Als Christen glauben wir, dass Gott in der ganzen Weltgeschichte am Werk ist. Der Ausdruck «Heilsgeschichte» stammt aus der Theologie des 19. Jahrhunderts und bezieht sich besonders auf die im Alten und Neuen Testament berichtete Geschichte Gottes mit den Menschen, die auf das Ziel Gottes für den Menschen, eben das Heil, zuläuft. In dieser Geschichte offenbart sich Gott auf vielerlei Weise und zuletzt durch Seinen Sohn Jesus Christus (Hebräer 1, 1–2). Obwohl Gott als der Allmächtige die Weltgeschichte sicher ihrem Ziel zuführt und sich gelegentlich auch in einer Weise offenbart, die keinen Zweifel an Seiner Macht aufkommen lässt, spielt der Mensch in der Geschichte nicht nur die Rolle einer Marionette, sondern eines echten Gegenübers als Ebenbild Gottes.
Der Mensch spielt in der Geschichte nicht nur die Rolle einer Marionette, sondern eines echten Gegenübers als Ebenbild Gottes.
Die Absicht Gottes mit den Menschen
Die beiden wichtigsten Wirkweisen Gottes im Alten Testament sind Schöpfung und Erlösung, wobei das Ur-Ereignis der Erlösung die Befreiung Israels aus Ägypten ist (2. Mose 20, 2). In beidem – Schöpfung und Erlösung – handelt Gott uns zum Heil: In der Schöpfung bringt Er Licht in die Finsternis, schafft Er Lebensraum, indem Er Wasser und Land voneinander trennt, und lässt alles wachsen, was der Mensch zum Leben braucht. Der Erntedank ist das Fest, an dem wir besonders an das Schöpfungshandeln Gottes denken. In der Erlösung entreisst Er die Menschen der Macht des Todes und der Knechtschaft, in die der Mensch durch die Sünde geraten ist. Der Auszug aus Ägypten wird zum Vorbild für das Erlösungshandeln Gottes im Alten und im Neuen Testament. Die Rückkehr aus dem babylonischen Exil ist wie ein neuer Auszug aus Ägypten, aber auch die Befreiung von Sünde, Tod und Teufel durch das Erlösungswerk Jesu. So setzt Jesus das Abendmahl vor Seinem Tod in Bezugnahme auf das Passafest ein als Zeichen dafür, dass nach der Todesnacht der Tag der Befreiung kommt.
In all dem geht es um die Begegnung zwischen Gott und Mensch. Das Ziel der Heilsgeschichte besteht ja darin, dass Gottes Wohnung bei den Menschen ist (Offenbarung 21, 3). Schon die Schöpfung ist daraufhin angelegt, dass Gott unter den Menschen wohnt. Wie der Schöpfungspsalm 104 besingt, baut Gott Seine Gemächer über den Wassern (Psalm 104, 3). Eden ist der Ort der Begegnung von Gott und Mensch; Gott wandelt im Garten Eden (1. Mose 3, 8) und begegnet dem Menschen ganz persönlich. Aber auch nach der Befreiung aus Ägypten und dem Zug durch das Schilfmeer singt Israel im Schilfmeerlied, dass Gott Sein Volk zum Gottesberg bringt, um unter ihnen zu wohnen und ihr König zu sein (2. Mose 15, 17–18). Nach der Befreiung aus dem Babylonischen Exil wird der Tempel wieder aufgebaut und nach Tod und Auferstehung Jesu wird die Gemeinde zum neuen Tempel, weil Gott durch den Heiligen Geist in ihr wohnt (1. Korinther 3, 16).
Das Ziel der Heilsgeschichte besteht ja darin, dass Gottes Wohnung bei den Menschen ist.
