Das folgende Arbeitspapier wird im Rahmen der Regionenkonferenzen des Synodalen Wegs von den Teilnehmern diskutiert. Dabei werden zu einigen Punkten unterschiedliche Formulierungsvorschläge geboten, die als "Alternativotum" bezeichnet werden.
Votum 1
Wir verstehen menschliche Sexualität als von Gott geschenkte, positive Kraft und als Teil der personalen Identität des Menschen.
Wir wollen alle Getauften anregen, einen Weg der Evangelisierung ihres ganzen Lebens zu gehen.
Für die menschliche Sexualität bedeutet das, sie in der Nachfolge Jesu in einer partnerschaftlichen Liebes-Beziehung zu leben, die auf Treue, Dauer und Ausschließlichkeit hin angelegt ist.
Die menschliche Sexualität, die in Achtung vor der Würde des/der anderen gelebt wird, ist eine Ausdruckskraft der ganzen Person mit Leib und Seele, vergleichbar der menschlichen Sprache. Sie kann in intensiver Weise partnerschaftliche Zuneigung und Liebe ausdrücken und erfahren.
Dabei nehmen wir mehrere Dimensionen der Sexualität wahr: Gelebte Sexualität ist die Quelle neuen Lebens, sie vermittelt Identität und ist eine beziehungsstiftende, lustvoll lebensbejahende Kraft. Sie kann sogar eine transzendente Erfahrung der göttlichen Liebe ermöglichen.
Wir nehmen ebenfalls wahr, dass sich die Gewichtung dieser Dimensionen während des Lebens und der unterschiedlichen Phasen einer Partnerschaft zu neuer Stimmigkeit des sexuellen Ausdrucks verschiebt.
Votum 2. 1
Vielfältige lebenspraktische Erfahrungen zeigen ebenso wie humanwissenschaftliche und sexualmedizinische Erkenntnisse, dass jede dieser Dimensionen sich entfalten will und als sinnstiftend erfahren werden kann.
Es gilt, sie in das Gesamt des eigenen Sexualverhaltens zu integrieren und verantwortlich und liebevoll zum Ausdruck zu bringen.
Eine Vorrangstellung kommt allein der gegenseitigen Liebe und Achtung zu. Die Offenheit für die Weitergabe des Lebens ist nicht für jeden einzelnen Akt maßgeblich, sondern im Gesamtverlauf einer verbindlich eingegangenen und auf Dauer angelegten Partnerschaft zu bejahen.
Alternativvotum 2.1
Wir denken, dass die verschiedenen Dimensionen von Sexualität zwar immer wieder unterschiedlich zum Tragen kommen, aber nicht voneinander getrennt werden können.
Besonders die gegenseitige Liebe und die Offenheit für eine Weitergabe des Lebens geben dem sexuellen Akt seine eigentliche innere Sinnrichtung.
Votum 3
Fruchtbarkeit ist mehr als die Fähigkeit, neues Leben zu zeugen, die nur in der geschlechtlichen Gemeinschaft einer Frau mit einem Mann möglich ist.
Wir öffnen den Begriff der Fruchtbarkeit über die Offenheit für neues Leben hinaus und sprechen der Fruchtbarkeit eines jeden Menschen auch eine soziale und personale Dimension zu.
Auch gleichgeschlechtliche Paare und weitere Paare, die kein neues Leben zeugen können, besitzen das Potenzial zu einem fruchtbaren Leben.
Weil Paare Kinder bekommen, hat ihre biologische Fruchtbarkeit automatisch auch eine soziale Dimension.
In diesem Sinn verstanden können auch Paare ohne Kinder in einem sozialen Sinn fruchtbar werden.
Wir stärken die Aspekte der katholischen Sexuallehre, die im Leben der Gläubigen wichtige orientierende Werte darstellen: Dauerhaftigkeit, Treue, Ausschließlichkeit sowie Einvernehmlichkeit zwischen mündigen Personen.
Wir missbilligen und verurteilen sexuelle Gewalt, übergriffiges und entwürdigendes Verhalten sowie jede Form der Erniedrigung.
Wir werben dafür, dass partnerschaftliche sexuelle Erfahrungen immer in eine liebende Beziehung eingebettet sind.
Wir verstehen Sexualität als Gestaltungsaufgabe des Menschen. Wir wollen jeden Menschen unterstützen, seine Sexualität vor Gott gewissenhaft, verantwortungsbewusst und selbstbestimmt zu leben.
Es ist Aufgabe der Kirche, die Gläubigen in ihrer Gewissensbildung und in Fragen der Lebensführung und Beziehungsgestaltung zu begleiten.
Votum 6
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wir betrachten die auf dieser Würde gründende und in christlich verstandener Freiheit gelebte, personale Selbstbestimmung als zentrales Ordnungsprinzip für die Gestaltung menschlicher Sexualität.
Dies bedeutet, dass Menschen ‚Nein‘ sagen dürfen zu nichtgewollten sexuellen Handlungen und ‚Ja‘ zur Beziehung mit einem / einer selbstgewählten mündigen Partner / Partnerin.
Votum 7
Wir achten die Lebenswirklichkeiten von Paaren und vermeiden Idealisierungen.
