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Die Nacht, als die Flut kam – Rückblick auf eine Jahrhundertkatastrophe Von Frank Jungbluth und Yann Bombeke

Als Mitte Juli 2021 Meteorologen vor dem herannahenden Tief „Bernd“ warnten, haben die meisten Menschen in Deutschland wohl gedacht, dass lediglich ein paar verregnete Sommertage bevorstehen. „Bernd“ brachte jedoch die verheerendste Naturkatastrophe seit der Sturmflut 1962 nach Deutschland – mindestens 186 Menschen kamen ums Leben, die meisten von ihnen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, die Verwüstungen hatten apokalyptische Ausmaße. Erst später war klar: Warnungen vor der nahenden Katastrophe waren vielerorts ausgeblieben, obwohl die Wetterdienste auf das extreme Unwetter hingewiesen hatten.

Verlass war jedoch einmal mehr auf die Bundeswehr: Obwohl schon in der Corona-Pandemie gebunden, war sie sofort zur Stelle. Für viele Menschen waren die Soldatinnen und Soldaten die Rettung in höchster Not. Insgesamt waren mehr als 2300 Bundeswehrkräfte im Einsatz, sie kamen den Menschen mit schwerem Gerät, unzähligen Fahrzeugen, Booten und auch Hubschraubern in den dramatischen Stunden der Flut zur Hilfe und auch noch Tage und Wochen danach, als es darum ging, die massiven Schäden zu beseitigen, die das Unwetter hinterlassen hatte.

Nachdem das Ausmaß der Flutkatastrophe sich abzeichnete, löste das Verteidigungsministerium am 15. Juli den militärischen Katastrophenalarm aus. Damit wurden Entscheidungsinstanzen weit nach vorn gelegt – dorthin, wo sie benötigt wurden. Bundesweit wurden schnell alle Kräfte angewiesen, nötiges Großgerät schnell verfügbar zu machen.

Mit als erstes im Einsatz waren Soldatinnen und Soldaten des Panzerpionierbataillons 130 aus Minden. Sie trafen am 15. Juli um 1 Uhr morgens in Hagen ein, wo große Teile der Stadt unter Wasser standen. Wenige Stunden zuvor war der Antrag der Stadt auf Hilfeleistung beim Landeskommando Nordrhein-Westfalen eingegangen.

Schnell kam auch Hilfe aus der Luft: Das Heer schickte zwei Transporthubschrauber NH90 und zwei Rettungshubschrauber LUH SAR ins Einsatzgebiet. Das war auch notwendig, denn viele Ortschaften waren nicht mehr über den Landweg erreichbar. Straßen waren unterspült worden, viele Brücken von den Fluten weggerissen.

Ein Transporthubschrauber CH-53 lädt Sandsäcke für den Dammbau ab während des Hochwassereinsatzes 2021 in Erftstadt. Foto: Bundeswehr/Sandra Süßmuth

Schnell zur Stelle waren auch die Kräfte der 7. Kompanie des Sanitätsregiments 2 aus Koblenz und der Sanitätsstaffel Einsatz aus Köln-Wahn. Am späten Abend des 14. Juli, es war gegen 23.30 Uhr, wurde in der Koblenzer Rhein-Kaserne der Alarm ausgelöst. Zehn Minuten blieben den Soldatinnen und Soldaten der 7. Kompanie des Sanitätsregiments 2 „Westerwald“, um die Sachen zu packen. Dann ging es ins Ahrtal, das von einer verheerenden Flutwelle überspült wurde.

Die Soldaten sind einsatzerfahren, als Notfallsanitäter haben sie Unfallopfer versorgt und Infarktpatienten betreut. Doch auf das, was sie im Ahrtal erleben mussten, konnte sie niemand vorbereiten. Das idyllische Tal ist zu einem Ort des Todes geworden – 134 Menschen sind dort gestorben. Aber: Die Soldaten des 2. Sanitätsregiments haben auch 150 Menschen retten können.

Die Dankbarkeit der Menschen erfahren sie noch heute: Oberfeldwebel P. hat sich mehrfach mit Menschen getroffen, die er in der Nacht vom 14. Auf den 15. Juli gerettet hat. In den Gemeinden Mayschoß und Rech hat man Feste gegeben für die Kameradinnen und Kameraden, die so mutig ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben, um anderen zu helfen.

