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Musik – das besondere Geschenk Gottes

"Das Konzert ist mein Gottesdienst"

«Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum», meinte Friedrich Nietzsche. Nun ist der Atheist Nietzsche nicht gerade die verlässlichste Autorität, wenn es um Fragen des christlichen Glaubens geht. Aber sein Satz zeigt an, was eigentlich alle Menschen empfinden: Ohne Musik, überhaupt ohne Kunst, wäre das Leben grau.

Wer in biblischen Zusammenhängen denkt, weiss: Musik kommt von Gott. Musik weist deshalb auf Gott zurück und ist wie die Schönheit der Natur ein unübersehbares Zeichen der Existenz Gottes. Deshalb hört man oft sagen: «Ich brauche keine Kirche. Ich gehe in den Wald.» Oder: «Das Konzert ist mein Gottesdienst, das Museum ist meine Kirche.» Die Entleerung der Kirchen auf der einen und die Bevölkerung der Kulturszene auf der anderen Seite sind ein Indiz dafür, dass nicht wenige Menschen so denken. Eigentlich müssten sich Kirchen nun fragen, was das für sie heissen könnte. Denn wenn es stimmt, dass Menschen in der Musik und auch in anderen Künsten etwas «Göttliches» finden, müsste dies auch die Gottesdienste prägen! Dafür gibt es nun die Kirchenmusik. Aber könnte oder müsste man sogar über die Kirchenmusik hin­ausdenken?

Musik kommt von Gott. Musik weist deshalb auf Gott zurück und ist wie die Schönheit der Natur ein unübersehbares Zeichen der Existenz Gottes.

Musik bringt das Wort zum "Leuchten"

Zunächst aber zur Kirchenmusik. Nehmen wir einmal stellvertretend für viele alte und neuere Komponisten den grossartigen Johann Sebastian Bach. Bekanntlich hat man ihn den fünften Evangelisten genannt. Bachs Musik, die aus seinem spürbar gelebten Glauben kommt, gibt der biblischen Botschaft eine wunderbare Gestalt und lässt niemanden gleichgültig. Seine Musik spricht wie jede gute ästhetische Form über den Verstand hinaus (aber nicht unbedingt am Verstand vorbei!) seelische Tiefenschichten, das «Herz», an. Von einer Arie oder einem Choral in der Johannespassion werden wir zutiefst berührt, wir «gehen mit». Wir gehen anders und «ganzheitlicher» mit, als wenn wir den entsprechenden Text nur lesen. Die Musik bringt das Wort neu zum «Leuchten».

Kirchenlieder: Wer singt, betet doppelt

Weil nun solche Musik das Herz bewegen kann, singen wir auch Kirchenlieder. Wir lassen uns die biblische Botschaft sozusagen ins Herz hineinschreiben. Wenn Augustinus und später auch Luther gesagt haben «Wer singt, betet doppelt», so ist eben diese herzensmässige Empfänglichkeit und diese existenzielle Ergriffenheit durch die Musik gemeint. Nun können allerdings Kirchenlieder oder der Worship zur Routine werden. Dies betrifft vor allem ästhetisch anspruchslose Musik. Gute Musik, sei es Klassik, Jazz oder Pop, bleibt länger haltbar und ist irgendwie zeitlos. Hier müssen wir fragen: Was sollten wir behalten und was über Bord werfen? Jedenfalls ist es bei aller Bewahrung guter kirchenmusikalischer Schätze wichtig, dass wir immer wieder neue musikalische Formen für das Bibelwort, das Gotteslob, die Fürbitte oder die Klage finden, um alte Hör-Gewohnheiten zu durchbrechen und um die Botschaft durch eine zeitgenössische Sprache zu erschliessen. Denn nicht zufällig ruft uns Psalm 150 zu: «Singt dem Herrn ein neues Lied!» Musik kann also neben ihrer Eigenschaft, «natürliche Gotteserkenntnis» zu befördern, ein «Ort» sein, an dem man Gott begegnet, weil hier das Bibelwort auf wunderbare Weise ins Herz hineinfällt.

