Geschrieben: Stefan Volkamer
Fragt man Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Landratsamtes Starnberg wie sie dazu stehen, dass ihr oberster Chef, Landrat Karl Roth, für eine dritte Kandidatur im Frühjahr 2020 nicht mehr zur Verfügung stehen möchte, kommt fast immer diese eine Antwort: „Schad, dass er nicht mehr weiter macht“. Nach 24 Jahren Politik auf Gemeinde- und Kreis- ebene und einer 70-80 Stundenwoche kann man das aber durchaus verstehen, auch wenn ihm seine Entscheidung nicht leicht gefallen ist.
Der 1954 in Neuhütten, einem ehemaligen Köhlerdorf, geborene Karl wuchs als Ältester von drei Geschwistern mitten im Bayerischen Spessart auf, „eine relativ dunkle, von riesigen Eichen- und Buchenwäldern durchzogene Landschaft“, erinnert er sich noch gut an die ersten Kindheitseindrücke dieser Gegend. Neuhütten hatte zu dieser Zeit keine 900 Einwohner, und so musste der junge Karl jeden Tag zur 30 km entfernten Staatlichen Realschule nach Gemünden fahren, „1 ½ Stunden hin, 1 ½ Stunden wieder zurück. Ich musste immer um 6.30 Uhr los, bei Wind und Wetter, und war in der Regel nicht vor 14.30 Uhr wieder zu Hause.“
Polizist – sein langgehegter Jugendtraum
Nach seinem Realschulabschluss stellt sich die Frage, welchen Ausbildungs- und Berufsweg er nun einschlagen wolle. „Diese Frage stellte sich aber eigentlich nur meinen Eltern. Meine Mutter sah mich eher als künftigen Finanzbeamten, mein Vater hingegen legte mir eine Lehre als Modellschreiner ans Herz. Ich allerdings wollte entweder Detektiv oder Polizist werden, das war schon immer ein langgehegter Traum von mir“, gibt Karl Roth zu. Es folgten Jahre der Polizeiausbildung im Fränkischen, unter anderem in Nürnberg und Hammelburg, bis er dann 1972 als 17-Jähriger nach München zur Olympiade abgeordnet wurde. „Es gibt also doch noch ein Leben außerhalb des Spessart und des Fränkischen, sagte ich mir damals. Ich war froh, aus der Enge heraus zu kommen“, gibt Karl Roth zu. 1974 wurde er zur Polizeiinspektion Starnberg versetzt und der Polizeistation Herrsching zugeteilt. Sieben Jahre später besuchte er die Polizeifachhochschule in Fürstenfeldbruch und avancierte Mitte der 80er Jahre zum Kriminalhauptkommissar. Der Polizist war jetzt ein Kripomann. Doch die Kriminalpolizei hatte keine freie Stelle zu vergeben, und so zog er seine Polizeiuniform erst einmal wieder an, ging zunächst nach Starnberg zurück und kurze Zeit später nach Herrsching. Drei Jahre später klappte es dann mit einer Stelle bei der Kripo Fürstenfeldbruck.
(Karl Roth, ganz links als junger Polizist. Foto: Privat)
Kripo und Jugendwart im Fußballverein Andechs
„Da folgte dann der klassische Weg“, so Roth. „Angefangen habe ich bei der Spurensicherung, da lernt man die Basics. Dann wechselte ich zum Branddezernat, was nicht so meine Sache war, später dann wurde ich zuständig für Tötungsdelikte und Sexualdelikte. Bei der Sitte habe ich die meisten Jahre verbracht, eine zuweilen harte und schwere Zeit. Bei den Missbrauchsfällen musste man viel ertragen und auch wegstecken können“. Umgezogen ist Karl Roth in diesen Jahren viel. Erst hat er in Steinebach gewohnt, dann in Breitbrunn, Pähl und Herrsching. Seit 1978 wohnt er in Andechs. Schon während seiner Steinebacher Zeit hatte Karl Kontakt zur Gemeinde Andechs. „Ich wohnte in Steinebach mit einem Kumpel in einer WG und wir beide spielten liebend gerne Fußball. Wir suchten einen Fußballverein, der aber bitte schön mit vernünftigen Duschen ausgestattet sein sollte. In Andechs wurde gerade ein neues Vereinshaus gebaut. So haben wir dann in Andechs im Verein gespielt, einige Zeit später habe ich dann auch eine Wohnung im Klosterort gefunden und mich von da an als Jugendleiter ehrenamtlich um den Nachwuchs gekümmert“, erzählt Landrat Roth.
Bürgermeister von Andechs
Auf den sportlichen, gut trainierten und parteilosen Vereinsfußballer Roth, der sich um die Jugendmannschaften kümmert, betreut, organisiert und was bewegt, ist dann eines Tages die CSU zugekommen. Andechs suchte einen Bürgermeister, Karl Roth rückte ins Visier. „Ich hatte damals keine Ahnung, was so ein Bürgermeister alles machen und können muss“, gesteht er. „So habe ich mich dann erst einmal schlau gemacht und einer Kandidatur dann auch zugestimmt“, verrät er. In der Stichwahl wurde er zum Bürgermeister von Andechs gewählt, der Beginn seiner Karriere als Kommunalpolitiker und später auch das Ende seiner Zeit bei der Kripo. „In den ersten sechs Jahren als ehrenamtlicher Bürgermeister von Andechs habe ich die Hälfte meiner Zeit noch in Fürstenfeldbruck bei der Kripo gearbeitet. Die andere Hälfte meiner Zeit stand der Gemeinde zur Verfügung. Das änderte sich erst in der zweiten Periode meiner Amtszeit als Bürgermeister. Andechs hatte inzwischen über 3.000 Einwohner und damit war der Weg zum hauptamtlichen Bürgermeister geebnet. Der ehemalige „Herzblutpolizist“ war damit Berufspolitiker und wurde gleichzeitig in den Kreistag, zum Vorsitzenden des Tourismusverbandes und zum stellvertretenden Landrat gewählt. „Ohne konkretes Geschäftsfeld aber, als stellvertretender Landrat ist man in Bayern im Prinzip eher ein Abwesenheitsvertreter“, erläutert er.
