Thomas Wohler
Vorwiegend im freikirchlichen Umfeld begegne ich häufig einer gewissen Skepsis gegenüber der Reformation des 16. Jahrhunderts. Und sobald Namen wie Ulrich Zwingli oder Johannes Calvin fallen, kann die Skepsis sich sogar zur Ablehnung steigern. Martin Luther (1483–1546) als der grosse Reformator in Deutschland wird insbesondere als Übersetzer der Bibel ins Deutsche irgendwie noch dankbar wahrgenommen und toleriert …
Die Reformatoren – keine perfekten Menschen
Um es vorwegzunehmen – nein, die Reformatoren des 16. Jahrhunderts waren nicht ohne Fehler und Irrtümer – so wenig wie es die biblischen Persönlichkeiten waren, die wir gerne als nachahmenswerte Vorbilder loben. Und dies (übrigens durchaus zu Recht), obwohl wir wissen, dass Jakob mehr als ein Schlitzohr war (z. B. 1. Mose 27), Mose sogar «Leichen im Keller» bzw. im Sand versteckte (2. Mose 2,12) oder König David buchstäblich über Leichen ging, um seine aussereheliche Affäre zu vertuschen (2. Samuel 11).
Der Kirchengeschichtler Armin Sierszyn schreibt in seinem nach wie vor empfehlenswerten Buch «2000 Jahre Kirchengeschichte» (SCM R. Brockhaus, 2. Auflage, S. 400) als Einleitung zur Epoche der Reformation: «Geschichtlich erkennen wir, dass Gott selbst seine besten Werkzeuge nicht nur mit Licht, sondern stets auch mit Schatten versieht, so dass das reine Licht und die ganze Ehre Ihm allein gehören.» Dennoch betont Armin Sierszyn immer wieder, dass die Reformation im Kern eine «Bibelbewegung» war: «Die zentrale Kraft und Quelle der Reformation ist die Botschaft der Bibel selbst.» Der realistische und nüchterne Bibel- wie auch Kirchengeschichts-Leser wird immer diese Spannung beobachten, die er wohl im eigenen Leben und Glauben ebenso wahrnimmt. Dennoch gilt schon seit biblischen Zeiten, dass wir stets alles prüfen und das Gute behalten sollen (vgl. 1. Thessalonicher 5,12). Denn interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich so manches negative Bild der Reformatoren ursprünglich aus den Quellen der damaligen unsachlichen Polemik ihrer schärfsten Gegner nährt, was sich viele Kritiker unserer Tage wohl kaum bewusst sind.
«Geschichtlich erkennen wir, dass Gott selbst seine besten Werkzeuge nicht nur mit Licht, sondern stets auch mit Schatten versieht, so dass das reine Licht und die ganze Ehre Ihm allein gehören.»
Die Wiederentdeckung der Bibel
Aus Platzgründen will ich hier nur ein zentrales Thema streifen, das in unserer Zeit wieder neu umkämpft ist: Die Bibelfrage, die in evangelikalen Kreisen vermehrt zu reden gibt. Gerade an diesem Punkt können uns die Reformatoren in der Tat sehr viel Schützenhilfe bieten. Es lohnt sich, in ihren Predigten und Schriften zu lesen – und wir werden dabei vielleicht verwundert feststellen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt.
Verschiedene Fronten hatten sich in den evangelischen Orten aufgetan. Es gab auf der einen Seite die traditionsstarke und von der römischen Kirche geprägte Gruppe, auf der anderen Seite die Eiferer der «Schwärmer», die alles über den Haufen werfen und sich nur noch unmittelbar vom Heiligen Geist leiten lassen wollten. Beiden Parteien war gemeinsam, dass die Bibel als einzig gültiges Fundament mehr oder weniger in Frage gestellt wurde.
Beiden Parteien war gemeinsam, dass die Bibel als einzig gültiges Fundament mehr oder weniger in Frage gestellt wurde.
