Heinzpeter Hempelmann
Säkularisierung – der Lack ist ab
Christlicher Glaube hat seine lange währende Dominanz und seine Strahlkraft verloren. Säkularisierungstheorien beschreiben es. Die Bedeutung von institutionalisierter Religion («Kirchen», Konfessionen) nimmt dramatisch ab, während das Interesse an Spiritualität und ethischer Orientierung sogar noch zunimmt. Die Haltung zur Kirche reicht von Christentumskritik, auch in polemisch-aggressiver Gestalt bis zu wohlwollender Gleichgültigkeit gegenüber Einrichtungen, die für das eigene Leben keinen Nutzen haben und in ihm keine Rolle spielen. Freikirchen können sich diesem Megatrend nur schwer entziehen. V. a. die jüngeren Generationen verwechseln Christentum mit Langeweile, Tradi-tionsverhaftung, starrer Orthodoxie und lebensfeindlicher Normativität. Tatsächlich dominieren – wenn auch nicht ausschliesslich – ältere Menschen mit konservativem Habitus das gemeindliche Leben vor Ort und prägen ihm auch alltagsästhetisch seinen Stempel auf. Der Eindruck einer mentalen Milieuverengung liegt nahe, die Identifikation mit etwas Gestrigem, das früher einmal – in seiner Dominanz auch unangenehme – Bedeutung hatte, ist schlüssig für alle, die keinen lebendigen, innovativen, sprachfähigen, grenzüberschreitenden Glauben kennengelernt haben.
Die Strahlkraft der ersten Christen-Gruppen
Gehen wir zurück zu den Ursprüngen. Es gehört zu den bis heute viel diskutierten Fragen, wie sich der junge christliche Glaube in einem ihm alles andere als günstig gestimmten Umfeld so explosionsartig ausbreiten konnte. In der Mitte des ersten Jahrhunderts nicht mehr als eine jüdische Sekte im vorderasiatischen Raum, drei Jahrhunderte später eine Weltreligion, die zur Staatsreligion des römischen Weltreiches avanziert! Was erklärt diesen Zuwachs? Eine der auch historisch belegbaren Antworten lautet: Die ersten Christen bilden Gemeinschaften, in denen sie die Liebe Gottes erfahren und in denen das Evangelium als lebensverändernde Kraft eine konkrete, ansehbare, lebens-relevante Gestalt findet. Christen-Gruppen sind so etwas wie Zentren der Unbesiegbarkeit. Die erfahrene Liebe Gottes befähigt sie, sich und anderen in lebensnotwendigen, überlebensnotwendigen Belangen zu helfen. Die jungen Christengruppen bilden etwa eine Witwen- und Waisenfürsorge aus, die dieser gefährdeten Gruppe zum Überleben hilft. Sie bilden als erste eine Sozialkasse. Sie nehmen sich der Schwachen und Verachteten an. Sie helfen und unterstützen einander in der Gemeinde und erstaunlicherweise darüber hinaus. Es spricht sich herum, dass die Christen ihre Toten würdig bestatten und auch anderen ausserhalb der Gemeinde dabei helfen, dass Gestorbene – aus Mangel an materiellen Mitteln für eine Bestattung – zu einem Opfer von Vögeln und wilden Tieren werden. Hier spricht man nicht von Menschenwürde, hier findet die Gottebenbildlichkeit des Menschen eine überaus anschauliche und sehr relevante, konkrete Gestalt. Die Sorge für die Toten, nicht nur für die, die Christen waren, ist aber nur ein weiteres Merkmal dieser strangen Gruppe von Menschen, die den Mut haben, gegen den Strom zu schwimmen, sich etwa durch ihre Weigerung, den Kaiser als Gott anzubeten, die Qualifikation als «Atheoi» (= Atheisten) zuziehen; die sich auch durch Sanktionen und schwerste Verfolgung beirren lassen. Die Christen der ersten Jahrhunderte leben buchstäblich «frag-würdig». Ihre Lebensgestalt und ihr Zusammenleben lässt andere fragen: Was treibt diese Leute um, dass sie auch anderen als den eigenen Leuten helfen? Was trägt sie, auch angesichts von Verfolgung und Folter? Woher kommt ihre Resilienz?
