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DAS SONNWEND VIERTEL EIN WOHNORT VOn der Couch unter die LUPE

Über lebensraumbezogene Bedürfnisse, Stadtpsychologie, empirische Stadtspaziergänge und

"DAS WESEN SONNWENDVIERTEL"

von Stefanie F. Weber

Vorgehen

1. Spaziergang und Gruppendiskussion

2. Literaturstudium

3. Oberflächenuntersuchung

4. Ergebnisdokumentation

5. Künstlerische Umsetzung

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Das Sonnwendviertel im 10. Bezirk Wiens

Damit ist der südliche Teil des ehemaligen Bahngeländes für Personen- und Güterverkehr des Südbahnhofs und seiner Ostseite gemeint. Er entsteht auf Grund einer 2004 zwischen den Österreichischen Bundesbahnen und der Stadt Wien abgeschlossenen Planungsvereinbarung statt dem früher dort angelegten Frachtenbahnhof. https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Sonnwendviertel

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"Bei der Planung dieses Gebiets beim Wiener Hauptbahnhof, das zwischen der Bahntrasse und dem kürzlich fertiggestellten Helmut-Zilk-Park liegt, wurde von Beginn an besonderes Augenmerk auf Kleinteiligkeit, Nutzungsmischung, hochwertige Erdgeschoßnutzung, innovative Mobilität, Fußgängerorientierung und qualitätvolle Freiraumgestaltung gelegt. Und dafür wurden auch für Wien neue Werkzeuge und Herangehensweisen entwickelt und erstmals erprobt, vom kooperativen Planungsverfahren bis zur Konzeptvergabe, von den Hochga-ragen bis zu bindenden Festlegungen für die Erdgeschoßnutzung, von der Aktivierung innovativer Bauträger bis zum Quartiersentwicklungsgremium."

Robert Temel - Ein Stück Stadt bauen, Leben am Helmut-Zilk-Park Wien-Favoriten

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Lebensraumbezogene Bedürfnisse

Grundbedürfnisse

"Grundbedürfnisse sind Bedürfnisse, deren Befriedigung oder Nichtbefriedigung die körperliche und seelische Gesundheit des Menschen wesentlich beeinflußt.

Bei bedürfnisorientierter Planung von Umräumen ist ... zu beachten, daß sich die menschliche Bedürfnisstruktur nur beschränkt verallgemeinern läßt, sich ... verändert, daß sie unrealistisch, asozial oder sogar ökologiefeindlich sein kann... , und daß Bedürfnisse unvereinbar und durch andere ersetzbar sein können."

Maderthaner, R. (2001). Lebensqualität und Zukunftsverträglichkeit. ÖIAZ, 146, 5-6.

Die menschliche Bedürfnisstruktur lässt sich nur beschränkt verallgemeinern.

Über welche MERKMALE muss eine Wohngegend verfügen, damit sie den Bedürfnissen ihrer Bewohner*innen gerecht wird? Kann sie das überhaupt?

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Untersuchung und Dokumentation

Die folgende Reihe an Fotografien dokumentiert Spuren von Nutzung entsprechender Angebote entlang einer Liste von lebensraumbezogenen Grundbedürfnissen (nach Maderthander 2001).

1. Regeneration >>>

Gute Luft und Sauberkeit des Wohnumfeldes, Gelegenheiten zur körperlichen Betätigung.

2. Privatheit und Geborgenheit >>>

Verfügbarkeit über Individualraum, Rückzugsmöglichkeiten innerhalb der Wohnung, geringe Einsehbarkeit und Mithörbarkeit durch Nachbarn und semiprivate Pufferzonen zu öffentlichen Räumen.

3. Autonomie und Sicherheit >>>

Berücksichtigung von Kinder-, Alters- und Behindertengerechtheit, Ermöglichung einer Durchmischung verschiedener Bevölkerungsgruppen im gleichen Siedlungsgebiet, aufgelockerte Bauweise, Überschaubarkeit des Geländes, Vermeidung enger Gänge, Rufdistanzen zu bewohnten Zonen auf den Wegen der Siedlung.

4. Funktionalität und Bequemlichkeit >>>

Lage der Siedlung, Größe und Grundriss der Wohnung, Wohnkosten. Schöne Aussicht, Sonneneinstrahlung, Wärmeschutz, Schallschutz und Heizkomfort, Gemeinschaftsräume, Hobbyräume, Kinderspielräume, Saunen und Hallenbäder im eigenen Siedlungsbereich Verkehrsgünstigkeit, Kindereinrichtungen, Schulen, und Grünräume im Siedlungsbereich.

5. Sozialkontakte und Kommunikation >>>

Guter Kontakt zu Nachbarn, kommunikationsfördernde Bauweise für Möglichkeit zu lockerem Informationsaustausch, ungezwungenen Gesprächen und gelegentlichen oder dauerhaften Nachbarschaftshilfen, festes Zusammengehörigkeitsgefühl, Verbundenheit mit dem Lebensraum.

