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Krieg in der Ukraine: Eine Woche, die die Welt verändert hat Von Yann Bombeke

Eine knappe Woche Krieg in Europa, eine Woche, in der die Welt, in der wir leben, zu einer anderen geworden ist. Seine Kriegsziele in der Ukraine scheint Russlands Machthaber Putin noch nicht erreicht zu haben. Dafür hat er einen geeinten Westen hervorgebracht, die NATO wirkt plötzlich gar nicht mehr so „hirntot“ und sogar die EU ist auf einmal in der Lage, schnelle und wirksame Entscheidungen zu treffen. In der Ukraine sehen wir einen als „Politclown“ zuvor wenig ernst genommen Präsidenten, der in der Krise über sich hinauswächst und zum Vorbild für sein tapfer kämpfendes Volk wird. Und wir sehen einen Despoten in Moskau, der, weil er sich offensichtlich nicht mehr anders zu helfen weiß, mit der Atomkeule droht. Ein Rückblick.

Der 24. Februar 2022 wird ein Datum sein, das sich auf ähnliche Weise ins kollektive Gedächtnis einbrennen wird wie der 11. September 2001 vor mehr als 20 Jahren. Es gab eine Welt vor 9/11 und es gab eine Welt danach. Und so ist die Welt nach dem 24. Februar 2022 eine andere als zuvor. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach vor dem Bundestag von einer Zeitenwende. Er hat recht. Am 24. Februar entschied sich Wladimir Putin, den Weg des Völkerrechts endgültig zu verlassen und – allein das markiert eine Zäsur – seine Panzer in die Ukraine, einen unabhängigen Staat in Europa, rollen zu lassen. Von einer „militärischen Spezialoperation“ redet die russische Seite und versucht, dieses Bild eines begrenzten Einsatzes seinem Volk und der Welt zu verkaufen. Mit begrenztem Erfolg.

Mit massiven Luftangriffen begann am 24. Februar der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Foto: Sergey Kozlov/EPA

Denn die Dinge laufen auch am sechsten Tag dieses Krieges wohl nicht so, wie es sich Wladimir Putin vorgestellt hatte. Man kann es sich jedenfalls kaum vorstellen, dass das Ziel der Planer im russischen Generalstab ein solcher Verlauf der „Spezialoperation“ war. Mit einem massiven Angriff gleich zu Beginn, einem sogenannten Enthauptungsschlag, begann der russische Einsatz. Die Luftangriffe galten ausgewählten militärischen Zielen, insbesondere der ukrainischen Luftwaffe und Luftabwehr, um schnell die Lufthoheit zu erringen. Ein schneller Vorstoß zielte auf die Hauptstadt Kiew. Dabei wurde auch Luftlandetruppen zum Einsatz gebracht, die den Flughafen von Gostomel nahe der Hauptstadt unter ihre Kontrolle bringen sollten. Weitere russische Einheiten überschritten die Grenze von der besetzten Krim aus, in der Donbass-Region und im Nordosten des Landes nahe der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw.

Anfangs überrascht, reagierten die personell und materiell deutlich unterlegenen ukrainischen Streitkräfte sehr schnell und effektiv. In den sozialen Medien sind inzwischen eine Fülle von Videos zu finden, die lange Kolonnen ausgebrannter Fahrzeuge zeigen. Bei aller Vorsicht in der Bewertung dieser oft schlecht nachprüfbaren Aufnahmen ergibt sich doch ein Gesamtbild: Russland stößt auf unerwartet heftige Gegenwehr. Weitere Bilder zeigen auf Feldern oder Straßen verlassene, offensichtlich unbeschädigte Militärtechnik – es sieht so aus, als sei vielen russischen Einheiten bei ihrem Vorstoß der Treibstoff ausgegangen. Ein Video, das auch in zahlreichen Medien veröffentlicht wurde, gibt einen skurrilen Dialog zwischen einem ukrainischen Autofahrer und russischen Soldaten wieder. Der Autofahrer hält neben einem Schützenpanzer, der am Straßenrand steht. Der Fahrer fragt, was los sei. „Wir haben keinen Sprit mehr“, sagen die Russen. Der Autofahrer: „Soll ich euch abschleppen – zurück nach Russland?“ Alle lachen.