In Ahrweiler ist Oberfeldwebel P. mit seinem Sanitäts-Unimog durch das hohe Wasser an ein Hotel herangefahren, in dem die Gäste festsaßen. Über den Balkon holten P. und seine Kameraden die Menschen auf das Dach des Fahrzeugs. Das funktionierte nicht immer. „Wir haben hier alles mitgenommen. Aber in Dernau konnten wir nicht alle Häuser erreichen“, sagt Oberfeldwebel P., der ein halbes Jahr nach der Katastrophe mit DBwV-Chefredakteur Frank Jungbluth an den Ort der Katastrophe zurückgekehrt ist. Oberfeldwebel P. und seine Kameraden sahen, wie Leichen an ihnen im Wasser vorbeitrieben.

Einsatz in Erftstadt: Die San-Einsatzstaffel aus Köln-Wahn und Kameraden aus Kerpen waren Retter in der Not während der Flut vom Juli 2021. Foto: Bundeswehr/privat

Dernau, Ahrweiler, Altenburg – dies sind die Namen der Ortschaften an der sonst so friedlich sich durch das Tal schlängelnden Ahr, die in jener Nacht aber zum Strom wurde, der alles mit sich riss. Auch Erftstadt im Rhein-Erft-Kreis hat es damals schwer getroffen. Dort waren die Soldatinnen und Soldaten der Sanitätsstaffel Einsatz aus Köln-Wahn im Einsatz. Auch sie haben ihr Leben riskiert, um Menschen aus Altenheimen zu evakuieren, Kinder, Frauen und Männer von Dächern und aus Häusern zu holen. Sie sind bis zu zwei Meter tief ins trübe Wasser gefahren, der Unimog ist eigentlich für 1,20 Meter ausgelegt, aber in dieser Nacht war das egal. Hauptsache, Menschen retten.

„Das war kein Einsatz wie jeder andere“, sagt Oberfeldwebel Nick Thiele, als er Monate später nach Blessem bei Erftstadt zurückkehrt. Blessem: Das ist der Ort, der sprichwörtlich am Abgrund stand. Am Ortsrand tat sich ein riesiges Loch auf, als die benachbarte Kiesgrube vom Wasser unterspült wurde. Ganze Häuser, Teile der Kanalisation, ein Teil der Burg Blessem wurden in die Tiefe gerissen. Oberfeldwebel Thiele: „Wir standen bis zum Bauchnabel im Wasser und waren immer auf der Suche nach Überlebenden.“

Pioniere unterstützen die Rettungskräfte in der Gemeinde Rech während des Hochwassereinsatzes. Foto: Bundeswehr/Tom Twardy

Klar ist: Ohne den schnellen Einsatz der Bundeswehr hätte es wohl noch mehr Tote gegeben. Doch auch die Überlebenden waren vielfach mit unermesslichem Leid konfrontiert: Viele verloren in einer Nacht alles, was sie sich ein Leben lang mühsam aufgebaut hatten. Betroffen waren auch viele Mitglieder des Deutschen BundeswehrVerbandes, Mitarbeiter traf es ebenfalls. Für den DBwV war klar: Hier muss schnell geholfen werden. Die Soldaten und Veteranen Stiftung und die Heinz-Volland-Stiftung, die mildtätige Stiftung des Verbandes, unterstützten Betroffene der Katastrophe mit finanzieller Hilfe, etwa bei der Unterbringung obdachloser Hochwasseropfer in Pensionen und Hotels. Viele Menschen kamen dem Spendeaufruf der Stiftungen nach - mehr als 100.000 Euro konnten so für die Hochwasseropfer gesammelt werden.

Andere packten ganz einfach mit an. Oberfähnrich Hülya Süzen, stellvertretende Vorsitzende Luftwaffe im Bundesvorstand, verbrachte ihre Kindheit an der Ahr. Süzen sagte ihrem Vorgesetzten, dass sie in dieser Situation nicht einfach ins Büro kommen konnte, nahm Urlaub und fuhr in ihre alte Heimat, um zu helfen. „Es ist wie im Kriegsgebiet“, sagte sie damals im Interview mit dem SWR.

Einer von jenen, die alles verloren, war Major Achim Gasper. Der Major der Luftwaffe, 38 Jahre alt, ist mit einer liebevollen Frau verheiratet, sie trägt das gemeinsame Kind unter ihrem Herzen. Im September soll es zur Welt kommen. Ein Glück, das Achim Gasper seit der Nacht, als der Tod ins Ahrtal kam, nicht mehr für möglich hielt. Ahrweiler-Altenburg, 600 Seelen, darunter auch viele Menschen der großen Familie Gasper, die hier, in der malerischen Gemeinde, seit Generationen verwurzelt ist, wurde von der Flutwelle verwüstet, die meisten Häuser verschlungen.