Christen-Gruppen sind so etwas wie Zentren der Unbesiegbarkeit.
Was Christen leben, fällt auf im bunten religiösen Pluralismus, bei dem Christen aber einfach nicht mitmachen, weil sie es besser wissen. Ihre Lebenskonzepte erscheinen tragfähiger als das verbreitete stoische Sich-Abfinden. Ihre Hoffnung auf Christus strahlt stärker als die alles zersetzende Lauge der pyrrhonischen Skepsis. Ihre Christus-Spiritualität schenkt mehr Kraft als ein Hedonismus epikureischer Schule, der in der Schmerzminderung und Lustoptimierung das Ziel des Lebens sieht.
Christengruppen bilden überzeugende Lösungen für die elementaren Herausforderungen. «Seht, wie haben sie einander so lieb», wird zum geflügelten Wort über Christen, selbst im Mund ihrer Gegner.
Damals und heute: vergleichbare Herausforderungen
Und heute? Wir heute können das nicht einfach kopieren, auch wenn vieles in westlich geprägten Gesellschaften vergleichbar ist mit der Lage Roms in den ersten Jahrhunderten n. Chr. Der Kaiser-Kult ist Klammer und zugleich der grosse Gleichmacher. Du darfst alles glauben, was du willst, wenn du diese höchste Autorität anerkennst. Jeder darf seine individuelle Wahrheit haben, so lange er die individuellen Wahrheiten anderer anerkennt, auch wenn sie in einem absoluten Gegensatz zu seinen Überzeugungen steht. Es gibt nicht nur eine, sondern viele Wahrheiten. Das ist die eine Wahrheit, die alle akzeptieren sollen und müssen, die anerkannt werden wollen. Das neue Band, das die so Unterschiedlichen verbinden soll. De facto stehen wir aber vor einer Gesellschaft, die nur noch in der Theorie eine Einheit bildet («Unsere Gesellschaft»), de facto mental und sozial fragmentiert ist und immer mehr auseinander driftet.
Es gibt nicht nur eine, sondern viele Wahrheiten.
Apologetische Arbeit, philosophische Analyse tut not, um aufzudecken, was Sache ist. Auch Paulus hat sich gelehrt mit den philosophischen Strömungen seiner Zeit auseinandergesetzt (vgl. Apostelgeschichte 17), aber eben nur mit begrenztem Erfolg. Sein eigentliches «Argument» sind die Christen-Gruppen, die eine Lebensgemeinschaft bilden. «Von euch», so kann er an die Gruppe in Korinth schreiben, «ist offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid», «erkannt und gelesen von allen Menschen» (2. Korinther 3,2f).
Vereinzelung und Vereinsamung
Ein Merkmal und zugleich eine Ursache für das mannigfache, weniger materielle als mentale Elend unserer Gesellschaft ist die ebenso weit verbreitete wie übersehene Einsamkeit und Isolation sehr vieler Menschen, in unterschiedlichen Lebensaltern, Lebenslagen und Schichten.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche bringt das philosophische Grundprinzip heutigen Zusammenlebens prognostisch und hellsichtig auf den Nenner, das Individuum werde etwas Absolutes, der Einzelne an sich, nicht die Gemeinschaft, werde zum alles bestimmenden Regulativ. Das Individuum braucht Platz für sich und seine individuelle Wahrheit. Vereinzelung führt aber in der Konsequenz auch zu (mehr) Vereinsamung, Freiheit zu (mehr) Isolation. Andreas Reckwitz, einer der z. Zt. führenden Analytiker westlicher Gesellschaften, spricht stimmig von der «Gesellschaft der Singularitäten». Wir preisen die Vielfalt. Individuelle Selbstverwirklichung hat die Geltung eines Letztwertes. Wohlfahrtsgewinne ermöglichen es sehr vielen Menschen, sich aus ihrer Familie als ursprünglichem sozialen Sicherungssystem zu lösen und ihr eigenes Ding zu machen; ermöglichen es Gesellschaften, Fürsorgeaufgaben an soziale Institutionen zu delegieren und sich so zu entlasten; ermöglichen es Ehepaaren, sich wieder zu scheiden, wenn sie nicht mehr zusammenleben wollen oder können. Eine Ursache für die weitverbreitete Wohnungsnot besteht darin, dass die für eine Person im Durchschnitt zur Verfügung stehende Wohnfläche sich in den letzten Jahrzehnten veranderthalbfacht hat. Wir haben und wir wollen mehr Raum für uns, jeden einzelnen. Wir wollen mehr Privatheit und Freiräume. Wir halten einander nicht mehr so aus wie früher, und viele begrüssen das ja auch. Der Preis für die gewonnenen Freiräume ist aber in jedem Fall hoch.
