Ganz schön viel passiert an der Uni Ein unvergesslicher Geruch durchzog die Bibliothek, jeder Ausleihe ging eine zeitraubende Zettelwirtschaft voraus. Studierende heckten politische Aktionen aus, sie besetzten den Dom und organisierten Ferienfreizeiten in einer Kneipe. Diese Geschichten kommen ans Licht, wenn sich Absolventen im Jubiläumsjahr der Uni Trier auf die Suche nach Spuren ihrer Studienzeit Machen. Auch ein Professor blickt zurück in Zeiten, in denen es auf dem gesamten Campus genau zwei Projektoren gab.
Hedi Meyer hat zweimal an der Universität Trier studiert. Von 1984 bis 1992 und von 2000 bis 2008 besuchte die heutige Lehrerin regelmäßig die Bibliothek, um nach Büchern für Ihre Fächer Politikwissenschaft, Germanistik und Soziologie beziehungsweise Geschichte und Hauswirtschaftslehre zu suchen. Einen Besuch in der „Bib“ empfindet sie heute als Rückkehr zu ihren akademischen Wurzeln. Sie erzählt von ihren Erinnerungen - und staunt, was sich alles verändert hat.
Als Hedi Meyer zum ersten Mal studierte, durchzog noch Fettgeruch die Räume der Bibliothek: Im Untergeschoss war die Mensa untergebracht. Heute birgt diese Ebene das Bibliotheks-Magazin. Eine weitere Änderung: Es ist frei zugänglich. „Früher musste man einen Ausleihschein für das Magazin ausfüllen und abgeben“, erzählt Meyer, während sie die enge Wendeltreppe hinuntersteigt. Erst am nächsten Tag konnten die gewünschten Bücher dann am Zentralschalter abgeholt werden. In Hedi Meyers zweitem Studium waren die Räume bereits für die Allgemeinheit geöffnet. „Es war immer ein gruseliges Gefühl, hier unten zu sein. Die Enge. Wenige Menschen. Und die Menge an Büchern, die war überwältigend“, sagt Meyer. Trotz der gespenstischen Atmosphäre verbrachte Meyer gerne Zeit auf Büchersuche: „Als das Magazin zugänglich wurde, habe ich hier viel gestöbert, weil es was Neues war. Irgendwann verging dieser Reiz aber.“ An diesem Tag greift Hedi Meyer nach einem Buch zur Lehre in der Schule: „Das reicht mir. Ich habe die Schlepperei der vielen Bücher früher immer gehasst.“
Hedi Meyer bezeichnet die Bibliothek als „Ort der Entdeckung“. Sie suchte stets nach neuen, interessanten Büchern. „Mein Lieblingsplatz war in der Nähe der Politikwissenschaft.“ Meyer manövriert durch die Lesesäle, als ob sie immer noch Studentin wäre. Auf dem Weg kommentiert sie Veränderungen: Die Großfläche für das Einzel-Lernen bietet mehr Platz als früher. Wo früher Karteikästen standen, ist nun der Computer-Pool. Und die heutigen Gruppenräume dienten früher als Leseräume für Lektüren, die nur unter Aufsicht benutzt werden durften. „Doch die Lesesäle an sich sind gleichgeblieben.“ Am Regal der Politikwissenschaft liest sie viele neue Namen - und einen bekannten: „Prof. Dr. Jun! Mal schauen, was er heutzutage so unterrichtet.“ Sie greift zu einem Buch aus dem Semesterapparat ihres ehemaligen Professors und setzt sich an einen Fensterplatz, um darin zu stöbern.
Zurück am Zentralschalter der Bibliothek, legt Meyer das Buch auf die Theke. Die Mitarbeiterin scannt den Code, Meyer legt ihren Bibliotheksausweis auf das Kartenlesegerät. Ausleihe abgeschlossen. „Das ist natürlich wesentlich schneller als damals!“ Von Hand mussten Ausleihzettel ausgefüllt werden. „Ging es um viele Bücher, war das ein Kraftakt. Vor allem bei Fern- und Magazinleihen.“ Während sie noch mit der Angestellten am Zentralschalter witzelt, erzählt sie: „Ich habe sehr viele Bücher zu spät zurückgegeben. Aber das Personal war immer zuvorkommend!“ Ein Mitarbeiter der Bibliothek habe einmal alle Werke von Marx und Engels zu ihrem Wohnheim gekarrt.