Achim Gasper verlor das Haus, das seine Frau und er für sich in jahrelanger Arbeit renoviert hatten. Seine 90-jährige Oma ertrank in ihrem Haus im kalten Wasser, das Haus wurde weggerissen. Die Reste des historischen Fachwerksbaus sind inzwischen abgerissen. Das Haus seiner Eltern wurde ebenso mit Baggern abgerissen, es war nach dem Wasserschaden nicht mehr zu retten. Einzig das Haus seines Bruders wird derzeit wieder aufgebaut. Er hatte Glück und vor allem war er nicht versichert. Denn so konnte er staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Achim Gasper und seine Frau dagegen müssen sich mit Gutachtern auseinandersetzen und mit Versicherungsagenten streiten. Die Assekuranz weigert sich, zu zahlen oder bietet lächerliche Summen, die den Wert des Hauses der Familie Gasper bei weitem nicht widerspiegeln.

„Was wir da erleben, ist nicht nur entwürdigend, sondern ehrabschneidend. Ich bin enttäuscht, dass man die Versicherer so davonkommen lässt. Da müsste die Politik einschreiten und dafür sorgen, dass die Versicherung ihrer Pflicht nachkommt“, sagt Achim Gasper. Mal unterstellte die Versicherung, die Gaspers wollten aus dem Schaden durch die Flut ein Geschäft machen. Mal behauptete man, die Kosten für den Innenausbau in ihrem Haus seien zu hoch angesetzt. Gasper: „Da ging es sogar darum, ob wir wirklich diesen und jenen Wasserhahn eingebaut hatten, oder ob wir die Preise für die Fliesen viel zu hoch ansetzen würden, um einen Reibach zu machen.“

Achim Gasper lebt jetzt seinem Jahr in der Ferienwohnung der Großmutter seiner Frau in Münster. Die Heimat werden er und seine Frau so schnell nicht wiedersehen. „Es ist eine sehr belastende Situation. Vor allem deshalb, weil wir keinen Ausweg sehen, wir auf Gedeih und Verderb auf andere angewiesen sind.“

Major Achim Gasper, der auch Mitglied des deutschen Invictus-Teams ist, verlor sein Haus in der schwer getroffenen Gemeinde Altenburg. Foto: privat

Das Haus der Gaspers steht mit verbarrikadierten Fenstern im kleinen Altenburg. „Wenn die Leute unseren Garten sehen, dann sehen sie sofort, was uns widerfahren ist“, sagt Gasper. Die Räume im alten Haus sind kahl, die Fußböden nicht vorhanden, die Wände kahl, an einer hängen noch die Reste eines Hochzeitsfotos des Ehepaares. Lediglich ein paar Säcke mit Habseligkeiten sind im Haus gelagert. Es ist nicht viel, aber das wenige ist ein Schatz für Achim Gaspert, dessen Leben und Erinnerungen fast komplett ausgelöscht sind.

„Es gibt keine Baby- und Kinderbilder mehr, die sind im Haus meiner Großeltern und meiner Eltern untergegangen. Unser Gästebuch von der Hochzeit ist hier in den Fluten versunken“, erzählt er von den schlimmsten Stunden seines Lebens. Achim Gasper konnte in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 mit letzter Kraft seine Frau aus dem Keller ziehen. Sie wollte nur kurz runter, um ein paar Habseligkeiten zu retten. Das Wasser stieg ihr innerhalb von wenigen Minuten bis zum Hals.

Im Haus der Gaspers: An einer Wand hängen noch die Reste eines Hochzeitsfotos des Ehepaares. Foto: privat

Ihr Haus, die leere Hülle, ist nach dem Flut-Unglück so von Schadstoffen befallen, dass Gutachter den Aufenthalt nur mit Schutzausrüstung verantworten können. „Eigentlich muss es abgerissen werden“, weiß der Major Achim Gasper. Aber die Versicherung lässt ihn ja nicht.

Früher war es malerischer Blick auf Altenburg im Ahrtal, wenn man von oben vom Ahr-Wanderweg durch ein kurioses Fenster in einer Felsformation blickte, das die Natur geschaffen hatte. Die Altenburger haben diese Öffnung das Teufelsloch genannt. Wenn man heute von oben ins Tal auf Altenburg schaut, spürt man lähmendes Entsetzen angesichts der Verwüstung dort.