Votum 7.1
Alle Menschen sind zur Heiligkeit berufen und ihnen ist aufgetragen, in ihren Beziehungen Liebe möglichst vollkommen zu leben. Doch Menschen sind nicht vollkommen, sondern haben die Aufgabe, immer mehr in der Liebe zu wachsen und sich beständig weiter zu den Menschen zu entwickeln, die sie vor ihren Augen, den Augen ihrer Nächsten und den Augen Gottes sein wollen. Dabei ist ihnen allen von Gott her ein Entwicklungspotenzial zugesprochen.
Wir achten auch im Lebensbereich der Sexualität diese Wachstumsfähigkeit der Menschen und schätzen ihre Lebenssituationen wert als Schritte auf dem Weg zu ihrem Lebensziel.1 Wir nehmen dabei den Glauben an die Gnade Gottes ernst, der auch auf krummen Zeilen gerade zu schreiben vermag.
Es gilt, jede einzelne Lebenssituation zu begleiten, gut zu unterscheiden und in die Gemeinschaft der Kirche zu integrieren.
1 Papst Franziskus spricht in diesem Sinne in Amoris laetitia im Anschluss an den heiligen Johannes Paul II. vom ‚Gesetz der Gradualität‘ (Nr. 295).
Alternativvotum 7.1
Wir vermeiden Verurteilungen von Lebenswirklichkeiten, die nicht der aktuellen Lehre der Kirche oder dem Evangelium entsprechen, halten aber daran fest, dass die Offenbarung Gottes für menschliche Paarbeziehungen die Ehe und das Leben in ehelicher Treue vorsieht.
Wir sehen in der Ehe die bevorzugte, aber nicht die einzig gebotene Form, Liebe und Sexualität in Beziehung zu leben. Die in Votum 4 genannten Werte sind jedoch für alle sexuellen Beziehungsformen maßgeblich.
Wir sehen die Ehe als den von Gott vorgesehenen Ort geschlechtlicher gelebter Beziehungen.
Alternativvotum 9.1
Wir sprechen uns für die unbedingte Anerkennung und Annahme jedes Menschen aus, unabhängig von seiner Orientierung, geschlechtlichen Identität oder konkreten Lebens- und Beziehungssituation.
Wir betrachten alle Menschen als Geschwister und insbesondere alle Getauften als selbstverständliche Glieder der Kirche und suchen nach Wegen eines angemessenen und wertschätzenden Miteinanders und der Begleitung auf dem Weg der Nachfolge Jesu.
Votum 10
Wir schließen uns dem Bekenntnis der deutschen Sprachgruppe bei der Familiensynode vom Oktober 2015 an:
„Kirchliche Begleitung [ist] insbesondere in Situationen der Bedrängnis gefordert […]. Hier gilt es nicht nur anzuerkennen, was die Kirche leistet, sondern auch ehrlich zu sagen, was wir als Kirche versäumt haben: Im falsch verstandenen Bemühen, die kirchliche Lehre hochzuhalten, kam es in der Pastoral immer wieder zu harten und unbarmherzigen Haltungen, die Leid über Menschen gebracht haben, insbesondere über ledige Mütter und außerehelich geborene Kinder, über Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, über homosexuell orientierte Menschen und über Geschiedene und Wiederverheiratete.“
Zitiert nach der Erklärung der Synodenteilnehmer der Deutschen Bischofskonferenz zum Abschluss der Weltbischofssynode „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“. Pressemeldung der Deutschen Bischofskonferenz vom 25.10.2015. (Link: bit.ly/3iEiKTk)
Stand: 15. Juli 2020
Die Regionenkonferenz des Synodalen Weges finden statt am 4. September 2020 in Berlin, Dortmund, Frankfurt am Main, Ludwigshafen und München. Dieser Text gehört zu den Unterlagen, die die Teilnehmer erhalten haben und diskutieren werden.
Alle Informationen auf synodalerweg.de
Credits:
Erstellt mit Bildern von Roman Kraft - "Together is better" • @plqml // felipe pelaquim - "Married before God, men and the tattoo artist ♡" • Dev Benjamin - "mr hand 3" • Tyler Nix - "untitled image" • Ben White - "untitled image" • Han-Hsing Tu - "Love" • Will O - "untitled image" • Karim MANJRA - "This one is on my way to work. I see it everyday. Most of the time as I’m driving to work I’m not in photography mode so I ignore nice stuff like this. Until a day I decided photography will be omnipresent in my life. This girl showed up (again) by magic. I woke up early morning on a Sunday to avoid the crowds and took the shot. Here it is :-)" • Denys Nevozhai - "“One day,” you said to me, “I saw the sunset forty-four times!” And a little later you added: “You know - one loves the sunset, when one is so sad…” “Were you so sad, then?” I asked, “on the day of the forty-four sunsets?” But the little prince made no reply. ― Antoine de Saint-Exupéry, The Little Prince" • Drew Coffman - "Touching the bouquet" • Samantha Gades - "Outdoor Wedding Season" • Drew Beamer - "untitled image" • Külli Kittus - "untitled image" • Robert Nyman - "We flew on a helicopter ride right next to the Christ the Redeemer statue in Rio de Janeiro in April 2017. A cloudy day, but happy to see the statue peak out!" • Zoë Gayah Jonker - "untitled image"