Der Landrat Karl Roth
Sechs Jahre später wurde Karl Roth zum Landrat gewählt. Doch welche persönlichen Eigenschaften sollte man für ein solches Amt mitbringen? „In erster Linie muss man mit Menschen umgehen können, mit Menschen jeder Couleur. Offenheit und die Fähigkeit, zuhören zu können, gehören ebenso dazu wie ein gutes Zeitmanagement. Dieses Amt kann man nur ausüben, wenn man gerne unterwegs ist, Empathie und eine gewisse Führungsstärke besitzt, verbindend sowie kompromissfähig ist und im Team spielen kann. Zugegeben, auch eine gehörige Portion Leidensfähigkeit gehört dazu, man muss auch einstecken können“, so der Landrat. Als Landrat ist Karl Roth Staatsbeamter, Landkreisbeamter, Politiker und Chef einer Behörde mit inzwischen über 550 Mitarbeitern. Mit dabei sind auch Mitarbeiter des Staates, die interimsweise dem Landratsamt zugewiesen werden. Er muss nicht nur seine Mitarbeiter, er muss auch die Gemeinden gut handeln können und zur gesetzgebenden Ebene hin gut vernetzt sein. „Die Einflussnahme auf die Gesetzgebung, die den Landkreis betrifft, ist sehr wichtig. Die Gesetze werden oben gemacht, sollen aber an der Basis umgesetzt werden. Das ist nicht immer einfach und auch nicht immer im Interesse des Landkreises und der Gemeinden. Als Landrat ist man da Vermittler zwischen Staat/Gesetzgeber und dem Bürger und es gilt, den Ermessensspielraum, den die Bundes- und Landesgesetze bieten, optimal im Sinne der Bürger auszuschöpfen“, erläutert Karl Roth.
Zweimal Bürgermeister und zweimal Landrat, eine 70-80 Stundenwoche und vier bis fünf Abende unterwegs zu Veranstaltungen und Spätterminen fordern ihren Tribut. Nicht selten kommen der halbe Samstag und der halbe Sonntag noch hinzu. Was treibt ihn an? „Es ist ein anstrengender Job im öffentlichen Raum, keine Frage. Aber auch sehr befriedigend. Man kann bewegen, gestalten, Probleme lösen, erntet Anerkennung, Wertschätzung und viel Zuspruch. Aber ohne diese positiven Resonanzen könnte ich das nicht“, gesteht Roth.
Der Landkreis Starnberg steht gut da
Was hat sich seit seiner Amtsübernahme im Landkreis verändert? „Zunächst einmal hat sich der Öffentliche Nahverkehr sehr positiv entwickelt. Mehr Busse, mehr Linien, mehr Verbindungen. Auch Bildungseinrichtungen haben wir heute mehr. Windanlagen und Photovoltaiganlagen sind hinzugekommen, der Markenprozess StarnbergAmmersee ist initiiert worden, auch wenn er noch nicht so richtig durchgreift, die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten im Landkreis hat sich drastisch erhöht, ein- und ausfahrende Pendler haben sich angeglichen, weil wesentlich mehr Arbeitsplätze geschaffen worden sind. Die Natur um uns herum aber hat trotz dieser positiven Entwicklungen ihre beschützenswerte, natürliche Architektur behalten und die Ortschaften sind nach wie vor typische Ortschaften. Der Landkreis Starnberg gehört unter den 412 bundesweiten Landkreisen zu den oberen zehn, was Lebensqualität, Einkommen, Bildung, Soziales, Steuerkraft und viele weitere Kriterien betrifft. Bei den Rankings liegen wir immer ganz weit oben. Und was die Steuerkraft in Bayern anbelangt liegen wir sogar auf Platz 3. Der Landkreis ist dynamisch, innovativ, solide, schön und gut ausbalanciert“, berichtet Amtschef Roth. „Mehr kann man sich kaum wünschen.“ Und dass es so bleibt, wünscht er sich auch, wenn er am 30. April 2020 definitiv aufhört.
Endlich wieder spontan sein können
Und dann, Herr Roth? „Am meisten freue ich mich, endlich wieder Zeit zu haben für meine Familie und meine Frau, ohne die mein zeitraubendes Leben als Politiker nicht möglich gewesen wäre. Und ich freue mich darauf, ganz spontan sein zu können, mit meinen Enkelkindern zu spielen, um den Ammersee zu radeln, zu lesen, zu wandern und Cabrio zu fahren. Und zwar wann ich es will“, gesteht er mit seinem typisch freudigen Lächeln im Gesicht.