Frank Lüdke
Jede geistliche Bewegung verliert irgendwann im Laufe der Zeit ihre Lebendigkeit. So war es auch mit der Reformation. Die Neuentdeckung des Evangeliums durch Martin Luther war nach 150 Jahren überlagert von theologischen Streitigkeiten, brutalen Religionskriegen und kirchlicher Erstarrung.
Da brach sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts endlich eine nachhaltige geistliche Erneuerung Bahn, für die Gott insbesondere drei beeindruckende Männer gebrauchte.
Speners "Fromme Wünsche"
Ausgangspunkt war der Frankfurter Pfarrer Philipp Jakob Spener (1635– 1705). Er schrieb 1675 ein kleines Buch mit dem Titel «Pia Desideria», d. h. «Fromme Wünsche». Darin schlug er sechs Massnahmen vor, um der Evangelischen Kirche frischen Wind einzuhauchen. Bis heute haben sie nichts an Aktualität verloren:
- 1. Hauskreise: Christen sollen sich in Kleingruppen zum Bibellesen treffen.
- 2. Allgemeines Priestertum: Alle sollen in der Gemeinde mitarbeiten.
- 3. Tatchristentum: Glaube soll im Alltag gelebt werden.
- 4. Friede: Andere Christen sollen nicht bekämpft werden.
- 5. Das Theologiestudium muss unbedingt geistlich begleitet werden.
- 6. Predigten müssen darauf abzielen, dass echtes Wachstum im Glauben geschieht.
Diese Vorschläge fanden schnell grosse Aufmerksamkeit und hier und da blühte dadurch neues geistliches Leben auf.
Gottes entscheidendes Werkzeug dabei wurde August Hermann Francke (1663–1727). Der Theologiestudent Francke war nach acht Jahren Studium in eine tiefgreifende Glaubenskrise geraten und fragte sich, ob es Gott überhaupt gibt! In dieser Situation hatte er eine berührende Gotteserfahrung, die ihm in einem Moment alle Glaubenszweifel nahm und ihn zu einem mutigen Zeugen für Jesus machte. Als er kurz darauf Dozent an der Universität Leipzig wurde, kam es dort zu einem geistlichen Aufbruch, in dem die Anhänger der neuen Bewegung zum ersten Mal als «Pietisten», d. h. «die Frommen» verspottet wurden (vom Lateinischen pietas: Frömmigkeit). Bald schon übernahm man das als eine ehrenvolle Selbstbezeichnung, die der Leipziger Professor Joachim Feller 1689 so definierte: «Was ist ein Pietist? Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heilig Leben führt.» Bibelstudium und gelebter Glaube im Alltag kennzeichneten also diese neue Erweckung.
Bibelstudium und gelebter Glaube im Alltag kennzeichneten also diese neue Erweckung.
Franckes Pioniergeist
Francke selbst wurde danach Pfarrer in Glaucha, einem sozialen Brennpunkt vor den Toren von Halle an der Saale. Dort bewegte ihn vor allem die Not von armen Strassenkindern, so dass er daran ging, ein Waisenhaus und eine Armenschule zu bauen. Der lebendige Glaube öffnete ihm die Augen für die Nöte seiner Zeit, und mit grossem organisatorischem Geschick und ganz viel Gottvertrauen entstand in Halle schliesslich ein einzigartiges Schulzentrum, in dem über 2000 Schüler mit modernster Bildung versorgt und gleichzeitig an einen lebendigen Glauben herangeführt wurden. Für Francke selbst war das Gelingen dieses Werkes ein echter Gottesbeweis. Seinen Bericht über die wunderbaren Gebetserhörungen beim Aufbau seiner Schulen nannte er: «Die Fussstapfen des noch lebenden und waltenden liebreichen und getreuen Gottes zur Beschämung des Unglaubens und Stärkung des Glaubens» (s. dazu die «Leseecke» in der Mai-Ausgabe des «Christus im Brennpunkt»).
Bis heute sind die «Franckeschen Stiftungen» in Halle eine Reise wert und inspirieren viele Menschen, neu über den Glauben nachzudenken. Dies hatte schon der damalige Bauleiter Georg Heinrich Neubauer beabsichtigt, als er sagte: «Es leuchten die Gebäude vielen Menschen so in die Augen, dass sie den Finger Gottes darin erkennen und preisen!»
Zinzendorf und die Herrnhuter
Insbesondere ein Schüler aus Halle trug die Fackel des Pietismus dann bemerkenswert weiter, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760). Er war besonders beeindruckt von der Begegnung mit Absolventen Halles, die als Missionare nach Indien gegangen waren, und fragte sich, wie auch er als reicher Graf einen Unterschied in dieser Welt machen könnte. Nach seinem Studium sah er in einem Museum in Düsseldorf ein Bild von Jesus mit der Dornenkrone und der Unterschrift «Sieh‘ das tat ich für dich! Und was tust du für mich?» Dies gab ihm den Impuls, einige Jahre später in seiner Grafschaft Herrnhut in der Oberlausitz (Bundesland Sachsen) Glaubensflüchtlinge aus Tschechien aufzunehmen.
Er fragte sich, wie er als reicher Graf einen Unterschied in dieser Welt machen könnte.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang die Integration und es entstand daraus die «Herrnhuter Brüdergemeinde», die sich von einer normalen Pastoren-Kirchengemeinde radikal unterschied. Inspiriert vom Pietismus traf man sich in Kleingruppen, Gebetsgruppen und Chorstunden. Alle arbeiteten mit und unterstützten sich gegenseitig. Es wurden Fastentage und ein 24-Stunden-Gebet eingerichtet. Man begann, sich täglich in den Häusern zu besuchen und dabei seit 1728 auch eine Tageslosung weiterzusagen. Diese Losungen wurden dann schriftlich festgehalten und gedruckt, um auch reisende Geschwister mit einzubeziehen. Bis heute erscheinen die Herrnhuter Losungen in über 60 Sprachen in Millionenauflage. Ausserdem wurden bis zu Zinzendorfs Tod über 200 Herrnhuter Missionare in alle Welt geschickt, die sich besonders um Volksgruppen kümmerten, die das Evangelium bisher noch nie gehört hatten.
Welt-Veränderung durch Menschen-Veränderung
Das war das Programm des Pietismus und die Grundlage dafür war die intensive persönliche Gemeinschaft mit Jesus selbst und untereinander, was Zinzendorf in dem Satz auf den Punkt brachte: «Ich statuiere kein Christentum ohne Gemeinschaft.» Dennoch verflachten auch die Impulse des Pietismus im Laufe der Zeit. Geistliches Leben lässt sich nicht konservieren, sondern muss für jede Zeit wieder neu gestaltet werden.
Geistliches Leben lässt sich nicht konservieren, sondern muss für jede Zeit wieder neu gestaltet werden.
Zeitweise zogen sich die «Frommen» in Bibelstunden und Hausgruppen zurück. Immer wieder aber wurden die Ideen des Pietismus auf neue zeitgemässe Weise fruchtbar gemacht, so zum Beispiel in der weltweiten Erweckungsbewegung um 1820 oder in der Gemeinschaftsbewegung um 1900. Bis heute bietet die Beschäftigung mit dem Pietismus viele lohnende Ansatzpunkte. Wer sich damit näher beschäftigen möchte, findet nähere Informationen unter www.neupietismus.de oder in den Kirchengeschichts-Videos des YouTube-Kanals «Professor Lüdke».