Singt dem Herrn ein neues Lied!
Bilder: 123rf.com

Geistliche Musik richtig verstehen

Nochmals etwas zu Bach: Wir finden in der heutigen Musikszene die starke Tendenz, geistliche Werke als «abso­lute Musik» zu verstehen, die man durchaus ehrfurchtsvoll pflegt, aber von ihrer Botschaft trennt. Eine solche Haltung lässt den Text nicht ins Herz hineinschreiben. Gottes Geist hat aber trotzdem schon manches geistliche Werk von Bach, Händel, Mendelssohn oder auch von neueren Komponisten wie Honegger, Strawinsky, Messiaen und Pärt gebraucht, um Menschen anzurühren und anzusprechen. Einer meiner Theologieprofessoren erzählte einmal, dass ihm in jungen Jahren beim Hören von Händels Arie «Ich weiss, dass mein Erlöser lebet» unverrückbar klar geworden sei, dass sein Erlöser wirklich lebt.

Die Hoffnung, dass Gottes Geist die Schallwellen kirchlicher Musik gebraucht, um Menschen das Evangelium erkennen zu lassen, entbindet allerdings nicht von der wichtigen Aufgabe, heutige Musikschaffende und Zuhörer wieder an diese Botschaft heranzuführen, wie dies etwa der japanische Dirigent und Bach-Spezialist Masaaki Suzuki tut. Er stellt die Kantaten-Texte vor den Aufführungen ins Internet und gibt dem Publikum Gelegenheit, sich eingehend mit ihnen zu beschäftigen. Immer wieder kommen nach den Konzerten Zuhörer auf ihn zu und stellen Verständnisfragen. Ebenso wichtig wäre es, christliche Musikerinnen und Musiker zu ermutigen und sie betend zu begleiten. Denn es macht einen Unterschied, ob sie an die Botschaft glauben und diese auch mit grosser Freiheit und Ausstrahlung vermitteln können oder nicht. Oft kommt es dann vor, dass eine Sängerin einen Kommentar hört wie: «Sie glauben, was Sie singen, richtig?»

Gottes Geist wirkt durch "absolute Musik"

David spielt dem König Saul auf der Leier «absolute», das heisst text-freie Musik vor, und dieser erfährt Befreiung von einem bösen Geist. Eine Organistin erzählt, wie sie nach ihren Konzerten oft von wildfremden Menschen angesprochen wird, die ihr privateste Dinge anvertrauen. Ein Orchestermusiker berichtet davon, dass er in einer nicht-christlichen Symphonie gebetet habe: «Jesus, segne du die Menschen durch meinen langen Solopart, der gleich jetzt kommt!» Nach dem Konzert kam jemand ganz aufgewühlt auf ihn zu und fragt: «Was ist da geschehen? Ich wurde von Ihrem Flötensolo tief berührt. Und ich sah andere neben mir, die sich die Tränen abwischten. Was haben Sie da gemacht?» Nun, der Musiker hatte gebetet. Der Heilige Geist kann also «absolute» Musik gebrauchen, um eine Gotteserfahrung zu schenken.

Wir bei Crescendo erfahren dies oft im Kontext von Gottesdiensten und Gebetszeiten. Da spielen Musikerinnen und Musiker mit einem auf Gott gerichteten «hörenden Ohr» und lassen den Geist spontan ihre musikalischen Improvisationen leiten. Daraus entstehen dann ganz neue Klänge und erstaunliche Momente des Zusammenspielens, die einen Segen freisetzen oder auch neu ins Lob und in die Fürbitte hineinführen können.

Gott braucht Musik, um uns an Seine Existenz zu erinnern, um uns in Seine Gegenwart zu ziehen, um uns Sein Wort ins Herz zu schreiben, um uns zu helfen, «doppelt zu beten». Und schliesslich, um uns durch Seinen Geist anzurühren, zu bewegen und zu segnen.
Beat Rink, Pfr. (64), verheiratet mit Airi Neu­vo­nen. Zusammen haben sie drei erwachsene Kinder. Er ist Gründer und internationaler Leiter von Crescendo, einer christlichen Bewe­gung von professionellen Musikern, Musikstudenten und Tanzschaffenden. Beat Rink studierte Germanis­tik, Geschichte und später Theologie. Er ist daneben auch schriftstellerisch tätig. www.beatrink.ch