6. Prestige >>>

Das Image einer Siedlung ist im Allgemeinen dann groß, wenn viele Bewohner aus einer höheren Gesellschaftsschicht stammen, wenn die Wohnkosten relativ hoch sind oder die Siedlung außergewöhnliche Merkmale aufweist (z.B. künstlerische Gestaltung oder ökologische Bauweise).

7. Aneignung und Partizipation >>>

Die Begehung, Erkundung und persönliche Adaptation eines Lebensareals, Verfügbarkeit eines sogenannten „Streifraumes“ - besonders für Kinder wichtig, in dem die Beaufsichtigung durch die Eltern herabgesetzt ist und daher Autonomie und Selbständigkeit erprobt werden können. Chance, in wichtigen Angelegenheiten des eigenen Lebens oder der Lebensumwelt mitsprechen und mitbestimmen zu können.

8. Ästhetik und Kreativität >>>

Ästhetische Gestaltung des Lebensraumes, Möglichkeit zu kreativen Aktivitäten im eigenen Lebensraum. Vielfalt an Formen und Farben.

Monotone, strukturlose oder gefühlsmäßig negativ besetzte Architektur („Sozialbau“, „Emmentalerarchitektur“, „Profitquader“, „Betonklotz“, „Wohnfabrik“) kann beim unvoreingenommenen Betrachter kaum positive ästhetische Eindrücke erzeugen, und „Zwangsbeglückungen“ mit postmoderner Wohnarchitektur haben nur dann eine gewisse Chance mit der Zeit akzeptiert zu werden, wenn sie sowohl dem Bedürfnis des Menschen nach Wahrnehmungsvielfalt als auch jenem nach Prestige und positiver Symbolik gleichermaßen entgegenkommen.

Ein lebendiges Stück Stadt

"Stadtlabor in Favoriten - Das brandneue Sonnwendviertel Ost will ein lebendiges Stück Stadt sein." Maik Novotny: Stadtlabor in Favoriten. In: Falter, Nr. 30/19, 24.07.2019, S. 34 ff.

Wege im Sonnwendviertel (Quelle: iba-wien)

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EMPIRISCHER STADTSPAZIERGANG

// TEIL 1: ÜBER STADTPSYCHOLOGIE >>>

Stadt und Psychologie? Also Stadtpsychologie. Wieso das?

"Stadtpsychologie betrachtet Städte als Wesen, mit all ihren Stärken und Schwächen."

Mit Hilfe von qualitativ-partizipativen Verfahren können Städte und Gemeinden dabei unterstützt werden, ihre Stärken und Schwächen ganzheitlich zu analysieren. Basierend auf der Analyse lässt sich darstellen, wie gut die jeweilige Stadt oder Gemeinde für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet ist.

Vorerst fehlten entsprechende Verfahren, die das ‚Wesen Stadt‘ in ihrer gesamten Vielfalt abbilden. Ein besonderes methodisches Vorgehen wurde dazu in einem mehrjährigen Prozess entwickelt, reflektiert und evaluiert. Seit 2013 ist das Verfahren wissenschaftlich abgesichert und seit 2017 auch international wissenschaftlich anerkannt. Es heißt: Die „Aktivierende Stadtdiagnose (ASD)“ . Sie erhebt partizipativ und macht Ergebnisse für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung nutzbar.

So lassen sich ganze Städte „auf die Couch“ legen.

STADTpsychologie, Mag.phil. Dr.phil. Cornelia Ehmayer-Rosinak

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Das Sonnwendviertel auf der Couch

Welchen Charakter hast du? Wie entwickelst du dich?

Diese Fragen an das Sonnwendviertel leiten sich aus einem Abschnitt über DIE ENTWICKLUNG VON STÄDTEBAULICHEN VORHABEN im Wiener Masterplan für partizipative Stadtentwicklung ab. Bestehende Antworten darauf lauten zum Beispiel: gute Verkehrsanbindung, nutzbare Grünräume, kinderfreundliche Umgebung und lassen sich somit mit den oben dargestellten Bedürfnissen in Verbindung bringen. Konkret ist es im Rahmen der Stadtentwicklung Ziel, daran ZUKUNFTSBILDER und QUALITÄTEN abzuleiten.

Als Leitthemen können sie dann beispielsweise so ausgeführt werden:

  • Mobilität (stadtverträglich, ressourcenschonend, umweltfreundlich)
  • Effizienz, nachhaltige Energiestrategie (umwelt- und klimaverträglicher Stadtteil)
  • Großzügige öffentliche Räume (Freiräume für Erholung, Spiel und Sport)
  • Stadtkontext (urbaner Stadtteil im stadträumlichen Zusammenhang)
  • Gemeinsam Stadt entwickeln (akteursbezogene Prozesse, Information, Kooperation, Partizipation)
  • Dichte erzeugen, Weite belassen (hohe städtebauliche Qualität, urban)

Masterplan für eine partizipative Stadtentwicklung, S. 33

Magistrat der Stadt Wien, MA 21 – Stadtteilplanung und Flächennutzung https://www.wien.at/stadtentwicklung/partizipation/

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// TEIL 2: DAS SONNWENDVIERTEL KENNENLERNEN >>> SPAZIERGANG

Wir denken uns nun in ein Stadtviertel - das Sonnwendviertel: Was wissen wir bereits über diesen Ort? Was macht diesen Ort für uns interessant? Was möchten wir genau herausfinden?

