Walter Hilbrands
Die Propheten des Alten Testaments lassen sich heute leicht vor den eigenen Karren spannen. Der eine sieht in ihnen Sozialrevolutionäre, der andere findet überall Hinweise auf den verheissenen Messias. Die einen halten die Propheten für Kultkritiker, andere für apokalyptische Visionäre. Tatsächlich ist die prophetische Botschaft nicht einfach auf einen Nenner zu bringen. Zu unterschiedlich sind ihre Predigten und Anlässe und zu reich ihre Bilder.
Ganzheitliche Umkehr zu Gott
Auch zum Thema «geistliche Aufbrüche» lassen sich zahlreiche Bibelstellen ausmachen. Der zentrale Ruf zur Umkehr bei den Propheten lautet auf Hebräisch «schuwu» – «kehrt um» (Jes 31,6 ; Jer 3,14.22 ; 18,11; 25,5 ; Hes 14,6 ; 18,30 ; 33,11; Sach 1,3.4 ; Mal 3,17). Er beinhaltet zwei Aspekte:
1. Die Abwendung von Götzen und einem falschen Lebensstil und
2. die Hinwendung zum Gott Israels und die Neuausrichtung des Lebens.
Die Propheten setzen offensichtlich die Kenntnis der Tora (die fünf Bücher Mose) und eines überlieferten Wertesystems voraus (Hosea 4,2). Eine Beziehung zu Gott und ein Leben nach Seinem Wort bedingen sich gegenseitig und können nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ein Bekenntnis zu Gott ohne ein entsprechendes Leben (Jona) macht ebenso wenig Sinn wie Oberflächlichkeit oder ein nur formeller Gehorsam ohne lebendige Beziehung zu Gott (Jesaja 1,10–20; Amos 5,21–24). Beides gehört untrennbar zusammen: «Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott» (Micha 6,8). So fordern die Propheten eine ganzheitliche Umkehr zu Gott mit Glauben und Handeln, mit Denken und Tun, mit Herz und Hand.
Die Propheten fordern eine ganzheitliche Umkehr zu Gott mit Glauben und Handeln, mit Denken und Tun, mit Herz und Hand.
Jesaja, Hosea, Amos und Micha …
… haben besonders die politischen und geistlichen Leiter im Volk im Auge. Jesaja stellt die beiden Könige Ahas (Jesaja 7) und Hiskia (Jesaja 36–39) einander gegenüber. Trotz Bedrohung durch Feinde geht Ahas nicht auf Gottes Angebot ein, ein Zeichen zu erbitten. Stattdessen heuchelt er Frömmigkeit. Der Prophet bringt knapp auf den Punkt, was Gott von ihm erwartet: Echtheit und Vertrauen, indem er warnt: «Glaubt ihr nicht, dann bleibt ihr nicht!» (7,9). Aber der König lässt sich nicht auf Gott ein und will Ihn nicht in die Realpolitik einbeziehen.
Ganz anders König Hiskia, der extreme Krisensituationen erlebt: die Belagerung der Hauptstadt Jerusalem durch die übermächtigen Assyrer und dann auch noch eine tödliche Krankheit. Er wendet sich im Gebet an Gott und erhofft von Ihm Hilfe. Tatsächlich belohnt Gott Hiskias Vertrauen und verlängert sein Leben. Hiskia bricht mit alten Traditionen, wenn sie eher schaden als nutzen. Er lässt die eherne Schlange zerstören, die Mose selbst angefertigt hatte, weil sie inzwischen kultisch verehrt wurde (2. Könige 18,4). Den Schmähbrief des assyrischen Rabschake legt Hiskia im Tempel Gott vor die Füsse (2. Könige 19,1–4.14–16). Sozusagen «falsch adressiert». Jetzt muss Gott sich darum kümmern. Es ist jetzt Sein Problem! Ein wunderbares Bild für das Gebet und wie im Volk ein geistlicher Aufbruch beginnt.
Hiskia bricht mit alten Traditionen, wenn sie eher schaden als nutzen.
