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Woher komme ich? Wozu bin ich da? Wohin gehe ich? Interview mit karl imfeld, Bildhauer und designer

Interview: Dieter Bösser

Herr Imfeld, gehört das künstlerische Flair bereits zu Ihrer Herkunfts-Familie?

Mein Vater war Zimmermann, ein Bruder ist Architekt, ein anderer ist Pastor. Ich wollte zuerst auch Zimmermann werden, später dann Architekt. Ich liess mich schliesslich zum Bildhauer ausbilden und war später an der Kunstakademie in Wien. Es war mir wichtig, zu sehen, was ich gemacht habe – vor allem mit Holz.

Wie kommen Sie zu Impulsen für Ihre Arbeiten?

Impulse bekommt man fast täglich. Alles, was einen umgibt, kann eine Inspiration auslösen. Inspirationen kommen natürlich auch aus der Bibel. Vor­aussetzungen für einen kreativen Prozess sind Vorstellungsvermögen und Phantasie. Die meisten Inspirationen kommen mir in der Natur, beim Wandern, Skifahren oder Segeln. Die Nähe zu den Bergen ist inspirierender als die Hektik einer Grossstadt. Viele grosse Künstler haben in der Abgeschiedenheit gelebt, sie sind eher introvertierte Menschen. Ein Mensch, der in Verbindung mit Gott durch das Leben geht und fast immer mit Ihm im Gespräch ist, für den ist Gott wirklich allgegenwärtig. Es ist allen Menschen zu wünschen, dass sie erkennen, dass sie nicht nur abhängig sind von dem, was man sieht, sondern von den Dingen, die verborgen sind. Man kann spüren, dass es diesen Gott gibt, den totalen Kreator.

Alles, was einen umgibt, kann eine Inspiration auslösen.

Welche Rolle spielt der Glaube an den lebendigen Gott für Ihre Arbeit?

Als ich 25 Jahre alt war, war ich an einem Punkt, wo ich dachte: Wozu soll ich jetzt noch kreativ werden, es gibt doch schon alles. Die Fragen, woher ich komme und wohin ich gehe, haben mich dann veranlasst, nach Gott zu fragen. Ich sollte damals für eine Aufbahrungshalle eine Eingangstür kre­ieren. Da lief es mir kalt den Rücken herunter, weil ich dachte: Du könntest der Erste sein, der hier aufgebahrt wird. Das hat mich heftig durcheinander gebracht. Praktisch zur gleichen Zeit hatte mein Bruder eine Begegnung mit Gott. Wir haben stundenlang über den Glauben diskutiert. Drei Monate später ging ich in einen Gottesdienst und hatte den Eindruck, dass der Pastor direkt zu mir spricht. Dann habe ich gemerkt, dass eine Entscheidung das Beste ist, was ich tun kann. Das hat dann bei mir extreme Inspirationen ausgelöst. Ich habe Dinge gesehen, die ich vorher nicht sah. Das konnten ganz einfache, alltägliche Dinge sein. Oder ein Kreuz bekam eine völlig neue Bedeutung für mich. Auf diesem Hintergrund habe ich dann weitergearbeitet. Es war und ist mein Bedürfnis, dass die Werke, die ich erschaffe, zu den Menschen sprechen, dass sie bei den Menschen Fragen auslösen und sie sich diesen Fragen stellen.

Können Sie uns ein Beispiel für ein gelungenes Zusammenwirken von Ihrem künstlerischen Beitrag mit der Architektur nennen?

In Schwäbisch Gmünd gibt es ein grosses christliches Gästezentrum, das Haus Schönblick. Dort war ich an der Gestaltung einer neuen Kapelle beteiligt, speziell des Altars und der Sitzbänke. Das Licht kommt konzentriert von oben und füllt den Raum. Der Altar unten nimmt das Licht quasi wie ein Kelch auf. Die Bänke sind so angeordnet, dass man fast alle Menschen im Raum sieht. Das erzeugt eine Verbindungskraft, die ich sonst noch nicht so erlebt habe.

Raum der Stille, Haus Schönblick, Schwäbisch Gmünd (© Karl Imfeld)

Wie spielen nach Ihrer Erfahrung Verstand, Kreativität und der Heilige Geist zusammen?

