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Die Heiliguns-Bewegung

Urs Daniel Schmid

Wenn wir die kirchengeschichtliche Heiligungs-Bewegung näher betrachten, dann geht es um eine Erweckungsbewegung, die primär in den Vereinigten Staaten von Amerika das Leben der Christen ab zirka 1840 sehr stark prägte. Ab 1900 übernahm die Pfingstbewegung viele Anliegen der Heiligungs-Bewegung. Doch die Heiligungs-Bewegung ist bis heute aktiv in Denominationen, die sich nicht der Pfingstbewegung angeschlossen haben, wie z. B. der Heilsarmee.

Die Heiligungs-Bewegung in der Schweiz

Was bedeutet das nun für uns in der Schweiz? Nun, wir müssen uns bewusst sein, dass von tausend Bewohnern dieser Erde nur einer ein Schweizer ist – und vergleichbar ist das Verhältnis der weltweiten Christenheit zu uns frommen «Evangelikalen», die nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung in der Schweiz ausmachen.

Interessant ist für uns der Einfluss der Heiligungs-Bewegung auf unsere Glaubensväter im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. In der Schweiz haben wir neben dem Erbe der Reformation seit 500 Jahren den Einfluss der Täufer und seit dem 18. Jahrhundert den Einfluss des Pietismus, der massgeblich durch die Herrnhuter geprägt wurde. Je nach Gegebenheiten haben sich die verschiedenen Traditionen vermischt, befruchtet oder es kam auch zu Trennungen, wenn die «Frommen» nicht mehr in der Landeskirche bleiben wollten und ab zirka 1850 Freikirchen gründeten.

Um die Heiligungs-Bewegung zu verstehen, müssen wir zu John Wesley zurückgehen. Er verfolgte ab 1740 bis zu seinem Tod im Jahr 1791 mit grossem Eifer das Anliegen der Heiligung. Er sagte: «Gott hat ein heiliges Volk oder Er hat kein Volk.» Aber Er hat nie ein unheiliges Volk. Wesley drängte darauf, dass all seine Anhänger (d. h. die damals neu gegründete methodistische Bewegung) sich jede Woche in einer Kleingruppe versammeln und sich gegenseitig Rechenschaft geben über ihren Umgang mit Sexualität, Alkohol und Arbeitsdisziplin. Er wollte, dass seine «Methodisten» eben mit Ernst die «Heiligung suchen, ohne die niemand den Herrn sehen wird» (Hebräer 12,14). Für Wesley war Heiligung ein Ziel, das unablässig gesucht werden soll.

«Gott hat ein heiliges Volk oder Er hat kein Volk.» John Wesley

Die Anfänge in England

Phoebe Palmer (1807–1874, eine US-amerikanische methodistische Evangelistin, die als eine Gründerin der Heiligungs-Bewegung angesehen wird) war der Ansicht, dass wir die Heiligung tatsächlich durch einen zweiten vertieften Akt der Hingabe an Jesus und Seinen Auftrag im Glauben auch erlangen können. Sie hat ihre Überzeugung ab 1840 über Jahrzehnte in grossen Konferenzen und Publikationen in Amerika so stark verbreitet, dass die Heiligungs-Bewegung zum Mainstream wurde und bis nach Europa die Gläubigen stark bewegte. Grosse zehntägige Konferenzen für Heiligung in Oxford (1874) und Brighton (1875) wurden auch von führenden Christen aus Deutschland und der Schweiz besucht.

Ein typisches Erlebnis der «Heiligungserfahrung» machte der junge Hudson Taylor (1832–1905). Er betete: «Herr, ich möchte mich Dir und Deinem Auftrag vorbehaltlos hingeben.» Im Gebet empfing er die Antwort: «Also, dann gehe für mich als Missionar nach China.» Er wurde zu einem der grössten Missionare der Neuzeit in China.