Seltsame Szenen eines Krieges, der jedoch immer blutiger ausgetragen wird. Beruht der Mangel an Diesel bei den russischen Kräften auf einer schlecht geplanten logistischen Kette? Vielleicht auch das. Aber ukrainische Einheiten scheinen gezielt gegen die Nachschublinien der Invasoren vorzugehen. Und das auch aus der Luft: Trotz der von russischer Seite verkündeten Lufthoheit ist die ukrainische Luftwaffe offenbar immer noch in der Lage, Gerät in die Luft und zum Einsatz zu bringen. Als besonders wirksam erweisen sich auch in diesem Konflikt bewaffnete Drohnen. Die Ukraine verfügte vor Kriegsausbruch über etwa ein Dutzend Drohnen aus türkischer Produktion: Die „Bayraktar“ kam schon im Konflikt um Berg-Karabach zwischen Armenien und Aserbaidschan zum Einsatz. Die armenischen Streitkräfte fanden kaum ein Mittel, ihre gepanzerten Fahrzeuge gegen diese Bedrohung aus der Luft zu schützen. Die Ukrainer veröffentlichen nun Bilder, die zeigen sollen, wie ihre „Bayraktar“ diverse Fahrzeuge, „Buk“-Luftabwehrsysteme und sogar einen ganzen Güterzug mit Treibstoff für die Truppen ins Visier nehmen und zerstören. Zudem gibt es Aufrufe des ukrainischen Heereskommandos, bei Angriffen gegen russische Kolonnen gezielt gegen Tanklaster vorzugehen. Der Appell richtet sich auch an Zivilisten, die sich mit „Molotow-Cocktails“ den Angreifern entgegenstellen.

In der Stadt Bucha ist die Straße mit verbrannten russischen Fahrzeugwracks verstopft. Die personellen und materiellen Verluste der russischen Streitkräfte sind hoch. Foto: Ukrainisches Verteidigungsministerium.

Als sehr effektiv erweisen sich nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums auch die Panzerabwehrwaffen, die bereits vom Westen geliefert wurden, insbesondere NLAW aus schwedischer und „Javelin“ aus US-amerikanischer Produktion. Inzwischen hat auch das russische Militär eigene Verluste eingeräumt, ohne jedoch Zahlen zu nennen. Die Ukraine gibt die Verluste des Feindes nach sechs Kriegstagen mit 5800 Gefallenen und Verwundeten an, mehr als 200 russische Soldaten seien gefangengenommen worden. Zudem seien mehr als 200 Kampfpanzer und 30 Kampflugzeuge zerstört worden. Diese Zahlen sind natürlich kaum nachprüfbar, doch die Bilder zeigen: Die russischen Verluste sind nicht unerheblich.

Zunehmend ist auch ziviler Ungehorsam zu beobachten: In Dörfern stellen sich unbewaffnete Gruppen von Menschen vor die russischen Panzer, um sie an der Weiterfahrt zu hindern. Die Parole: „Hier ist nicht Russland, hier ist die Ukraine. Geht nach Hause.“ Dass der Widerstandswille des ukrainischen Volkes so groß ist, dürfte auch an seinem Anführer liegen: Präsident Wolodymyr Selenskyj. Ein früherer TV-Schauspieler und -Komiker, der im Frühjahr 2019 in sein Amt gewählt wurde. Als Politclown wurde er vielfach belächelt und oft nicht ernst genommen – wohl auch nicht von Wladimir Putin. Doch Selenskyj beeindruckt in der wohl wichtigsten Rolle seiner Karriere. Nach einer Nacht der Attacken auf Kiew spaziert er morgens durch die Straßen und sagt seinem Volk via Instagram und Co.: „Guten Morgen. Ich bin hier.“ Als die USA ihm anbieten, ihn außer Landes zu bringen, sagt er: „Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit, ich brauche Munition.“ Größer könnten die Unterschiede zwischen Selenskyj und seinem Gegenüber in Moskau kaum sein. Es ist ein weiteres Bild, dass diesen Unterschied im Führungsstil verdeutlicht. Als Putin vor wenigen Tagen seinen Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Generalstabchef Waleri Gerassimow im Kreml empfing, saßen die beiden Uniformierten an einem schier endlos langen Tisch meterweit von ihrem Präsidenten entfernt. Auch Selenskyj veröffentlichte ein Bild von einem Treffen mit seinem Verteidigungsminister Olexij Resnikow. Es zeigt beide Arm in Arm.

Das obere Bild zeigt ein Treffen von Wladimir Putin mit seiner militärischen Führung. Unten: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit seinem Verteidigungsminister Olexij Resnikow. Foto: Twitter