Liesel Rieker hat von 1977 bis 1986 Pädagogik an der Uni Trier studiert und ihren Abschluss als Diplompädagogin gemacht. Damit war ihre Zeit auf dem Campus allerdings noch nicht zu Ende: Sie arbeitete weitere dreieinhalb Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Seit 1995 ist sie in Trier als Unternehmensberaterin tätig. Zu vielen Weggefährten von damals pflegt sie auch heute noch ein enges Verhältnis, wie sie auf der Suche nach den Spuren ihres Studentenlebens erzählt, die quer durch die Trierer Innenstadt führt.
Kaum sitzt Liesel Rieker vor dem Astarix, da holt sie einen braunen Umschlag hervor. Darin sind Dutzende Fotos, die zeigen, wie sie und ihre Kommilitonen als Studierende gelebt haben. Zu sehen sind Szenen einer Dombesetzung als politische Protestaktion gegen das geplante atomare Endlager in Gorleben oder Bilder ihrer WG. Seit ihren Studienjahren ist Liesel Rieker politisch aktiv. Sie kämpfte für Frauenrechte, gegen Atomkraft und gegen Kriege. „Wir waren die Generation nach den 68ern.“ Sie habe den Eindruck, dass die Jugend aktuell wieder politisch aktiver werde, sagt sie.
Mit dem Astarix verbindet Liesel Rieker einige Erinnerungen. Die Bedienung arbeitet seit der Gründung 1979 in diesem Lokal, das eng mit den Leben der Studierenden verbunden war und ist. Der Name spielt auf den Allgemeinen Studierendenausschuss Asta an, der die Kneipe eröffnete. „Wir wollten in die Stadt, unter die Menschen, runter von unserem Elfenbeinturm.“ Wo heute die Küche ist, wurden früher politische Aktionen geplant. Rieker erzählt von einer Bibliothek dort mit Büchern, die sich nicht in den Regalen der konventionellen Büchereien fanden, sogenannte graue Literatur. Auch die KATZ (Kleine Alternative Trierer Zeitung) gab es hier zu kaufen. Sie blättert in den vergilbten Seiten dieses Magazins und schwelgt in Erinnerungen.
In der Christophstraße, unweit der Porta Nigra, befand sich in den Jahren 1978/79 Liesel Riekers WG, in einer alten Gründerzeitvilla. „Wir waren zwischen sieben und acht Bewohner. Außerdem war ständig Besuch da.“ Die Miete teilten die Studierenden nach einem innovativen Konzept: „Wir zahlten nicht nur nach Größe, sondern wir maßen auch die Lautstärke der Straße.“ Sie selbst wohnte im kleinsten Zimmer, mehr als eine Matratze und ein paar Möbel passten nicht hinein. Aber das war auch gar nicht nötig. Es wurde musiziert, gespielt, man plante politische Aktionen. Liesel Rieker schwärmt vom Gemeinschaftsgefühl. Sie zeigt Fotos ihrer Mitbewohner. „Wir treffen uns noch heute regelmäßig.“ Ob in Kanada, Trier oder Freiburg, die Studienzeit verbindet sie fürs Leben.
Die Kommunikation untereinander war damals, lange, bevor es Smartphones und WhatsApp gab, schwieriger. Liesel Rieker verabredete sich mit ihren Kommilitonen spontan oder per Telefon. „Früher war das viel verbindlicher. Man konnte ja nicht so einfach ein Treffen kurzfristig verschieben.“
Die Reise zurück ins Studentenleben der Uni-Anfangsjahre führt schließlich zum Schwach und Sinn - oder zur Grünen Oase, wie das Lokal heute heißt. „Mit der damaligen Kneipe hat das nicht mehr viel zu tun“, sagt Rieker. Sie erzählt vom Biergarten, mit dem sie viele Erinnerungen verbindet. „Das ist der schönste in Trier, so grün und verwachsen.“ Im Schwach und Sinn hat Rieker auch einige Jahre gejobbt. Viel mehr als nur eine Arbeit sei das gewesen, sagt sie.