Ulrich Zwingli (1484–1531) gilt als der Reformator von Zürich. Als er am 1. Januar 1519 als frisch berufener Pfarrer seine erste Predigt im Grossmünster hält, bricht er mit der damals üblichen Tradition. Anstatt sich lediglich an die von der Kirche vorgegebenen Texte zu halten, beginnt er bei Matthäus 1,1 und predigt nun täglich (!), Woche für Woche, durch das ganze Matthäus-Evangelium. Danach die Apostelgeschichte, 1. Timotheus, Galater usw. Seine Predigten, die ganz aus Gottes Wort schöpfen, finden grossen Anklang. Das Grossmünster füllt sich zusehends mit geistlich ausgehungerten Seelen. Für Zwingli ist die Bibel unantastbar und als Gottes Wort höchste Autorität, versehen mit grösster Kraft und (Voll-)Macht.
Mit der Bibel vertraut werden
In einer Predigt aus dem Jahr 1522, überschrieben mit «Die Klarheit und Gewissheit und Untrüglichkeit des Wortes Gottes», zieht er ein Fazit und fasst zusammen: «Das Wort Gottes soll von uns in höchsten Ehren gehalten werden. Als Wort Gottes sollst du nur anerkennen, was aus Seinem Geist kommt. Keinem anderen Wort soll so geglaubt werden wie diesem. Denn Gottes Wort ist gewiss und keinem Irrtum unterworfen. Es ist klar, lässt niemanden im Dunkeln tappen, es legt sich selbst aus und öffnet selbst das Verständnis. Es erhellt die menschliche Seele mit allem Heil und Gnaden, füllt sie mit Gottvertrauen, demütigt sie, dass sie sich selbst verliert, ja verwirft und Gott in sich aufnimmt. In Ihm lebt sie, zu Ihm strebt sie und verachtet alle Hilfe von Geschöpfen. Denn Gott allein ist ihr Heil und ihre Zuversicht.» (Hrsg. Th. Brunnschweiler, Samuel Lutz, «Huldrych Zwingli – Schriften», Band I, TVZ 1995, S.105ff)
Die Hochachtung der Bibel rührt aus der Überzeugung, dass der Heilige Geist nicht nur damals die Schreiber des Alten und des Neuen Testaments inspiriert hat, sondern dass Er durch diese auch heute noch deutlich zu uns spricht und in uns wirkt.
Im Jahr 1525 entsteht unter der Federführung Zwinglis im Grossmünster die «Prophezei», eine Art Bibelschule vorwiegend für die Pfarrer und theologischen Lehrer. Jeden Tag frühmorgens ausser am Freitag und Sonntag versammelt sich die Studienklasse zur Auslegung des Alten Testaments aus der hebräischen Sprache. Anschliessend versammeln sich viele Leute aus der Stadt mit ihren Bibeln, damit sie von der Arbeit der Pfarrer und Theologen profitieren können. Nicht nur Theologen müssen aus der Bibel gelehrt und geschult werden, sondern auch das Volk soll mit der Bibel vertraut und darin sattelfest gemacht werden (Armin Sierszyn, «2000 Jahre Kirchengeschichte», SCM R. Brockhaus, 2. Auflage, S. 504). Aus dieser Arbeit entsteht schliesslich im Jahr 1531 die erste vollständig ins Deutsche übersetzte «Zürcher Bibel».
Nicht nur Theologen müssen aus der Bibel gelehrt und geschult werden, sondern auch das Volk soll mit der Bibel vertraut und darin sattelfest gemacht werden.
Neuer Hunger nach Gottes lebendigem Wort
Möge Gott auch in unserer Zeit nochmals einen unbändigen Hunger nach Seinem lebendigen Wort wecken und bewirken, dass auf diese Weise die Kirche Jesu Christi durch den Heiligen Geist erneuert und Gott dadurch verherrlicht werde!