Kirchengeschichte (KG) hat es mit der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Jesu Christi zu tun. Deshalb will sie hinter den historischen Fakten auch die Geschichte dessen aufspüren, der durch den Heiligen Geist in der Kirche und durch die Kirche das Reich Gottes wirkt: Jesus Christus!
- Wie haben sich die Kirchen vom Missions- und Dienstauftrag Jesu bestimmen lassen?
- Wie wurde das Evangelium im Lauf der Zeiten jeweils geglaubt und gelebt?
- Wie wurde die Offenbarung Gottes in Jesus Christus Ausgangspunkt für alles Denken?
Die Geschichte der Kirche ist im ureigensten Sinne die Geschichte Jesu Christi in unserer Welt. Kirche ist nach dem Neuen Testament «Leib Christi» (1. Korinther 12, 13 ff; Epheser 4, 11 ff). Wer sie verfolgt, verfolgt Christus (Apostelgeschichte 9, 4).
Kirche ist nach dem Neuen Testament «Leib Christi». Wer sie verfolgt, verfolgt Christus.
Licht und Schatten in der Geschichte der Kirchen
Die verschiedenen Begriffe für Kirche im Neuen Testament beschreiben aber auch eine reale Gemeinschaft und Versammlung von Menschen – zwar aus dem Heiligen Geist geboren, aber als sichtbare Gruppe Gleichgesinnter auch soziologisch fassbar.
Hier bricht nun für alle, die den Weg der Kirche durch die Jahrhunderte hindurch kennen, eine tiefe Not auf: Wenn doch die Gemeinde in der Leitung des Heiligen Geistes das Wirken Christi in der Welt darstellt – warum ist die Kirchengeschichte nüchtern betrachtet auch «ein Mischmasch von Irrtum und Gewalt» (J. W. Goethe)? 2013 hat der Schriftsteller Karlheinz Deschner seine zehn Bände umfassende «Kriminalgeschichte des Christentums» beendet. Er wollte den himmelschreienden Widerspruch zwischen den Worten und Taten Christi und denen der Christen resp. der Kirchen aufdecken. Das organisierte Christentum, die Institution Kirche und jeder fromme Zirkel seien unglaubwürdig, «Freiheit von Religion» sei endlich angesagt!
Schon Martin Luther hat dieses Problem als heftige Anfechtung empfunden. Trost und Halt fand er in der Unterscheidung der sichtbar äusseren von der unsichtbar verborgenen Gestalt der Kirche. Als reale Lebens- und Dienstgemeinschaft kann sie als «Stadt auf dem Berge sowie Salz und Licht in der Welt» Geschichte und Gesellschaft sichtbar prägen und nachhaltig beeinflussen, aber auch «dumm, wirkungslos und schädlich werden» (Matthäus 5, 13 ff). Von beidem – den Segensspuren und den Irrwegen – erzählt die KG.
Aber jetzt schon die Grenzen zwischen wahrer und falscher Kirche zu ziehen – dieses richtende Urteilen hat uns Jesus untersagt (Matthäus 7, 1 ff; 13, 24 ff). Vielmehr leitet Er uns an, eine merkwürdige Parallelität wahrzunehmen: Gottes Königsherrschaft wirkt schon jetzt in und durch Kirche als «Leib Christi» in der Welt! Gottes Königsherrschaft ist noch nicht vollumfänglich und umfassend da, aber sie kommt!
Geheimnisvolles und Widersprüchliches in der Alten Kirche
Die KG ist also die Geschichte Gottes mit der «Gemeinschaft der Heiligen» in der Welt – aber noch in der Verhüllung und Niedrigkeit. Es gehört zum Geheimnis Gottes, dass Er sich nicht anders in unserer Welt bemerkbar macht:
- Jesus Christus – wahrer Mensch und wahrer Gott
- die Bibel – wahres Menschenwort und wahres Gotteswort
- die Kirche – wahre Körperschaft von Menschen und wahrer Leib Christi
- Himmlisches und Irdisches, Göttliches und Menschliches – sie vermischen sich noch, bis diese Weltzeit von der Neuen Welt Gottes abgelöst wird.
