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Unterwegs mit dem open.med Behandlungsbus Ärzte der Welt-Referentin Carolin Dworzak teilt ihre Eindrücke von einem Einsatz am Münchner Hauptbahnhof

Es ist kalt, nieselt und wird langsam dunkel - und trotzdem sind viele Menschen rund um den Münchner Hauptbahnhof unterwegs. Auch der Behandlungsbus von open.med München ist eben vorgefahren. Das open.med-Team von Ärzte der Welt kommt einmal in der Woche hierher.

Seit 2017 versuchen die Kolleg*innen durch dieses mobile Angebot Menschen zu erreichen, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung oder Beratung hätten.

Der Behandlungsbus parkt in einer überdachten Einfahrt. Ein guter Standort, denn hier ist es trocken und etwas heller so dass der Bus gut zu sehen ist. Das Team von open.med bereitet sich auf den Einsatz vor.

Die Kolleg*innen stellen ein paar Klappstühle vor den Bus, für alle, die noch etwas warten müssen oder sich während eines Beratungsgesprächs setzen möchten.

Durch die FFP2-Maske beschlägt die Brille, trotzdem tragen wir alle den Schutz, auch, wenn wir draußen vor dem Bus sind. Sicherheit ist die oberste Priorität.

Sprachmittler Sedik Ari befestigt ein Schild am Bus: „Corona-Impfung“ ist darauf zu lesen. Darauf stehen in mehreren Sprachen Informationen zur Impfung.

Das Interesse an einer Covid-19-Impfung ist groß, aber die Unsicherheit auch.

Das Team informiert darüber, wo man sich impfen lassen kann oder ob man dafür einen festen Wohnsitz braucht. Bei medizinischen Fragen hilft der ehrenamtliche Arzt, der den heutigen Einsatz begleitet.

Jonas König ist Arzt in der Abteilung für Innere Medizin im Klinikum in Augsburg und versorgt heute die Patient*innen. Schon seit einigen Jahren setzt er sich ehrenamtlich für open.med ein.

Er fährt für diesen Dienst, den er unentgeltlich und in seiner Freizeit leistet, extra von Augsburg nach München. Wenn er nach einem langen Einsatz abends nicht mehr nach Hause kommt, übernachtet er bei Freunden.

Es gibt einige ehrenamtliche Kolleg*innen, die weite Wege und viel Aufwand in Kauf nehmen, um Menschen bei open.med versorgen zu können. Ohne dieses herausragende Engagement wäre die Arbeit von open.med nicht möglich.

Noch sind nicht viele Patient*innen da. „Man merkt da jedes Grad“, sagt Projektleiter Cevat Kara. Sein Atem steigt in weißen Wölkchen empor. „Bei diesen Temperaturen kommen weniger Menschen. Aber das heißt nicht, dass weniger Menschen Hilfe brauchen. Sie schaffen es nur nicht so leicht, sich auf den Weg zu uns zu machen.“

Nach und nach kommen dennoch die ersten, die Informationen brauchen oder den Arzt sehen möchten.

„Ich mache mal meine Runde“, sagt Cevat Kara zu seinen Kolleg*innen. Gemeint ist ein Gang durch das Bahnhofsviertel zu Anlaufs- und Beratungsstellen.

Kara lädt mich ein, mitzukommen. Die Kamera soll ich lieber nicht offen tragen – sie würde viele Menschen abschrecken.

Es geht zur Essenausgabe der Caritas, in der auch schon Flyer von open.med ausliegen. Man kennt und grüßt sich. „Wir sind heute wieder hier und stehen an gewohnter Stelle“, sagt Kara. Falls den Helfer*innen in der Essensausgabe jemand auffalle, der oder die Hilfe braucht, können sie die Person zum Bus schicken.

Einige Menschen im Viertel sprechen Cevat Kara an, bei einigen erkundigt er sich, wie es ihnen gehe, ob alles okay sei. Dass er türkisch spricht, ist ein großer Vorteil. Sie scherzen mit ihm und spüren sofort, dass er, wie alle Kolleginnen und Kollegen von open.med, sie wirklich ernst nimmt.

Es geht weiter zur Bahnhofsmission und durch die Goethe- und Landwehrstraße zum Drogennotdienst L43 des prop.e.V. Dort sind viele Menschen im Aufenthaltsraum. Auf das Angebot hin, medizinisch helfen zu können, kommen zwei Männer mit nach draußen.

Einer berichtet von psychischen Problemen. Er habe Depressionen und wisse nicht, wer ihm helfen könne. Kara empfiehlt ihm die Sprechstunde in der open.med-Anlaufstelle in der Dachauer Straße. Dort gibt es neben sozialer Beratung und medizinischer Behandlung auch psychiatrische und psychotherapeutische Unterstützung. Der zweite Mann berichtet von starken Schmerzen in seinen Füßen und großflächigen Hautproblemen.Kara tippt die Kontaktdaten einer anderen Anlaufstelle ins Handy des Mannes. Dort kann dieser seine Beine einem Dermatologen und einem Podologen zeigen.

„Wir arbeiten alle zusammen“, sagt Cevat Kara. Diese Kooperation zwischen den verschiedenen Beratungs- und Anlaufstellen laufe sehr kollegial und verbessere die Hilfsmöglichkeiten für die Patient*innen enorm, so der open.med-Projektleiter.

Die Kolleg*innen und Kollegen von open.med München, die Übersetzer und der ehrenamtliche Arzt: Sie alle werden an diesem kalten und unwirtlichen Abend noch länger am Hauptbahnhof bleiben – wie jede Woche. Diese Kontinuität ist wichtig für die Menschen, die dringend medizinische oder psychosoziale Unterstützung brauchen, die aber verschiedene Barrieren daran hindern, eine reguläre Arztpraxis oder ein Krankenhaus aufzusuchen.

Sie meiden den Gang zum Arzt, weil sie keine Krankenversicherung haben, die Sprache nicht richtig sprechen oder sich aufgrund ihrer Lebenssituation diskriminiert fühlen. Viele Menschen ohne Aufenthaltstitel haben die begründete Angst, bei der Ausländerbehörde gemeldet zu werden.

Zum Schluss gibt mir Projektleiter Cevat Kara ein kurzes Statement zu unserer Arbeit. Darin betont er: Eigentlich sollten ehrenamtliche Angebote wie das von open.med gar nicht nötig sein, sondern alle Menschen in Deutschland die ihnen zustehende medizinische Versorgung ganz regulär erhalten!

Über open.med

open.med ist die medizinische Anlaufstelle von Ärzte der Welt. Menschen mit eingeschränktem oder ohne Zugang zu Gesundheitsversorgung erhalten hier medizinische und psychologische Versorgung, ebenso sozialrechtliche Beratung zum Thema Krankenversicherung, kostenlos und anonym.

Das Behandlungsfahrzeug dient zur niedrigschwelligen Ansprache von Menschen in prekären Situationen. Das Team ist mit dem Fahrzeug einmal pro Woche am Hauptbahnhof und im Übernachtungsschutz der Stadt München vor Ort.

Ende 2021 feierte open.med München das 15-jährige Bestehen. Seit der Gründung wurden mehr als 27.000 Konsultationen durchgeführt. Tendenz steigend.

Fotos: Ärzte der Welt