oben. Aber auch das Kollegium ist heterogen. Wir finden verschiedene Haltungen zum Thema "Digitalisierung und Bildung" - in jedem Kollegium:

Die kollegiale Heterogenität stellt aus mehreren Gründen eine große Herausforderung für digitale Transformation in Bezug auf Medieneinsatz in der Schule dar, denn sie erfordert:

  • Bereitschaft zum lebenslangen Lernen,
  • Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Entwicklungen,
  • eine Fehlerkultur, die Fehler als Lerngelegenheiten ansieht,
  • Offenheit für Teamarbeit,
  • Vernetzung innerhalb Fachschaft und Schule, über Schule hinaus auch bis hin zur globalen Vernetzung.

Ralf Biermann fasst seine Erkenntnisse zum Medieneinsatz in der Schule in dem Buch "Der mediale Habitus von Lehramtsstudierenden" zusammen:

Neben der technischen Ausstattung, den Zugangsbedingungen, den Ausbildungs- und Fortbildungsmaßnahmen und schulischen Rahmenbedingungen scheint man noch weitere Faktoren für den Medieneinsatz berücksichtigen zu müssen. Zusätzlich scheinen es 'innere Widerstände' der Lehrpersonen zu sein, die einem Medieneinsatz in den Schulen entgegenstehen.(S.104)
Auf den Menschen kommt es an!

Lehrpersonen sind die entscheidenden Schnittstellen für eine erfolgreiche digitale Transformation im Bildungssystem.

Sehr gut wurde das von Karel Rundu, dem Schulleiter des Tallinna Saksa Gümnaasium (TSG) beim Digital Education Day am 30.11.2019 in Köln vorgestellt. An seiner Schule in Estland stimmen Ausstattung und Rahmenbedingungen. Doch sein Vortrag stellte nicht die technischen Details in den Mittelpunkt. Vielmehr wurde Wert auf den kompetenten Umgang mit der Technik, die nun mal als Grundvoraussetzung des Arbeitens vorhanden sein muss, gelegt.

Bemerkenswert ist die positive, aber auch kritische Haltung, mit der immer wieder überprüft wird, wie sich die digitalen Tools, Konzepte und Arbeitsweisen auf Lehren und Lernen auswirken. Durch einen beständigen Evaluationsprozess wird nachgesteuert und verändert.

Dabei wurde sehr deutlich von Rundu formuliert, dass den Lehrpersonen eine noch größere Verantwortung zukommt als bisher - verbunden mit den Erwartungen hinsichtlich Heterogenität, Individualisierung, Kommunikation und Zusammenarbeit mit allen an Bildung Beteiligten.

Immer wieder wird nach grundlegenden Änderungen im Unterricht gefragt, wie der Tweet zeigt. Ausgegangen wird von der Annahme, dass Schule vor der Digitalisierung nicht vergleichbar ist mit Schule nach der Digitalisierung. Und immer wieder ist man erstaunt, dass sich doch Schule wiedererkennen lässt.

Digitalisierung, so die Annahme, erzeuge einen Bruch in der Gesellschaft, in der Wirtschaft und eben auch in der Bildung.

Dabei ist kein Bruch, sondern ein Transformationsprozess. Felix Stalder und Armin Nassehi haben sich beide mit dieser Thematik befasst. Sowohl Stalder in "Kultur der Digitalität" als auch Nassehi in "Muster" zeigen, dass es eine Kultur der Digitalität schon vor der Digitaltechnik gab.

Nicht die Brüche zwischen den Elementen der alten Ordnung stehen im Vordergrund, sondern deren Synthese in der Gegenwart. (Stalder, S.99)

So wird man - hoffentlich - das Beste aus beiden Welten zusammenführen. Und auch die neue Bildung wird uns dann noch vertraut vorkommen. Denn sie ist ja aus Bekanntem entwickelt worden.

Lernen bleibt Lernen. Wissen muss vom Lerner selbst konstruiert werden. Und doch verändert es sich. Kollaborative, kommunikative Aspekte gewinnen im 21. Jahrhundert an Gewicht, genau wie das kritische Hinterfragen und die kreative Lösungsfindung. Arbeitsabläufe und Wissenszugänge unterliegen einem stetigen Wandel. Und trotzdem: Lernen bleibt Lernen.

Schule bleibt Schule und wird doch ganz anders.

Gestalten wir sie!

Wer noch einen genaueren Blick auf das estländische System werfen möchte, kann hier nachlesen: Reformstrategien weltweit. Schule in der digitalen Welt. Das Forum Bildung Digitalisierung schaut auch auf Bildungssysteme und ihre Schulentwicklung in Zeiten der digitalen Transformation in Spanien, Tschechien, Singapur und Brasilien.

Let's do it.

Created By
Ines Bieler
Appreciate

Credits:

Erstellt mit Bildern von Nick Morrison - "Laptop and notepad" • Rodion Kutsaev - "untitled image" • Quino Al - "untitled image" • Annie Spratt - "Learning to get from A to B, one windy afternoon in the New Forest." • Ivan Dorofeev - "untitled image" • Álvaro Serrano - "Fountain pen on stationery" • Kari Shea - "untitled image" • Nathan Anderson - "untitled image" • Sergey Zolkin - "Messy workspace" • Fausto García - "untitled image" • Susan Holt Simpson - "Alphabet blocks aren't only for letters! Every set also includes number blocks." • Alexander Shustov - "untitled image" • chuttersnap - "Runway with Matthian" • Emily Morter - "Where is the love sung by The Black Eye Peas recreated in a tunnel underpass." • geralt - "transformation digital visualization" • Ross Findon - "The most powerful word in the world pops up everywhere. Ironically, this is on Sandown Pier on the Isle of Wight (UK) — a place that has not changed for 30 years." • Daniel Herron - "Nope Hand Lettering On Wood and Glass" • Pat Kay - "IDS_UNTITLED_PHOTO_NAME" • Hans-Peter Gauster - "You’ve got your work cut out for you." • Ryoji Iwata - "crossing" • lukasgook - "phone iphone train" • geralt - "learn student laptop"