Aktuell besteht eine Sturmflutwarnung für die deutsche Küste – die Sturmtiefs „Ylenia“ und „Zeynep“ haben Orkanpotenzial. Vor genau 60 Jahren war die Wetterlage ähnlich: Damals hieß das Tief „Vincinette“, das als Orkan über die Nordseeküste hereinbrach. Die Deiche hielten der Wucht nicht stand. Mehr als 300 Menschen kamen in den Fluten ums Leben. Dass es nicht noch mehr Opfer gab, ist auch dem resoluten Zupacken eines Mannes zu verdanken – und der Bundeswehr, die damals erstmals den Menschen im Inland zur Hilfe kam.
Auf die Katastrophe in der Nacht zum 17. Februar 1962 war niemand vorbereitet. Es gab eine Sturmwarnung, doch das Ausmaß hatten die Behörden unterschätzt. Die Menschen fühlten sich sicher hinter den Deichen in Hamburg und an der Nordseeküste. Doch an den Unterläufen von Elbe und Weser stieg das Wasser so hoch wie seit Menschengedenken nicht mehr – die Deiche hielten dem Druck nicht stand.
Insbesondere in Hamburg schätzten die Behörden die Situation völlig falsch ein – mit dramatischen Folgen. Während etwa in Bremen oder Bremerhaven der Ernst der Lage recht früh erkannt wurde und die ersten Gebiete an der Küste evakuiert wurden, wurden die Hamburger kalt erwischt. Die Bevölkerung wurde gar nicht oder, wenn überhaupt, lediglich durch einzelne Polizisten gewarnt, die von Haus zu Haus gingen. Als endlich eine Warnung durch Rundfunk und Fernsehen verbreitet wurde, war es schon viel zu spät. Die meisten Menschen lagen schon im Bett, nicht ahnend, was da auf sie zukam.
In der Hansestadt herrschte das pure Chaos, nachdem rund 20 Prozent der Stadtfläche überschwemmt waren: Katastrophenschutzpläne gab es keine, dafür aber Kompetenzgerangel. Hamburgs Erster Bürgermeister weilte im Urlaub, da nahm der Senator der Polizeibehörde das Heft in die Hand – der SPD-Politiker Helmut Schmidt. Ab dem Morgen des 17. Februar übernahm Schmidt die Einsatzleitung und stellte das Bestehen eines katastrophalen allgemeinen Notstands fest.
Als er das Ausmaß des Unglücks realisierte, forderte Schmidt bei der Bundeswehr und bei der NATO Unterstützung an. Hilfreich waren die guten Kontakte, die er aus seiner Zeit als SPD-Bundestagsabgeordneter und Verteidigungsexperte hatte. Schmidt bekam die Hilfe in Form von rund 100 Hubschraubern sowie Pionieren, die mit Booten zum Einsatz kamen. Innerhalb kurzer Zeit konnten die Hubschrauber mehr als 1100 Menschen retten, die von den Fluten eingeschlossen auf den Dächern ihrer Häuser festsaßen. Weitere Menschen, die von der Außenwelt abgeschnitten waren, wurden aus der Luft mit Lebensmitteln versorgt. Die Hubschrauberbesatzungen wurden daraufhin von den Hamburgern als „rettende Engel“ bezeichnet.
„Ich habe die alle einfach selbst angerufen oder mit Funksprüchen oder Fernschreiben in Bewegung gesetzt. Ich habe gesagt: ‚Sie müssen Hubschrauber schicken, Sie müssen Pioniere schicken, die mit Sturmbooten die Menschen von den Dächern runterholen‘“, erinnerte sich Schmidt später im NDR. „Die haben zunächst geglaubt, ich sei verrückt geworden. Weil sie mich aber gut kannten, haben sie auf mein Insistieren hin schließlich sehr schnell funktioniert.“
Nach Angaben der Bundeswehr befanden sich damals rund 40.000 Soldaten tagelang im Dauereinsatz. Dieser erste Amtshilfeeinsatz der Bundeswehr – damals noch nicht verfassungsrechtlich legitimiert – forderte auch Opfer: Neun Soldaten kamen ums Leben beim Versuch, anderen Menschen zu helfen. Erst Jahre später, mit den 1968 verabschiedeten Notstandsgesetzen, wurde die Grundlage für Amtshilfeeinsätze der Bundeswehr im Innern geschaffen.
„Wir haben uns nicht an Gesetze und Vorschriften gehalten“, sagte Schmidt später ebenfalls dem NDR, „und wir haben sicherlich am Grundgesetz vorbei operiert, indem die Bundeswehr sich unterstellt hat, sogar ausländische Truppen sich unterstellt haben – das war ein übergesetzlicher Notstand“. Der Ruf Schmidts als fähiger Krisenmanager, der unbürokratische Wege geht, verfestigte sich später während seiner Kanzlerschaft, als er entschlossen gegen den in den 1970er Jahren wütenden Terrorismus vorging.