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Die Christen konnten den Heiligen Geist nicht bremsen

Martin Voegelin

«Das klingt ja wie in der Apos­telgeschichte» – höre ich häufig in Ver­bindung mit eindrücklichem Ge­meindewachstum und übernatürlichem Eingreifen Gottes. Und ja, das Evangelium hat den Kulturraum der ersten Jahrhunderte absolut atemberaubend durchdrungen. Was ich aber dabei lange kaum beachtete, sind die damit verbundenen inneren Lernprozesse der ersten Christen. Es fiel ihnen nicht in den Schoss, Teil des globalen Erlösungsplans Gottes zu werden!

Welche Lernprozesse hat Gott für uns bereit?

Die Gegensätze in der «globalen Christenheit» sind immens. In der südlichen und teils auch in der östlichen Hemisphäre wächst die christliche Gemeinde dynamisch und kraftvoll – auch trotz und mitten im Leiden! Das westliche Christentum dagegen ist auf dem Rückzug.

In der Apostelgeschichte – und auch in den Briefen – können wir viel über Gottes Absicht und Kreativität lernen. Beharrlich, geduldig und überraschend verfolgte Er auch mit stolpernden Jüngern und streitenden Gemeinden die Ausbreitung Seines Reiches in unserer Welt.

Beharrlich, geduldig und überraschend verfolgte Er auch mit stolpernden Jüngern und streitenden Gemeinden die Ausbreitung Seines Reiches in unserer Welt.

Michael Green beschreibt es so: «… Ihr Leben [d. h. der Christen] in der Gemeinschaft war alles andere als vollkommen … Dennoch war es so anders und so eindrucksvoll, dass es die Aufmerksamkeit anzog, zur Neugierde reizte (…) Das Heidentum sah im Christentum eine Art zu leben und besonders zu sterben, wie man sie sonst nirgends finden konnte. (…) Ihre Sorge [d. h. der Christen] galt diesem Leben, und doch hatten sie nicht das Gefühl, dass es das grösste Übel sei, es zu verlassen.» (Evangelisation zur Zeit der ersten Christen, S. 317ff)

Solche Ausstrahlung treffen wir in allen Zeiten der Kirchengeschichte immer wieder an – aber in der «traditionell christlichen Welt» erleben wir sie heute doch eher nur vereinzelt. Da sehne auch ich mich nach einem «Apos­telgeschichte-Erweckungsschub». Ich schreibe das mit hohem Respekt für alle mit Herzblut vorangetriebenen Initiativen und auch mit echter Freude über viele positive Signale, die durch Christen in unsere Gesellschaft ausgesendet werden. Unterschätzen wir das nicht!!!

Das Wirken des Heiligen Geistes

Wie hat es der Heilige Geist «geschafft», die damalige Welt zu verändern – trotz Jüngerinnen und Jüngern, die genauso in ihren eigenen Vorstellungen verhaftet waren wie wir es auch heute oft sind? Nein, die ersten Christen waren nicht einfach «Evangelisations-Turbos». Aber der Heilige Geist hat sie zu überzeugenden Botschaftern gemacht – oft auch durch schmerzhafte Prozesse hindurch. «Ihr werdet den Heiligen Geist empfangen und durch Seine Kraft meine Zeugen sein in Jerusalem und Judäa, in Samarien und auf der ganzen Erde» (Apostelgeschichte 1,8).

Der Heilige Geist wirkt zentrifugal (d. h. vom Zentrum weg nach aussen verlaufend). Es geht um Grenzüberschreitungen, und das passierte damals wie heute nicht au­tomatisch! Gott musste nachhelfen, denn unserer (alten) Natur gemäss sind wir zentripetal veranlagt: Wir drehen uns um uns selber. Die Kraft des Heiligen Geistes ist daher unverzichtbar – Er will MIT UNS ZUSAMMEN die Welt verändern.

Wir drehen uns um uns selber. Die Kraft des Heiligen Geistes ist daher unverzichtbar.

In Apostelgeschichte 8 bis 13 entdecken wir einen Teil der damaligen Lernkurve:

Jerusalem – Die «Traumgemeinde» (2,42ff.) – sie fühlt sich wohl, geniesst Respekt UND wird bedroht (8,1).

