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Der letzte Schuster Stefan Stoll

Geschrieben und fotografiert: Stefan Volkamer

Schere, Hammer, Messer und Zange

Stefan Stoll aus Starnberg ist der letzte Schuster rund um den Starnberger See

„Schuster, bleib bei deinem Leisten“, heißt es in einer alten Redewendung und bedeutet nichts anderes als sich auf die Dinge zu beschränken, mit denen man sich gut, sehr gut auskennt. Seit 1900 etwa gilt diese Redewendung als Leitspruch der Familie Stoll, deren Wurzeln im Allgäu liegen und die heute in der vierten Generation von Schuhmachermeister Stefan Stoll und seiner Frau Marion würdig vertreten wird.

Stefan Stoll in seinem geordneten, Starnberger Werkstattchaos. Hier fühlt er sich wohl.

Der Letzte seiner Art

„In den Jahren nach 1945 gab es noch 18 Schuhmacher in Starnberg, einer von ihnen war mein Großvater“, so Stefan Stoll. „Er hat das Handwerk und die Kunst des Schuhmachens von seinem Vater gelernt, der nach dem Krieg von Blumenried im Allgäu nach Starnberg übersiedelte und sein Wissen und seine Erfahrungen an den Sohn weiter gab“. Als in den 60er Jahren immer mehr Schuhfabriken mit seriell gefertigten Schuhen auf den Markt kamen, mussten ein Schuster nach dem anderen ihr Handwerk aufgeben oder stiegen in den Schuheinzelhandel ein. Die Familie Stoll allerdings ist ihrem Leitspruch treu geblieben. Ihr Schusterbetrieb konnte sich halten und ist heute der letzte seiner Art rund um den Starnberger See, vermutlich sogar im gesamten Fünfseenland. „Soweit ich weiß, gibt es nur noch mich“, meint Stefan Stoll, „der letzte Vertreter einer aussterbenden Spezies“, setzt er grinsend hinzu.

Wie alles anfing: Blick in das Familienalbum der Familie Stoll, die seit 1893 die Kunst des Schuhmachens ausübt. Werkstatt und Hof im Allgäu.

Vom Labor zum Schuh

In seiner Werkstatt in der Zweigstraße 2 in Starnberg unterstützt ihn tagtäglich seine Frau Marion, eine gelernte Chemisch-technische Assistentin, die zuvor in einem Universitätslabor gearbeitet hat. Nachdem sich Stefan und Marion Stoll auf einer Feier in Starnberg kennengelernt und grenzenlos ineinander verliebt haben, ging es ganz schnell: Erst kamen zwei Kinder, dann die Hochzeit und unmittelbar darauf kam auch Marion Stoll auf den Schuh. Heute betreut sie die Kunden im Geschäft, kümmert sich um Büroarbeiten und Bestellungen und übernimmt fast alle Näharbeiten im Betrieb. „Mein Mann und mein Schwiegervater haben mir alles beigebracht, was es zu wissen gibt, jeden Handgriff und jedes Detail. Mir gefällt diese Arbeit bis heute, ich habe viel mit Menschen zu tun, mit meinen Händen, und jeden Tag warten neue Herausforderungen auf mich. Im Verkauf und am Schuh.“

Marion Stoll unterstützt ihren Mann, wo sie nur kann. Die gelernte Chemisch-technische Assistentin erledigt heute die "leichteren" Arbeiten in der Werkstatt, kümmert sich um Verkauf und Kunden und ist die herzlich gute Seele des Hauses.

Der Maschinenpark bleibt Männersache

Die richtig schweren und körperlich anstrengenden Arbeiten allerdings überlässt sie ihrem Mann. Dazu gehört auch die Arbeit an den Maschinen - Pressmaschinen, Schleifmaschinen und eine uralte Stanzmaschine – an der schon sein Großvater saß. Im Hause Stoll ist der Maschinenpark schon über 60 Jahre alt. „Früher“, so Stefan Stoll, „hat der Schuhmacher individuelle Schuhe angefertigt, eine mordsmäßige Arbeit, die viel Zeit in Anspruch genommen hat und jeder Menge Werkzeug bedarf. Heute beschränkt sich die Arbeit des Schusters mehr auf Reparaturen, auf den Austausch von Sohlen und Absätzen, auf das Flicken von Löchern im Leder oder auf Absatzkürzungen und Schuherweiterungen. Schuhe auf Maß fertigen wir schon lange nicht mehr. Aber anstrengend ist dieser Beruf nach wie vor.“

Harte Arbeit...

