Im Sommer 2021 reiste ich mit meiner Freundin für eine Woche nach Assisi. Wir wollten etwas ausspannen, die umbrische Küche würdigen, durch Haine und Gassen schlendern und natürlich Stationen auf dem Lebensweg der heiligen Franziskus und Klara von Assisi nachspüren. Es stehen viele Kirchen, Klöster und Krypten in und um Assisi, doch am besten gefiel es mir im ehemaligen Kloster San Damiano etwas unterhalb des Städtchens. Der Überlieferung zufolge hörte hier Franziskus in der damaligen Kapelle die Stimme von Christus vom Kreuz zu ihm sprechen: «Franziskus, geh und bau mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz in Ruinen liegt!» Franziskus bezog diesen Auftrag wortwörtlich auf die halb zerfallene Kapelle, aber auch auf die Kirche als die Gemeinschaft aller Gläubigen.
Am Ende des Sommers, nach zu vielen schlechten Nachrichten aus der ganzen Welt und der Ablehnung des CO2-Gesetzes in der Volksabstimmung, kämpfte ich mit der Verzweiflung. So notierte ich in meinem Nächtebuch, bezugnehmend auf den Eindruck von San Damiano: «Wir werden den Niedergang unserer vertrauten Welt [...] mit eigenen Augen und Ohren und an der eigenen Haut erleben. Die Umweltapokalypse hat längst begonnen. Wieder Jahrhundertunwetter, Jahrhundertwaldbrände und Flüchtlingsströme an so verschiedenen Orten wie Deutschland und China, Kanada und Russland. Wäre dies ein Hollywoodfilm, würden wir diesen Sommer 2021 als etwas gar dick aufgetragen abtun. Aber dies ist unsere Realität und droht unsere noch schlimmere Zukunft zu werden, wenn wir nicht endlich aufwachen und handeln» … und Christi Haus wieder aufbauen.
Wäre dies ein Hollywoodfilm, würden wir diesen Sommer 2021 als etwas gar dick aufgetragen abtun.
Wie ernst die Lage ist, brauche ich den Lesern und Leserinnen dieser Zeilen hoffentlich nicht in Erinnerung zu rufen. Es brennt auf unserer Erde, und wir sind die Brandstifter. Eine Betrachtungsweise, die mir als Weltraumphysiker besonders nahe liegt, sind die sogenannten planetaren Grenzen: Dies sind die Grenzen der Erde, deren Überschreitung die Stabilität gesamter Ökosysteme und die Lebensgrundlagen der Menschheit gefährdet. Seit Beginn der Industrialisierung hat die Menschheit bereits mehrere dieser Grenzen überschritten oder ist im Begriff dies zu tun (bspw. Klimakrise durch die übermässige Emission von Treibhausgasen, vgl. Wikipedia-Artikel zu planetare Grenzen).
Es brennt auf unserer Erde, und wir sind die Brandstifter.
Als Weltraumphysiker weiss ich: Wir leben auf einem kleinen Planeten inmitten eines weiten lebensfeindlichen Alls, in dem es bleischmelzend heisse Wüstenplaneten, zerstrahlte Eismonde, rote Riesensterne und Schwarze Löcher gibt. Aber soweit unser Blick reicht, existiert kein anderer Ort, auf dem wir und alle Geschöpfe unseres Planeten in absehbarer Zeit leben können.
Soweit unser Blick reicht, existiert kein anderer Ort, auf dem wir und alle Geschöpfe unseres Planeten in absehbarer Zeit leben können.
Was also sollen wir jetzt tun?
1. Aufwachen
Die Realität sehen und Gottes warnende Stimme hören, beides gehört zusammen. Wenn wir nicht einmal die sichtbare Welt wahrnehmen und ihre Zeichen ernst nehmen wollen, wie wollen wir dann erst das Wirken oder das Reich Gottes wahrnehmen? Die Klimakrise bspw. war spätestens seit der 1. Weltklimakonferenz 1979 (sic!) für jeden vernünftigen Menschen eine ernstzunehmende Bedrohung für den Fall, dass die Menschheit nicht rasch und drastisch den Ausstoss von Treibhausgasen senkte. Aber unsere Politik, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft blieben viel zu lange untätig. Nicht aus Nichtwissen, sondern aus Nichtwissenwollen, aus Bequemlichkeit und aus Geldgier.
Unsere Politik, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft blieben viel zu lange untätig.
2. Umkehren
Wir müssen Busse tun für unsere Gier nach Überfluss auf Kosten unserer Nächsten, unserer Nachfahren und Gottes Schöpfung. Wir müssen uns für Gott und gegen den Mammon entscheiden (Matthäus 6, 24). Bei Umweltkrisen ertönt aus einer bestimmten theologischen Ecke oft das Argument, diese Krisen, diese Zerstörung, seien Gottes Plan, «der erste Himmel und die erste Erde» müssten ohnehin vergehen (Offenbarung 21). Hierzu stelle ich fest: Die Apokalypsen, die sich im 21. Jahrhundert abzeichnen, sind offensichtlich menschengemacht. Zweitens: Gottes jüngster Tag kann morgen kommen, ja. Er kann aber ebenso gut in tausend Jahren oder in einer Milliarde Jahren kommen, wenn unsere Sonne zu heiss für Leben auf der Erde sein wird. Als sterbliche Menschen wissen wir den Tag nicht. Was wir aber wissen und was uns klar und deutlich gesagt ist: Wir können mit dem Verweis auf Gottes kommendes Gericht keinesfalls Handlungen wie das Überfischen der Weltmeere oder das Abbrennenlassen ganzer Landstriche rechtfertigen – im Gegenteil: Damit entziehen wir unseren Mitmenschen die Lebensgrundlage und vergehen uns an Gottes Schöpfung. Leute, die in der Erwartung von Christi Wiederkehr ihre Mitmenschen im Hier und Heute vernachlässigen oder die Zerstörung von Lebensräumen mit einem frommen Schulterzucken abtun, mögen bitte dringend das Urteil über den treulosen Knecht nachlesen (Matthäus 24, 45–51).
3. Handeln
Man kann bei sich selber beginnen, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren (siehe bspw. www.gruenerfisch.ch). Aber das alleine reicht bei weitem nicht. Wir müssen unsere ganze Gesellschaft zu einem nachhaltigeren Leben und Wirtschaften umgestalten. Das heisst unter anderem: Wir wählen nur Parteien und Politiker, die eine ökologisch nachhaltige, gerechte und zukunftsfähige Politik betreiben. Wir behaften unsere Banken und Firmen darauf, dass sie nachhaltig wirtschaften und die Menschenrechte einhalten, besonders in ärmeren Ländern, wo die Umweltzerstörung die Ärmsten, die Ausgegrenzten und die Indigenen am härtesten trifft. Und wir wirken in einer Kirche mit, die sich für Gerechtigkeit einsetzt, im Vertrauen auf einen Gott, dem diese Welt nicht egal ist (Johannes 3,16).
Wir müssen unsere ganze Gesellschaft zu einem nachhaltigeren Leben und Wirtschaften umgestalten.