Eröffnet zur Finanzierung des Nachbarschaftsladens Nabala und zur Stadtteilarbeit, gab es in der Kneipe Hausaufgabenbetreuung, Ferienfreizeiten wurden veranstaltet, sie war eine Zelle für kulturelle Veranstaltungen. „Es war eine Politkneipe.“ Ein alter Begriff, aber die beste Beschreibung, sagt Rieker. Auch Kabarett gab es - und einen Kneipenchor. Liesel Rieker war dort stolze Mitsängerin. Aus ihrer Baumwolltasche zieht sie ein rosa T-Shirt hervor, das Bühnenoutfit des Chors. Auf der Vorderseite ist eine Punkerin zu sehen - und die Worte „NO MEANS NO!“ Auch zu ihren Mitsängerinnen pflegt Liesel Rieker bis heute engen Kontakt. Solche Kneipengruppen gebe es in dieser Form nicht mehr, und auch der Gemeinschaftssinn, den sie als Studentin erlebt habe, sei zurückgegangen.
Hans-Jürgen Bucher wurde 1997 zum Professor für Medienwissenschaft an die Universität Trier berufen. Abgesehen von einer Gastprofessor an der Hamline University in St. Paul im US-Bundesstaat Minnesota 2001 lehrte und forschte er bis zu seiner Emeritierung 2019 auf dem Campus in Tarforst. Er überschaut damit mehr als 20 Jahre an der Trierer Uni - der perfekte Interviewpartner, um nachzuhaken, wie sich Forschung, Lehre und das Verhältnis von Studierenden und Dozierenden in dieser Zeit verändert haben.
Ist das Verhältnis zwischen Studierenden und Dozierenden in den letzten Jahrzehnten anders geworden? Da muss Hans-Jürgen Bucher keinen Augenblick überlegen. Eindeutig hierarchischer sei die Beziehung heute. Ein Grund dafür sei die Altersdistanz, die sich erheblich vergrößert habe. Durch den Wehr- und Zivildienst und häufig auch eine vor dem Studium abgeschlossene Berufsausbildung seien Studienanfänger früher älter gewesen und hätten die eine oder andere experimentelle Phase ihres Lebens hinter sich gehabt. „Heute ist Uni mehr wie das dreizehnte Jahr Schule geworden“, sagt der pensionierte Professor. „Der Betreuungsaufwand hat sich entsprechend erhöht, und auch in den Sprechstunden sind die Dozenten heute zunehmend mehr Lehrer als Gesprächspartner.“
Auch die Lehre an sich ist heute eine andere. Die Medienwissenschaft habe sich von Anfang an auf die digitale Welt eingestellt. Selbstverständlich war das nicht. Lachend erzählt Bucher, dass zunächst auf dem gesamten Universitätsgelände nur zwei sperrige Projektoren zur Verfügung standen. „Heute dagegen sind Vorlesungen ohne Beamer für die meisten einfach unvorstellbar.“ Den eigenen Laptop zu Beginn der Lehrveranstaltung mit dem Projektor zu verbinden, gehöre heute zur Routine jedes Dozenten.
Als Medienwissenschaftler setzte Hans-Jürgen Bucher auch auf die sozialen Medien und die damit verbundenen Interaktionsmöglichkeiten. „Mit Hilfe einer Twitterwall habe ich meinen Studierenden jahrelang eine unmittelbare Reaktionsmöglichkeit geboten“, erzählt er und zeigt auf einen links vom Rednerpult angebrachten Bildschirm. „So konnten sich die Studierenden niederschwellig artikulieren und austauschen.“
Als Hans-Jürgen Bucher 1997 nach Trier berufen wurde, kam er als Professor für Printmedien. Schnell sei klar geworden, dass dies eine zu enge Auslegung war, erzählt Bucher. Er habe von Anfang an auch die Onlinemedien im Blick gehabt. Am Computer in seinem Büro klickt sich der emeritierte Professor durch zahlreiche Forschungen, an denen er beteiligt war. Vom Internet in China reicht die Bandbreite bis hin zu Blickaufzeichnungen multimodaler Arrangements.
Während die Digitalisierung als Forschungsgegenstand von Beginn an eine ebenso wichtige Rolle spielte wie heute, hat sie die methodischen Möglichkeiten revolutioniert. Auch die Internationalisierung der Forschung habe zugenommen, sagt Bucher. Interkulturelle Vergleiche etwa seien in seinen Studien zunehmend wichtig geworden.
Diesen Beitrag haben Studierende des Fachs Medienwissenschaften an der Uni Trier in einer Lehrveranstaltung des Trierischen Volksfreunds erstellt.
Redaktion und Texte: Katharina Hopf, Darius Mees, Sebastian Pink
Fotos: Katharina Hopf, Darius Mees, Sebastian Pink, Universität Trier/Jenna Theis
Projektleitung: Inge Kreutz