VON KONRAD KRAMAR (TEXT) UND PILAR ORTEGA (ILLUSTRATION)
Seit 1890 wird der 1. Mai weltweit als Tag der Arbeit gefeiert. 129 Jahre, in denen dieser Tag erkämpft, umgedeutet, missbraucht, vor allem aber gefeiert worden ist. Heute ist der 1. Mai in einer Mehrheit aller Staaten weltweit ein Feiertag – und er wird ganz unterschiedlich begangen.
Ein Blutbad als Auslöser
Die Arbeiter der US-Industriemetropole Chicago streikten seit dem 1. Mai 1886 für den Acht-Stunden-Tag. Die Polizei rückte an, um eine Kundgebung auf dem sogenannten „Heumarkt“ aufzulösen. Als ein Unbekannter eine Bombe warf, eskalierte der Einsatz. Die Polizisten schossen wahllos in die Menge. 17 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Vier Anführer des Streiks wurden gehenkt.Die Sozialistische Internationale in Paris beschließt 1889, weltweite Kundgebungen am Jahrestag des Heumarkt-Massakers abzuhalten. Die Idee der Maifeier ist geboren.
„Was wir ersehnen von der Zukunft fernen? Dass Brot und Arbeit uns gerüstet steh‘n, dass unsre Kinder in der Schule lernen und unsre Alten nicht mehr betteln geh‘n.“
Parole der Arbeiterbewegung
Für Arbeits- und Wahlrecht
Am 1. Mai 1890 gehen Arbeiter in ganz Europa, aber auch in den USA, oder in lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien auf die Straße. Auch in der Donaumonarchie kommt es in Wien, Prag, Brünn, Linz und anderen Städten zu Großkundgebungen. Die Menschen demonstrieren weiter für den Acht-Stunden- Tag. Es geht aber auch um eine Vielzahl anderer Themen wie das allgemeine Wahlrecht, oder Kranken- und Pensionsvorsorge. Die Maiabzeichen – bis heute in Wien Tradition – tragen die Arbeiter schon damals.
Staatsfeiertag
Am 25. April 1919 beschließt die österreichische Nationalversammlung, den 1. Mai zum „allgemeinen Ruhe- und Festtag“ zu erklären. Der Tag der Arbeit wird zum Staatsfeiertag, nicht nur in Österreich
Das Rote Wien
Am 1. Mai 1921 ziehen die Arbeiter wieder gemeinsam durch Wien. Wie schon vor dem Weltkrieg bewegt sich der Zug über die Ringstraße in den Prater. 1922 gibt es die erste Versammlung vor dem Rathaus. Ab 1929 hat der Maiaufmarsch seine heutige Form. In zwei Zügen marschierten die Demonstranten am Rathaus vorbei. Es folgen Sportereignisse wie Arbeiterfußballturniere und ein Schwimmmeeting. Ab 1932 wird das Praterstadion zum Ort eines riesigen Sportfestes.
„Die Internationale“ Kampflied der Arbeiterbewegung: Die Internationale entstand in der revolutionären Pariser Kommune von 1871. Sie war die Hymne der Sowjetunion und ist bis heute das weltweit bekannteste Lied der Arbeiterbewegung. Zum hören, bitte unten klicken:
Nur keine Arbeiterversammlung
Der austrofaschistische Ständestaat will aus dem 1. Mai den „Tag der Verfassung“ machen. Es gibt Festgottesdienste, Militärparaden und Festumzüge der Stände. Nicht soll mehr an die Kundgebungen der Arbeiter erinnern, die aber lassen sich nicht abhalten, auf der Ringstraße „spazieren zu gehen“.
„Die Straße frei am 1. Mai! Am 1. Mai trifft sich das friedliebende Volk von Wien zwischen 10 und 11 Uhr zu einem friedlichen Spaziergang auf der Ringstraße!“
Aufruf zum Maiaufmarsch 1933
Führerbefehl
Das nationalsozialistische Deutschland macht aus dem 1. Mai einen „Tag der deutschen Arbeit“. Alle Kundgebungen, außer jene, die offiziell vom Regime veranstaltet werden, sind verboten. Nazi-Deutschland macht aus dem Tag einen gesetzlichen Feiertag.
Im Arbeiter- und Bauernstaat
Im gesamten kommunistischen Ostblock wird der 1. Mai mit Großkundgebungen begangen, bei denen die Staats- und Parteiführung die vorbeimarschierenden Arbeiter begrüßt. Die größten Veranstaltungen finden in den jeweiligen Hauptstädten statt, meistens von einer Militärparade begleitet. Die Maiparade auf dem Roten Platz in Moskau ist die zentrale Machtkundgebung der UdSSR und ihrer Satellitenstaaten.
Feuer und Flamme
Seit 1987 gibt es am 1. Mai in Berlin jährlich Kundgebungen linksradikaler Gruppierungen, die verlässlich in Gewalt und Randale ausarten. Ganze Straßenzüge werden verwüstet. In andern Städten wie Leipzig wird die Gewalt durch gleichzeitig stattfindende Gegenkundgebungen rechtsradikaler Gruppierungen weiter angeheizt.
„Besetzt die Wall Street!“
In den USA ist der offizielle „Tag der Arbeit“ im September. Am 1.Mai sind es traditionell Gewerkschaften oder linke Gruppen, die Kundgebungen veranstalten. Die größten darunter gab es etwa während der großen Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren. In vergangenen Jahren sind etwa illegale Migranten aus Lateinamerika am 1. Mai auf die Straße gegangen, um für ihre Rechte zu demonstrieren. Auch die „Occupy Wall Street“-Bewegung, die nach der Finanzkrise entstand, ging am 1. Mai auf die Straße.