...ob lebensraumbezogene Bedürfnisse innerhalb der Strukturen, die das Sonnwendviertel zur Verfügung stellt, befriedigt werden.

Im Vorfeld beschäftigten wir uns mit Fragen über das Wohnen, ganze Wohngegenden, deren Merkmale und Bedürfnisse ihrer Bewohner*innen.

Als Gruppe von Studierenden unternahmen wir einen gemeinsamen Spaziergang durch das Sonnwendviertel, wo Vergleiche zu anderen Stadtgebieten gezogen wurden, Diskussionen um Fragen der Erschließung des Gebietes, der Architekturansätze, der Nutzungsmöglichkeiten, über angrenzende Bereiche der Stadt etc. stattfanden.

In darauf folgenden empirischen Spaziergängen wurde versucht, Spuren, die auf eine Nutzung der Gegend deuten lassen, zu dokumentieren. Rückwirkend könnte an Hand dessen vermutet werden, ob lebensraumbezogene Bedürfnisse innerhalb der Strukturen, die das Sonnwendviertel zur Verfügung stellt, befriedigt werden.

Zur Erforschung eines Ortes, eines Stadtteils, einer Kleinstadt oder eines ausgewählten Gebietes können unterschiedliche Instrumente herangezogen werden. Eines davon ist DER EMPIRISCHE STADTSPAZIERGANG. Er wird auch mit der Methode des behördlichen Lokalaugenscheins verglichen. Die Stadtpsycholog:innen beschreiben ihn jedoch noch ein wenig anders: Als methodisch ganzheitlicher konzipiert, leicht anwendbar und für alle Ziel- & Altersgruppen geeignet.

Als Tool wird ein Leitfaden zur Ausführung eines solchen Spaziergangs via STADTpsychologie.at für Interessierte zum Download angeboten.

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// TEIL 3: DATEN SAMMELN, DOKUMENTIEREN >>> EMPIRISCHER STADTSPAZIERGANG

Das Wesen des Sonnwendviertels systematisch erfassen? Was macht diesen Ort denn aus? Die große Frage, die nun auch auf eine Antwort wartet, ist:

Wie lässt sich das „Wesen“ dieses Ortes darstellen?

Wie könnte das Wesen des Ortes systematisch erfasst werden? Wo liegen attraktive, wo weniger attraktive Momente? Was ist zu sehen?

Unter anderem diese Fragen aus dem Katalog des empirischen Stadtspaziergangs nach C. Ehmayer führten zu einer beträchtlichen Sammlung diskussionsfähiger Daten. Letztendlich wurde dies zu einem Impuls zur Suche nach Möglichkeiten der visuellen Darstellbarkeit dieser Daten um daraus wiederum ein "Wesen" erschaffen zu können.

Ich entschied mich als Forscherin auf Spurensuche zu begeben und diese mit einer fotografischen Dokumentation zu begleiten, die im Folgenden abgebildet wird. Nach einer weiteren Runde der Auswertung gesammelter Daten, stand für mich fest, dass die Oberflächen dieser relativ neuen Bau-Strukturen im Sonnwendviertel förmlich dazu einladen, sie ebenfalls genauer zu lesen.

Das Sonnwendviertel auf die Couch zu legen und es danach erneut genauer UNTER DIE LUPE zu nehmen ergab reliefartige Gebilde, die zusammen wie eine unendliche Vergrößerung des Sichtbaren, wie die zigfach vergrößerte Oberfläche des Wesens Sonnwendviertel anmuten.

DAS SONNWENDVIERTEL AUF DER COUCH >>> DURCH DIE LINSE

DAS SONNWENDVIERTEL - VON DER COUCH >>> UNTER DIE LUPE

Oberflächen von Geländen, Gegenständen, Gebäudefassaden etc. als plastische Nachbildungen.
Das Abnehmen von Oberflächenstrukturen ermöglicht einen Zoomeeffekt - ein genaueres Hinsehen und Begreifen des Ortes, wie durch eine Lupe und eine zigfache Vergrößerung.

Das WESEN des Sonnwendviertels tritt hervor.

Das Abbilden einzelner Ausschnitte ergibt durch ihre Hervorhebungen zusammen eine körperhafte Darstellung des Ortes.

Created By
Stefanie Weber
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Credits:

Alle Fotos sind, wenn nicht anders angegeben, Eigentum von Stefanie F. Weber