Es ist geschafft: Alex reißt die Arme hoch, an der Diskuswurfanlage jubeln Zuschauer und Team-Mitglieder dem hochgewachsenen deutschen Invictus-Athleten zu. Alex läuft auf die Zuschauer und Kameraden zu und ruft mit lauter Stimme: „Wir sind…?“ – „…ein Team!“, schallt dem Sportler die noch lautere Antwort entgegen. Alex hat soeben die Diskusscheibe 31,97 Meter weit geworfen – es ist das erste Gold für Deutschland bei diesen Invictus Games 2022 in Den Haag. Und nicht nur das: Bei den letzten Spielen 2018 in Sydney hatte es nicht für eine Goldmedaille gereicht.
Auch wenn die Medaillen nur Nebensache bei den Invictus Games sind: Der Sieg im sportlichen Wettkampf ist eine Belohnung für Mühe und Strapazen, für die vielen Höhen und Tiefen der Rehabilitation in der Sporttherapie. Der Sieg ist eben doch etwas ganz Besonderes, auch für die „Unbesiegten“, die an den Invictus Games teilnehmen. Lange haben sie darauf hingearbeitet, da ist der gemeinsame Jubel ein Höhepunkt, der sicherlich eine beträchtliche therapierende Wirkung entfaltet.
Team-Kapitän Vocko, der selbst beim 100- und 200-Meter-Sprint an den Start ging, ist ebenfalls überglücklich über den Sieg seines Kameraden. „Weltklasse, phänomenal, einfach Spitze“, sagt der überwältigte Athlet, der mehr als vier Jahre seines Lebens in Auslandseinsätzen der Bundeswehr verbracht hat. Das Video-Statement, das er gerade abgibt, muss er kurz unterbrechen: Jetzt wird erst einmal gefeiert.
Es sind diese Momente, in denen die Gefühle und Emotionen freien Lauf nehmen, welche die Invictus Games ausmachen. So wird an der Diskuswurfanlage auch Hasan von den Zuschauern gefeiert wie ein Sieger: Der Iraker ist blind, sein Betreuer weist ihm die Richtung, in die die Scheibe fliegen soll. Und dort fliegt sie unter dem Jubel des Publikums auch hin. Oder die britische Invictus-Games-Athletin, die mit einer Beinprothese dem Feld chancenlos hinterherläuft – es ist völlig egal, die Zuschauer feiern sie, als hätte sie gerade den Olympiasieg errungen. Und die Britin reißt die Arme hoch, feiert mit. Es ist ihr persönlicher Triumph.
Auch beim Sitzvolleyball wird deutlich, worum es bei den Invictus Games geht: Im Mixed Team treten Deutsche, Italiener und US-Amerikaner gemeinsam mit Ukrainern gegen Kanada an. Das Publikum in der Halle feiert jeden Punkt – egal, welche Mannschaft ihn gerade gemacht hat. Nach dem Spiel stehen alle gemeinsam Arm in Arm auf dem Spielfeld, lassen sich feiern und feiern sich selbst. Es sind Gänsehautmomente, die man in diesen Tagen in Den Haag erlebt.
Das deutsche Team wird an der Sportschule Warendorf auf die Invictus Games vorbereitet, doch die Teilnahme am sportlichen Wettkampf ist nicht das eigentliche Ziel der Athleten: In der Sporttherapie, 2011 vom Zentrum Sportmedizin und der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf initiiert und mittlerweile fest etabliert, arbeiten sie hart dafür, wieder in den Dienst und in den Alltag zurückzukehren. Viele haben im Einsatz oder bei Unfällen körperliche Schäden erlitten, ein Großteil von ihnen leidet zusätzlich noch unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Wieder Vertrauen zu gewinnen, zu ihren Mitmenschen und zu sich selbst, ist ein langer und mühevoller Weg.