Die Arbeit an den diversen Schleifmaschinen ist anstrengend, staubig, höllisch laut und mühevoll. Doch ohne diese Helfer geht in einer Schuhwerkstatt nichts.
Das dicke Rindsleder für die Schuhsohlen wird noch bis heute ausgestanzt. Die Stanze und die Formen hat schon der Großvater von Stefan Stoll benutzt und herstellen lassen.
Die Arbeit an den Maschinen kann nur im Stehen erfolgen. Da kommen schon mal 6 bis 7 Stunden pro Tag zusammen.
Das Nageln im Sitzen tut einfach gut.

12 Stunden hat der Durchschnittstag

So hat sich auch das notwendige Handwerkszeug der Zeit angepasst. Lederschere und Hammer, Zange, Messer, Pinsel und Leim sind heute die wichtigsten Werkzeuge. Besonders scharf muss die Lederschere sein, denn das naturgegerbte, teils fingerdicke, heimische Rindsleder für die Besohlung wird noch mit der Hand geschnitten, bevor es aufgeleimt, verpresst, geschliffen und anpoliert wird. Kraft in den Händen muss man da schon haben. Aber nicht nur in den Händen. Im Schnitt steht Stefan Stoll jeden Tag zwölf Stunden in seiner Werkstatt gleich hinter dem Laden, nicht selten bis zu acht Stunden davon an den Schleifmaschinen. Dreck, Staub und Lärm, Werkmaterial, Leder sowie Unmengen an noch unfertigen wie fertigen Schuhen jeder Art bilden ein geordnetes Chaos auf nur wenigen Quadratmetern. „Das ist unsere Welt, die meiner Frau und mir gefällt“, sagt Stefan Stoll. „Etwas anderes könnten wir uns nicht mehr vorstellen.“ Und vor die Wahl gestellt, würden sich beide wieder für ihren Beruf entscheiden. Die zahlreichen Kunden wissen die Freude der Stoll´s an ihrem Beruf zu schätzen. Viele von ihnen sind treue Stammkunden, sie kommen aus der ganzen Region, manche sogar aus dem Süden Münchens. Qualität spricht sich eben rum.

Für die Einen das reinste Chaos, für Stefan Stoll Ordnung mit System. Welches System dahinter steckt, verrät er nicht. Wir vermuten, es ist das Stoll´sche.

"Das taugt dem", sagt Stefan Stoll über seinen Vater

Hier und da kommt auch Vater Stoll noch in die Werkstatt. Ist er stolz auf seinen Sohn, dass er die Tradition pflegt und weiter führt? „Das taugt dem“, so Stefan Stoll mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Ein Lächeln vor Freude zeigt sich auch, wenn er vom Werkstattstress abschalten muss. Dann spielt er Eishockey, fährt zum Kitesurfen gerne an den Gardasee oder arbeitet mal wieder - dafür allerdings im Wald. In seinem eigenen Wald. „Von meinen Großeltern haben wir ein kleines Waldstück geerbt, ganz in der Nähe von Starnberg. Das muss laufend gehegt und gepflegt werden, außerdem entnehmen wir ihm unseren gesamten privaten Bedarf an Brennholz. Arbeit, und wie, aber auch schön und sehr ausgleichend.“ Er genießt diese Stunden im Wald, bei Wind und Wetter, im Sommer wie im Winter.

Die nächste Generation steht schon in den Startlöchern

Sohn Florian wird die Tradition und Geschichte der Stolls weiter führen. Jule, seine Schwester, wird in dabei unterstützen. Die Kinder stehen in den Startlöchern.

Doch mit Stefan und Marion Stoll endet die Geschichte der Familie als Schuhmacher nicht irgendwann und läuft aus, sie bekommt nur eine andere Wendung. Die fünfte Generation rückt nämlich nach. Sohn Florian steht vor seiner Meisterprüfung als Orthopädietechniker, Tochter Jule absolviert gerade ihre Ausbildung zur Orthopädietechnikmechanikerin. Ob wir uns auch in 20 Jahren noch an seiner Leidenschaft zum Schuh und seinem prallvollen Werkstattchaos erfreuen können? „Vielleicht bin ich ja wirklich der letzte klassische Schuster in der Region, aber mit meinen Kindern werden wir als Familie auch in Zukunft unserem Leitspruch treu bleiben:

„Stoll, bleib bei deinem Schuh“.

Created By
Stefan Volkamer, for Vis-a-Vis
Appreciate

Credits:

Stefan Volkamer