Dieses Ineinander von menschlichem Handeln und göttlichem Geistwirken hat die Alte Kirche im 1. bis 5. Jahrhundert erlebt, als sie die Dreieinigkeit Gottes nach langen theologischen Auseinandersetzungen endlich als ein unerklärbares Paradox, als ein unfassbares Geheimnis nicht nur erkannt, sondern auch demütig anerkannt hat. Das Nicänische Glaubensbekenntnis 381 n. Chr., das Bekenntnis von Chalcedon 451 n. Chr. und das grossartige Athanasianum aus dem 6. Jahrhundert entfalten in grossartiger Weise das Wunder der Selbstoffenbarung des dreifaltigen Gottes hinein in unsere Welt. Deshalb gehören diese Texte bis heute zum ökumenischen Glaubensgut und werden in allen Konfessionen liturgisch gefeiert!
Das Ineinander göttlichen und menschlichen Wirkens in der Geschichte der Gemeinde setzt sich auch nach Pfingsten in den jungen Gemeinden des östlichen Mittelmeerraumes fort.
Ein Blick auf die Entwicklungen der Kirche im römisch-hellenistischen Kulturkreis, bis sie nach der Völkerwanderung zur Kirche des Mittelalters wurde, bestätigt: Das Ineinander göttlichen und menschlichen Wirkens in der Geschichte der Gemeinde setzt sich auch nach Pfingsten in den jungen Gemeinden des östlichen Mittelmeerraums fort. Wie sollte es auch anders gewesen sein?
Seit der apostolisch-nachapostolischen Zeit wird um den rechten Glauben, die rechte Erkenntnis der Wahrheit und die rechte Nachfolgeethik gerungen. Die Briefe der Apostel im Neuen Testament bilden den Anfang und bilden für die Zukunft der Kirche die verbindliche Grundlage für Glauben und Leben.
Sowohl von innen als auch von aussen ergaben sich ständig neue Fragestellungen, die nach Antwort verlangten. Einige seien hier genannt:
- Müssen Glaube und Gnade nicht durch gute Werke, Gesetzesgehorsam (Thora, Beschneidung) ergänzt werden?
- Wie lässt sich der Christusglaube vernünftig und logisch verstehen?
- Lässt sich der Christusglaube nicht durch spirituelle Spekulationen bereichern und durch philosophische Begriffe besser verstehen?
- Braucht es nicht zur Heilsvermittlung spezielle Riten, Fest- und Fastentage, kirchenamtlich legalisierte Sakramente, einen Klerus und spirituelle Leitfiguren?
Diesen und anderen Problemen von damals detailliert nachzugehen, wäre wichtig, weil sie nämlich viele aktuelle Fragen nach dem Kirche-sein berühren!
Die Verantwortung des Menschen in Gottes Geschichte
Warum aber hat Gott den ersten Generationen das Nachdenken, Reflektieren, Entscheiden und Experimentieren nicht abgenommen, um Konflikte zu vermeiden?
- Warum nur dauerten diese Klärungsphasen mitunter Jahrzehnte?
- Warum ging es in vielen Auseinandersetzungen so turbulent zu und her?
- Warum gab es dabei so viele Kollateralschäden und menschliche Opfer?
- Warum gab es dann oft plötzlich Einsicht, Erkenntnis, Wahrheit und Versöhnung?
Die Antwort bleibt Gottes Geheimnis.
Fazit
Erstaunlich bleibt insgesamt aber, dass diese mühevollen menschlichen Reibungen schlussendlich wertvolle Entscheidungen reifen liessen. Sie haben sich als göttliches Geschenk erwiesen, sich nachhaltig bewährt und die Kirchen gefestigt und gestärkt!
Insofern eignet sich die «Alte Kirche» als Lernort für unseren kirchlichen Weg in postchristlicher Zeit mehr als jede andere Epoche der Kirchengeschichte.