Die 2014 von Prinz Harry ins Leben gerufenen Invictus Games wirken für viele der versehrten Militärangehörigen wie ein „Booster“ auf dem Weg zurück ins normale Leben. Prinz Harry ist natürlich auch in Den Haag dabei, sucht mit seiner Ehefrau Meghan Markle immer wieder den Kontakt und das Gespräch zu den Athletinnen und Athleten – eine Distanz ist nie zu spüren, der Brite ist mit ganzem Herzen dabei.
Fast noch wichtiger ist es aber, dass die Athleten vor Ort auch die größtmögliche Unterstützung von Angehörigen, Freunden, Kameradinnen und Kameraden erfahren. Für viele der jubelnden Zuschauer ist auch der FUAV verantwortlich, der Förderverein zur Unterstützung der Arbeit von Versehrten am Standort Warendorf. Der FUAV hat Busfahrten von Deutschland nach Den Haag organisiert, um die Menschen zu ihren Athleten zu bringen. Bustransfer, Eintrittskarten und ein Fan-Paket sind inklusive. „Wir haben ein super Feedback, die Unterstützung ist da“, freut sich Wüsthoff. Diese mentale Unterstützung durch Fans, Angehörige und Freunde sei mindestens genauso wichtig wie die Rehabilitation der Athleten. „Dieser Sport lebt von den Menschen, die da hin kommen“, betont der FUAV-Vorsitzende. Und: „Es geht nicht um Medaillen, sondern um Anerkennung und Wertschätzung.“ Ein Zeichen der Wertschätzung hatte der FUAV dann auch noch im Gepäck: Ein ganzes Bündel Gelber Bänder der Solidarität wurde an das Invictus-Team übergeben, unterzeichnet von Angehörigen, Freunden und Unterstützern der Athleten.
Auf internationaler Ebene sind die Invictus Games zu einem wichtigen Element der Veteranenarbeit geworden. Klar, dass auch der DBwV in Den Haag vor Ort ist, schließlich ist der Verband ein Antreiber auf diesem in Deutschland lange vernachlässigten Feld. Die verbesserte Einsatzversorgung, das Einsatzweiterverwendungsgesetz – dies sind alles Dinge, die der DBwV maßgeblich mit vorangetrieben hat. Und dabei auch weiter am Ball bleibt: Mit der Initiative „Mission Seele – Einsatztraumata vorbeugen und heilen“ hat der DBwV ein Forderungspapier an die Politik erstellt, um weitere Verbesserungen in der Einsatzversorgung zu erreichen.
Im Bundesvorstand ist Oberstleutnant i.G. Marcel Bohnert, Zweiter Stellvertreter des Bundesvorsitzenden, für das Themengebiet Veteranen und damit auch für die Arbeit mit versehrten Militärangehörigen zuständig. In Den Haag ist er vor Ort, auch um internationale Impulse aufzunehmen. Dabei trifft er auf Menschen wie Cornelis van Berkel, einer der vielen Freiwilligen, die als helfende Hände bei der Organisation der Spiele unterstützen. Cornelis berichtet Bohnert von seiner Dienstzeit in den niederländischen Streitkräften. Er war 1981 für sechs Monate als Fahrer eines Schützenpanzers im Südlibanon im UNIFIL-Einsatz – als junger Wehrpflichtiger. Aus dem Einsatz zurückgekehrt ist er mit einer PTBS. „Wir haben Leichen im Wasser gefunden, manchmal wurden wir beschossen, durften aber nicht zurückschießen. Es war ja eine Beobachtermission“, berichtet der Niederländer. „Das waren 24 Stunden Stress am Tag. Du weißt nie, was passiert, wenn du wieder raus musst.“ Bei den Invictus Games fühlt er sich aber wohl, berichtet er im Gespräch mit Oberstleutnant i.G. Bohnert. „Hier bin ich sehr entspannt. Alle sind entspannt, weil sie hier alle Veteranen sind“, sagt der ehemalige niederländische Soldat mit einem breiten Lächeln.