«Herr, ich möchte mich Dir und Deinem Auftrag vorbehaltlos hingeben.» Hudson Taylor

Die zahllosen Anhänger der Heiligungs-Bewegung entwickelten nach dem Tod von Phoebe Palmer ganz unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Lehre. Dabei ging meist vergessen, was John Wesley ursprünglich wollte. Die ab 1900 aufkommende Pfingstbewegung baute auf der Dynamik der Heiligungs-Bewegung auf. Die Heiligungserfahrung wurde schon vor der Pfingstbewegung als «Geisttaufe» bezeichnet und mit neuen Inhalten gefüllt. Die einen glaubten, durch die «Geisttaufe» quasi «sündlos» zu werden, andere waren überzeugt, dass Geistesgaben wie die Zungenrede das Kennzeichen der Geisttaufe sei.

Diese unterschiedlichen neuen Lehrinhalte in der Heiligungs- und Pfingstbewegung wirkten sich rund um den Globus ganz unterschiedlich aus. Heute nehmen wir zur Kenntnis, dass die Pfingstbewegung weltweit mit Abstand zur grössten christlichen Bewegung neben der katholischen Kirche geworden ist. Die Schätzungen gehen von 250 bis über 500 Millionen Mitglieder.

Der Übergang von der Heiligungs-Bewegung zur Pfingstbewegung war im deutschen Sprachraum von unnötigen und ausserordentlich schwierigen Spannungen, Missverständnissen und Verurteilungen geprägt. Das hat in Deutschland und in der Schweiz sowohl eine weitere Entwicklung der Heiligungs-Bewegung behindert als auch die Pfingstbewegung so weit geschwächt, dass von 1909 bis zirka 1980 eine Zusammenarbeit von «Pfingstlern» und «Nichtpfingstlern» nicht möglich war. Unterdessen ar­beiten die verschiedenen Traditionen aber gut zusammen. Das hat auch das PraiseCamp zum Jahreswechsel 2022/23 in Basel mit rund 6000 jungen Christen gezeigt.

Die Bedeutung der Heiligungs-Bewegung für die Gegenwart

Aber das Erbe der Heiligungs-Bewegung ist unterdessen eher vergessen und es lohnt sich, dass wir uns die klar biblisch begründeten Kernpunkte neu vor Augen führen und in die Praxis unseres Gemeindelebens einfliessen lassen: Wesley hat gemahnt, dass wir uns mit grossem Ernst um ein heiliges und Gott wohlgefälliges Leben bemühen sollen. Das zentrale Anliegen der gesunden Heiligungs-Bewegung war eine erneute Hingabe an den Missionsauftrag. So wie Hudson Taylor haben unzählige Christen ihr Leben Jesus geweiht und waren bereit, als Missionare und Missionarinnen in alle Welt hin­aus zu ziehen. In diesem Sinn hat der Gehorsam als zentrales Anliegen der Heiligungs-Bewegung die Welt massgeblich verändert. Heute lebt der grösste Teil der Christenheit in Asien, Afrika und Südamerika!

In diesem Sinn hat der Gehorsam als zentrales Anliegen der Heiligungs-Bewegung die Welt massgeblich verändert.

So kann und will uns ein Blick in die Geschichte der Heiligungs-Bewegung ganz neu herausfordern, unser Leben Tag für Tag in die Hände von Jesus, unserem Herrn, zu geben und danach zu trachten, Seinen Auftrag in unserer Zeit ernst zu nehmen. Wir können und wollen das Evangelium neu bekannt machen, in der ganzen Welt und ganz besonders bei uns in der Schweiz!

Urs Daniel Schmid (*1953 in Angola), verheiratet, Vater von drei erwachsenen Söhnen. Nach dem Theologiestudium von 1982 bis 1989 Leiter der Studentenarbeit von Campus für Christus. 1990 bis 1996 Direktor des Diakonieverbandes Ländli. 2001 Promotion an der Universität Basel. Seit 2001 Gründung und Leitung der LiFe-Seminare, die sich in der Schweiz und ab 2010 in vielen Ländern der Welt verbreiteten.
Weitere und detaillierte Informa­tionen sind zu finden in der Dissertation von Dr. Urs Schmid: «Amerikanische Heiligungsbewegung und Gemeinschaftsbewegung in Deutschland», Fromm Verlag. Erhältlich auch als PDF, zu bestellen bei urs.schmid@buchegg.church für Fr. 20.–