Im kreativen Prozess sind Inspiration und Kreativität entscheidend. Im Blick auf die Umsetzung ist es aber auch wichtig, dass der Bildhauer ein geschickter Handwerker sein muss, um ein dreidimensionales Objekt gekonnt umzusetzen. Der Bildhauer ist also eine Art Universalgenie. Inspirationen durch den Heiligen Geist kommen oft überraschend, beispielsweise beim Lesen eines Bibeltextes. Das Gleichnis vom Töpfer (Jeremia 18) hat mich inspiriert, drei Schalen aus Holz zu kreieren. Damit soll zum Ausdruck kommen, dass ein Gefäss zur Ehre Gottes existieren kann oder aber eben nicht. Die erste Schale lässt sich von oben füllen und verschenkt den Inhalt in offene Hände. Die dritte Schale beispielsweise wendet sich ab, sie ist für den Betrachter nur von hinten sichtbar und kippt auf die andere Seite. Sie lässt sich nicht füllen. Entscheidend ist, dass im Betrachter ein Impuls ausgelöst wird, dass er den Eindruck gewinnt: So habe ich das noch nie verstanden, jetzt begreife ich es. Die Begegnung mit Gott ist dann der letzte Schritt eines Prozesses.

Drei Schalen (© Karl Imfeld)

Wieso sind heute so viele Menschen kaum ansprechbar für Gottes Botschaft?

Die ständige Bilderflut hält die Menschen von den wesentlichen Dingen ab. Daher ist es schwieriger, zur Besinnung zu kommen und über die entscheidenden Fragen des Lebens nachzudenken. Einige wollen Antworten auf die grundlegenden Fragen des Lebens finden, andere denken dagegen gar nicht mehr darüber nach. Wenn man meint, dass mit dem Tod sowieso alles aus ist, dann muss man nicht mehr gross nachdenken. Es macht die Menschen ärmer, wenn sie keinen weiteren Horizont sehen und nur das Jetzt zählt.

Wie kann die Gestaltung eines gottesdienstlichen Raumes die Empfänglichkeit für geistliche Inhalte unterstützen, gerade für nichtchristliche Besucher?

Wenn Kirchenräume ein neues Outfit bekommen, das dem heutigen Empfinden etwas näher kommt, dann wird eine Wirkung davon ausgehen wie eine freundliche Begrüssung beim Betreten eines fremden Hauses. Die Farbgestaltung und die Materialwahl können viel dazu beitragen, dass sich die Menschen wohlfühlen und wiederkommen. Auch die Raumhöhe kann viel dazu beitragen, dass man sich in diesem Raum so fühlt. Die alten Kirchen sind sehr hoch, sie haben eine überwältigende Wirkung. Die Menschen werden ganz still, sobald sie eine solche Kirche betreten. Es beruhigt sie, sie kommen ins Staunen, weil die Raumhöhe sie überwältigt. Hohe Räume haben eine Kraft in sich. Sie ordnen unsere Emotionen und ziehen sie nach oben. Niedrige Räume sind eher bedrückend.

Es lohnt sich, wenn sich eine Gemeinde bei der Neugestaltung ihrer Räume professionell beraten lässt, um durch äussere Gestaltungselemente die Wirkung der Worte zu unterstützen und zu verstärken.

Herr Imfeld, herzlichen Dank für Ihre Antworten. Wir wünschen Ihnen weiterhin Gottes Segen in Ihrem Wirken.

Karl Imfeld (geb. 1953) ist Bildhauer und Designer, seit 1975 mit eigenem Atelier in Lungern/OW. Er gestaltet Skulpturen aus Holz, Stein und Metall und entwickelte ein innovatives Möbelsystem (imfeldcubi). Er hilft gottesdienstliche Räume mitzugestalten und hat beispielsweise in der FMG Region Zofingen die Kanzel, den Abendmahlstisch und das Holzkreuz kreiert. Karl Imfeld will mit einfachen Formen die Betrachter zum Nachdenken bringen über die grundlegenden Fragen des Lebens, damit sie wieder in eine Beziehung mit ihrem Schöpfer finden. Er gehört zur Freien Evangelischen Gemeinde Obwalden in Sarnen. www.karl-imfeld.ch