Cornelis erzählt, wie sich der niederländische Staat um seine Veteranen kümmert. So gibt es einen Ombudsmann des Parlaments, der einzig und allein für die Veteranen da ist. Völlig unbürokratisch können Veteranen mit ihren Anliegen an ihn herantreten. Und es wird schnell geholfen. „Wenn ein Veteran Probleme hat, wird sich um ihn gekümmert, notfalls auch vor Gericht“, erzählt Cornelis. Auch ein Veteraneninstitut haben die Niederländer geschaffen, zudem gibt es spezielle Veteranencafés, in denen sich die Veteranen treffen und austauschen können. Wenn man sich bei unseren Nachbarn umschaut, erkennt man eine Fülle von Herangehensweisen in der Veteranenarbeit, die auch hierzulande den einen oder anderen Impuls geben könnten.
Neben Oberstleutnant i.G. Bohnert ist auch Oberstabsfeldwebel a.D. Jürgen Görlich, Beisitzer in der Soldaten und Veteranen Stiftung des Deutschen BundeswehrVerbandes, mit dem Bus des FUAV nach Den Haag gereist. „Ich bin begeistert von dem, was ich hier erlebe“, sagt der ehemalige Stellvertretende Bundesvorsitzende im Deutschen BundeswehrVerband. Görlich will dazu beitragen, dass diese Atmosphäre auch zu den Spielen nach Deutschland kommt. Und: „Es ist wichtig, dass wir das alles auch in die Gesellschaft tragen.“
Bis Ende der Woche laufen noch die Invictus Games in Den Haag, doch schon jetzt richten viele der deutschen Beteiligten wie Jürgen Görlich oder Stephan Wüsthoff den Blick nach vorn: 2023 kommen die Invictus Games nach Düsseldorf – eine große Chance für die öffentliche Wahrnehmung und Anerkennung von versehrten Militärangehörigen hierzulande, aber auch der Veteranen im Allgemeinen, darin sind sich alle einig. Schon seit Monaten arbeitet Brigadegeneral Alfred Marstaller mit seinem Projektteam IG23 auf Hochtouren, um vom 9. bis 16. September 2023 ein unvergessliches Ereignis auf die Beine zu stellen. In Den Haag stellen sie sich und die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt vor. Eigentlich sollten die Invictus Games schon in diesem Jahr nach Deutschland kommen, doch wie in vielen anderen Bereichen hat die Corona-Pandemie auch hier den Zeitplan gehörig durcheinandergewirbelt.
„Es ist toll zu sehen, was hier in Den Haag auf die Beine gestellt wurde“, sagt Brigadegeneral Marstaller. Und weiter: „Endlich – nach zweimaliger Verschiebung – konnten wir am Freitagabend eine hervorragend inszenierte Eröffnungszeremonie genießen. Die Emotionen zu spüren, den Geist der Invictus Games aufzunehmen – das ist es, warum wir alle hier sind. Ich habe bisher nur hochmotivierte Wettkämpferinnen und Wettkämpfer getroffen, die stolz darauf sind, Teil der Invictus-Community zu sein. Alle bisher gesammelten Eindrücke lassen mich mit Freude auf das kommende Jahr blicken, wenn wir mit den Invictus Games Düsseldorf 2023 genau diese Emotionen und das Zusammengehörigkeitsgefühl in Deutschland erleben dürfen.“
Bis Freitag noch messen sich die deutschen Athleten – Frauen sind in diesem Jahr nicht dabei – im sportlichen Wettkampf mit Teilnehmern aus 16 weiteren Nationen. Wir sind sicher, dass noch viele weitere emotionale Momente auf die „Unbesiegten“ warten. Und sie dabei wieder ein Stück weiter auf dem langen Weg zur Rückkehr in Dienst und Alltag bringen werden.
Text und Fotos: DBwV/Yann Bombeke - Videos: DBwV/Sarina Flachsmeier