Die inneren Kämpfe Jeremias
Bei Jeremia erhalten wir Einblicke in sein Innenleben wie sonst bei keinem Propheten. Er ist ein angefochtener Mensch, der zwar von Gott berufen ist, aber Ihn oft nicht versteht und viel Leid durchmachen muss. Ähnlich wie Hiob ringt er mit Gott und spricht offen aus, was ihn beschwert. Die fünf sogenannten «Konfessionen» (Jer 11,18–23 und 12,1–6 ; 15,10–21; 17,14–18 ; 18,18–23 ; 20,7–18) stellen keine Botschaften Gottes für das Volk dar, sondern vermitteln etwas von Jeremias inneren Kämpfen.
Geistliche Aufbrüche fangen nicht immer mit dem Lobpreis an.
Geistliche Aufbrüche fangen nicht immer mit dem Lobpreis an. Auch die Klage und das explizite Benennen von Not und Anfechtung erhalten Raum in der Bibel und sind Ausdruck einer lebendigen Gottesbeziehung. Jeremia beschönigt nichts und ist uns darin ein Vorbild, dass wir unser Herz vor Gott ausschütten können und Ihm unsere Klage und sogar unsere Anklage bringen dürfen. Dies ist befreiend, weil wir Gott nichts vorzumachen brauchen. Er kennt und liebt uns ohnehin, Er versteht uns und hört gerne, was uns bewegt. So lernen wir von Jeremia Authentizität und dass wir mit Gott ringen dürfen.
Gott ganz zur Verfügung stehen
Habakuk und Sacharja sind Propheten des Wartens. Sie müssen lernen, dass Gottes Zeitplan anders verläuft als unser Wunschdenken. Sie leben in der Spannung von Glauben und (noch nicht) Schauen. Ihre momentane Erfahrung entspricht nicht ihrem Wissen über Gott. Bei Habakuk vollzieht sich ein Perspektivwechsel von der Klage zum Vertrauen, indem er sich Gottes Eingreifen in der Vergangenheit vor Augen hält. Auf Gottes Verheissung ist Verlass, aber der Prophet muss lernen zu warten und zu erwarten (Habakuk 2,1–4).
Hesekiel ist der Sohn eines Priesters und geht besonders auf den Dienst der Priester ein. Er hat verstanden, dass Priester solche sind, die zwischen Gott und Mensch vermitteln und die Beziehung (wieder)herstellen. Seine Aussage in Hesekiel 22,30 ist von grosser Tragik: «Und ich suchte einen Mann unter ihnen, der … für das Land in den Riss treten könnte … aber ich fand keinen.» Gott sucht jemanden, der «in die Bresche springt» und für andere eintritt. Hesekiel veranschaulicht Gottes Botschaft an Sein Volk in teils krassen Zeichenhandlungen (Hesekiel 4–5; 12; 24). Der Prophet hat einen Dienst als Wächter (Hesekiel 3; 33) und ist verantwortlich für andere Menschen. Gott sucht solche Menschen, die Ihm ganz zur Verfügung stehen.
Prioritäten überprüfen
Bei Haggai und Maleachi geht es vor allem darum, rechte Prioritäten zu setzen. Haggai wirft dem Volk vor, dass jeder nur an sich denkt, während Gottes Tempel brach liegt: «Ist es für euch selber an der Zeit, in euren getäfelten Häusern zu wohnen, während dieses Haus verödet daliegt?» (Haggai 1,4). Ähnlich klagt Maleachi: «Ein Sohn ehrt den Vater und ein Knecht seinen Herrn. Wenn ich nun Vater bin, wo ist meine Ehre? Und wenn ich Herr bin, wo ist meine Furcht?» (Maleachi 1,6). Die schlechten äusseren Zustände werden auf falsche Prioritäten zurückgeführt.
Fazit
Zu einem wirklichen Aufbruch kann es nur kommen, wenn Gott wieder den ersten Platz einnimmt. Ganz ähnlich bringt es Jesus in der Bergpredigt zum Ausdruck: «Trachtet zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit!» (Matthäus 6,33).
Zu einem wirklichen Aufbruch kann es nur kommen, wenn Gott wieder den ersten Platz einnimmt.