Die eigenwilligen Absichten der Menschen
Zwischen Schöpfung und Erlösung schiebt sich von Seiten des Menschen immer wieder die Sünde mit ihren Verstrickungen. Der Sündenfall in 1. Mose 3, der sich gegen Gott richtet, weil der Mensch selber Gott sein möchte, führt schnell dazu, dass sich auch Bruder gegen Bruder wendet. So lauten die beiden Grundfragen Gottes an den Menschen: Wo bist du? (1. Mose 3, 9), und: Wo ist dein Bruder? (1. Mose 4, 9). Dass Gott nicht einfach darauf wartet, dass der Mensch zu Ihm zurückfindet, sondern dass Er den Menschen aktiv sucht, ist das Grundthema der Heilsgeschichte: «Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen, und selig zu machen, was verloren ist» (Lukas 19, 10).
Dass Gott nicht einfach darauf wartet, dass der Mensch zu ihm zurückfindet, sondern dass Er den Menschen aktiv sucht, ist das Grundthema der Heilsgeschichte.
Nachdem Gott in der Sintflut die erste Schöpfung wieder in den Wasserfluten versinken lässt und eine neue Schöpfung aus dem Wasser hervorbringt, ist das menschliche Herz unverändert böse (vgl. 1. Mose 6, 5 und 8, 21) und die Schuldverstrickung des Menschen weitet sich generationenübergreifend aus (die Verfluchung Hams durch Noah in 1. Mose 9), bis sie die Völkerwelt durchdringt (Turmbau zu Babel in 1. Mose 11). Doch immer wieder wendet sich Gott in Seinem erlösenden Handeln dem Menschen zu: Er ruft Abraham aus der Völkerwelt heraus (1. Mose 12) und Er befreit Israel aus der Knechtschaft in Ägypten.
Die Heilsgeschichte wird einmal ihre Vollendung finden in einem ganz neuen Schöpfungshandeln Gottes, wenn Er einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft (Jesaja 65, 17; Offenbarung 21, 1), um unter den Menschen zu wohnen. Doch bis dahin ist die Begegnung zwischen Gott und Mensch immer eine gebrochene Begegnung und die Frage, wie wir Gott begegnen, Ihn erfahren und erleben können, treibt uns um. Auch nach dem Kommen Jesu kann Paulus schreiben, dass wir «fern von Jesus» leben und «im Glauben, nicht im Schauen» wandeln (2. Korinther 5, 6–7).
Gottes individueller Weg des Heils mit Menschen
Wenn wir aus der biblischen Heilsgeschichte etwas lernen können, dann, dass Gott eine Person und keine Maschine ist. Die Bibel ist darum auch keine Bedienungsanleitung, so verlockend es auch sein mag, sie so zu gebrauchen. Jesus begegnet jedem Menschen ganz persönlich; den einen stösst Er vor den Kopf, den anderen tröstet und heilt Er. Jona und Paulus werden von Gott gewaltsam auf Kurs gebracht, während Elia gerade im Spektakel und im furchteinflössenden Getöse Gott nicht findet, sondern im stillen Windhauch. Samuel muss lernen, in Worten, die wie Menschenworte daherkommen, Gottes Wort zu vernehmen: «Rede, dein Knecht hört !» (1. Samuel 3, 10). Bevor er es gelernt hat, ist das Wort Gottes selten (3, 1), danach hingegen ergeht es durch ihn an ganz Israel (3, 21). Auch dass Gott Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte lang schweigen kann, ist eine Lektion aus der Heilsgeschichte.
Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott.
In der Mitte der Welt- und der Heilsgeschichte, zwischen Schöpfung und Neuschöpfung, aber schweigt Gott nicht, sondern wird in Jesus Christus Mensch. In Ihm kommt Menschliches und Göttliches ganz zusammen, Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott, «empfangen durch den Heiligen Geist» und «geboren von der Jungfrau Maria», wie das Apostolische Glaubensbekenntnis sagt. In Ihm findet zwischen Gott und Mensch das statt, was Luther den «fröhlichen Tausch» nannte: Gott nimmt die Sünde des Menschen auf sich und schenkt dem Menschen Seine Gerechtigkeit. Das ist Heil Gottes für uns Menschen.