Das Individuum braucht Platz für sich und seine individuelle Wahrheit. Vereinzelung führt aber in der Konsequenz auch zu (mehr) Vereinsamung, Freiheit zu (mehr) Isolation.
Um nicht missverstanden zu werden: Das Problem ist nicht die Vielfalt liberal verfasster westlicher Gesellschaften, die ihren Bürgern maximale Freiheit einzuräumen suchen. Das Problem liegt in den Konsequenzen. Das Problem liegt darin, dass nicht mehr erkennbar ist, was denn diese Gesellschaften zusammen halten kann und soll; zu wenig im Fokus ist, dass über dem Individualisierungsbestreben aller paradoxerweise sehr viele Einzelne unterzugehen drohen, in ihrer Isolation und Vereinzelung viel zu wenig wahrgenommen werden.
Gemeinden als Heil-Land
Was wäre, wenn Kirchen und Christen sich auf den vielleicht tiefsten Schaden konzentrieren würden, der – im Gegensatz zu seiner Bedeutung – nicht im Fokus öffentlicher Debatten steht: die Vereinsamung, die Isolation, die Verzweiflung, die Orientierungslosigkeit – trotz materieller Möglichkeiten, trotz Freiheit, trotz Liberalität, oder vielleicht sogar wegen ihr? Wenn in der Grossstädten bis zu 70 Prozent der Haushalte von Singles bewohnt werden, von Studenten über Geschiedene bis hin zu verwitweten Rentnerinnen, müsste dann dieser soziodemographische Befund nicht Folgen haben für die Themen, die Gestalt, das Framing gemeindlicher Angebote? Berührt und bewegt durch die Liebe Gottes könnten Gemeinden, Christen, Kirchen, Christen-Gruppen in unterschiedlichen Formaten aufbrechen und sowohl niederschwellige Andockmöglichkeiten in verschiedenen Lebenswelten schaffen (wie sie etwa die SINUS-Milieus deutlich machen); sie könnten zum Ort unbedingter Anerkennung werden, wie sie gerade im Jugendalter, aber doch auch in Krisenzeiten so wichtig ist; Hauskreise können zu Orten werden, die Menschen am Rand integrieren; Familien können sich öffnen, um Menschen – en passant – Gemeinschaft zu schenken, bevorzugt bei Mahlzeiten; Gemeinden können (Schutz-)Räume organisieren, in die sich Kinder und Jugendliche zurückziehen können, wenn ihre Eltern berufs- oder anders bedingt – nicht erreichbar sind; Phantasie ist gefragt, wenn es um die flexible Integration älterer Menschen in Wohngemeinschaften geht, bis hin zu Mehrgenerationen-Häusern und Anlagen; Telefon-Ketten und Telefon-Netze sorgen dafür, dass Menschen vielleicht alleine, aber nicht einsam sind und einen regelmässigen Ansprechpartner haben. Informelle Kommunikationsräume wie Kaffees, Pinten und Bars schaffen Räume, in denen Alleinstehende seufzen und vielleicht auch konkrete Hilfen erfahren können. Wohnungslose können einen emotionalen Anker gewinnen, wenn sie einmal in der Woche eine warme Mahlzeit bekommen. Omas und zu Hause isolierte Mütter können wir zu einer symbiotischen Lebensform anregen. Die Reihe liesse sich mühelos fortsetzen. Ideen und gute, bewährte Beispiele sind gefragt.
Wo Christen und Kirchen sich nicht normativ-moralisierend, sondern vorbehaltlos liebevoll auf die jeweilige Lebenswelt inkarnatorisch-missional einlassen, werden sie hoch attraktiv werden und Gemeinden zum Heil-Land (P. Zulehner) machen, in dem Menschen der Liebe und Barmherzigkeit Jesu Christi begegnen.
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Fotos: 123rf.com; Porträt: privat