Judäa/Samaria – Nur dank (!) der Verfolgung in Jerusalem breitet sich das Evangelium aus (8,4) und löst Freude aus – ausgerechnet bei den «verwandten Zweitklass-Juden», den Samaritanern! Das weckt eher Skepsis bei den Aposteln (8,14); der in Samaria wirkende Philippus war schliesslich «nur» Diakon. Wir können uns nicht vorstellen, was für einen Paradigmenwechsel die Apostel zu vollziehen hatten: Christ werden – «einfach so»? Ohne mindestens «jüdisch-christliche Sozialisation»? Der Heilige Geist schenkt hier ein «Extra-Pfingsten», um zu unterstreichen: Das Heil überschreitet Grenzen (8,25)!

«Der Äthiopier» (8,26ff) – er war schon gar nicht mehr «verwandt», aber ein Gottsucher! So kommt das Evangelium nach Afrika.

«Alle Völker» – Jesus wählt einen Mitarbeiter mit spezieller Vergangenheit für einen speziellen Dienst: Paulus, der eifrige Rechtgläubige, wird mit einem globalen Auftrag betraut (9,15)!

Petrus braucht eine persönliche interkulturelle Lektion (10,28.34 f)! «Jetzt erst habe ich richtig verstanden …» Wer hat sich hier wohl «mehr bekehrt»? Kornelius oder Petrus? – Und der Lernprozess ist für Petrus immer noch nicht abgeschlossen – vgl. Galater 2,11ff.

Multikulturelle Gemeinde (Kap. 11–13) – Es geht nicht nur dar­um, dass einzelne Menschen aus anderen Völkern Gott kennenlernen – Gott beruft sich ein neues Volk aus den Völkern: die Gemeinde! Antiochia war ein Mikrokosmos des römischen Altertums, ein Mix von Kulturen und Religionen! Die Gemeinde ist ein Prototyp für Integration! Die Zusammensetzung der «Gemeindeleitung» spricht Bände:

  • Barnabas (levitischer Grundbesitzer aus Zypern)
  • Simeon, der Schwarze (aus Schwarzafrika)
  • Lucius von Kyrene (hellenistischer Jude aus Nordafrika)
  • Manahen, mit König Herodes erzogen (aus der Oberschicht)
  • Saulus (streng erzogener Jude und Römer).

Dadurch öffnet sich ihr Blick für die weltweite Dimension des Reiches Gottes (13,2).

Lernkurve garantiert!

Gott blieb und bleibt dran, Seinen Plan für die ganze Welt zu realisieren – aber nicht ohne uns! Ich möchte in meiner Lektüre des Neuen Testaments weniger bei den mehr oder weniger löblichen Taten der Jüngerinnen und Jünger Jesu verharren, als vielmehr auf die zentrifugalen Impulse, Korrekturen, Perspektiven des Heiligen Geistes achten. Wie hat Er Gottes Ziel in der Welt verfolgt – innerhalb der Gemeinde und in ihrem näheren und ferneren Kulturraum? Welche frohen und schmerzhaften Prozesse hat Er benutzt, um Menschen tiefer mit Sich zu verbinden und sie fruchtbar werden zu lassen? Was kann ich heute daraus lernen – und in meiner Umgebung leben?

Ich möchte in meiner Lektüre des Neuen Testaments weniger bei den mehr oder weniger löblichen Taten der Jüngerinnen und Jünger Jesu verharren, als vielmehr auf die zentrifugalen Impulse, Korrekturen, Perspektiven des Heiligen Geistes achten.

Vielleicht regt dieser Beitrag an, die Apostelgeschichte (v. a. die Kapitel 1 bis 13) und Galater 1 und 2 einmal im Fluss und unter diesen Gesichtspunkten zu lesen. Lernkurve garantiert!

In ganzer Abhängigkeit von Ihm, in der Kraft des Heiligen Geistes radikal Jesus nachfolgen – so setzt sich Apostelgeschichte heute fort. Wir wissen: Der Heilige Geist wird das Ziel erreichen – die Vollendung des Reiches Gottes!

Martin Voegelin, 1950, verheiratet, zwei erwachsene Kinder. Theologische Ausbildung auf St. Chrischona; nach Jugend- und Gemeindearbeit 18 Jahre Leiter des Missionswerks SAMglobal. Anschliessend sieben Jahre Leiter der AEM (Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Missionen) und sechs Jahre mit OM als Leiter von GlobalFocus. Weiter tätig in Beratung und geistlicher Begleitung.