Den Widerstandswillen der Ukrainer hat Wladimir Putin offensichtlich ebenso unterschätzt wie die Reaktion des Westens auf seine Aggression. Wenn die russische Politik in den vergangenen Jahren darauf abgezielt hat, den Westen zu spalten – was zumindest in Ansätzen auch immer wieder gelang – so ist die NATO heute geeint wie schon ewig nicht mehr. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron das Bündnis für „hirntot“ erklärt hatte. US-Präsident Trump bezeichnete die NATO als „obsolet“. Und heute? Nach dem minimalen Moment der Schockstarre am Morgen des 24. Februar griffen alle defensiven Mechanismen des Bündnisses so ineinander, als hätte es nie irgendwelche Dissonanzen gegeben. In seinem Tagesbefehl vom 1. März schreibt der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, dass die transatlantische Wertegemeinschaft in „herausragender Weise“ auf den Bruch des Völkerrechts durch Russland reagiert habe. Schnell werden zusätzliche Truppen an die Ostflanke verlegt: Nach Rumänien, nach Polen, in die Slowakei ins Baltikum. Das Signal ist klar. Die NATO wird die Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten garantieren. Und auch Deutschland hat sich auf den Weg gemacht, wieder ein ernstzunehmender und schlagkräftiger Partner im Bündnis zu werden. Die Einrichtung eines Sondervermögens in Höhe von 100 Milliarden Euro, um die marode Bundeswehr wieder auf die Beine zu stellen, die Ankündigung, künftig mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung aufzuwenden wie vom Bündnis gefordert – all das ein Ergebnis der „Zeitenwende“, von der Kanzler Scholz am Sonntag in seiner Regierungserklärung sprach. Und auch das beinahe ein Tabubruch: Deutschland entschließt sich, Waffen in die Ukraine zu liefern. Es geht um 1000 Panzerabwehrwaffen und 500 „Stinger“-Flugabwehrsysteme.

Ein Kämpfer der prorussischen Separatisten in der Region Donetsk. Foto: picture alliance / AA / Stringer

Noch bemerkenswerter als die Einheit im transatlantischen Bündnis ist das Vorgehen der Europäischen Union in der Krise. In Rekordzeit einigte man sich in Brüssel auf ein umfangreiches Sanktionspaket gegen Russland und insbesondere gegen seine Machtelite. Das, wofür die Europäer in der Vergangenheit Wochen und Monate brauchten, ging auf einmal innerhalb weniger Stunden. Auch damit hat Putin wohl nicht gerechnet, auch nicht mit dem Ausmaß der Sanktionen. In Russland sind schon die ersten Auswirkungen zu sehen: Mancherorts stehen die Menschen Schlange, um Geld abzuheben. Die russischen Banken haben die Sanktionen mit als erstes zu spüren bekommen. Der Rubel? Ein Absturz ins Bodenlose.

Ein weiteres Novum für die Europäische Union ist die Bereitstellung von 450 Millionen Euro für Waffenlieferungen in die Ukraine. Sogar Kampfjets aus Beständen von EU-Mitgliedstaaten waren im Gespräch. Staaten wie Polen, Rumänien, Bulgarien oder die Slowakei könnten ihre Mig-29 oder SU-25 zur Verfügung stellen, hieß es. Das ukrainische Parlament vermeldete schon stolz, dass man die Lieferung von 70 Kampfflugzeugen aus der EU erwarte – die ukrainischen Piloten seien bereits auf dem Weg, die Jets abzuholen. Doch Medienberichten zufolge dementierten die EU-Staaten, die noch die alten Modelle aus sowjetischer Produktion fliegen, dass sie Flugzeuge an die Ukraine liefern würden.

Der Protest gegen Putins Angriffskrieg regt sich auf der ganzen Welt, viele Unterstützer findet Russland nicht mehr. Selbst China hält sich auffällig zurück, dürfte die Entwicklung des Konfliktes aber mit Blick auf seine Ansprüche auf Taiwan aufmerksam beobachten. Neben den Demonstrationen in den Metropolen der Welt sind ganz außergewöhnliche Dinge zu beobachten: Selbst die traditionell neutrale Schweiz trägt die Sanktionen des Westens mit. Eine „Kriegserklärung“ erfuhr die russische Führung durch das Hacker-Kollektiv Anonymous. Die Gruppe, die in der Vergangenheit mit Cyber-Attacken mal gegen die NSA, den Islamischen Staat oder gegen Attila Hildmann vorgegangen ist, griff nach eigener Darstellung erfolgreich Seiten des russischen Staats, der Banken und der Staatsmedien an.

Die schnelle und entschlossene Reaktion des Westens, gepaart mit dem heftigen Widerstand der ukrainischen Streitkräfte, hat die Führung im Kreml zweifellos überrascht. Anders ist die Drohung Wladimir Putins mit dem russischen Nuklearwaffenarsenal nicht zu verstehen. Diese Form der verbalen Eskalation gab es zuletzt 2014, als Russland völkerrechtswidrig die Krim annektierte. Auch damals ging es darum, den Westen vor einer weiteren Einmischung in den Konflikt zu warnen.

Immer mehr Menschen flüchten vor dem Krieg über die Grenzen, wie hier in Rumänien. Foto: picture alliance / Photoshot

Wie geht es nun weiter? Vertreter Russlands und der Ukraine haben sich zu ersten Verhandlungen in Belarus getroffen. Diese Gespräche blieben ergebnislos, sollen aber fortgesetzt werden, obwohl die Erfolgsaussichten eher skeptisch gesehen werden. In den vergangenen beiden Tagen zeichnete sich eher ab, dass Russland angesichts des schleppenden Fortschritts in seinem Vormarsch in der Ukraine auf weitere Eskalation setzt. Charkiw und andere Städte wurden verstärkt mit Raketen unter Beschuss genommen, wobei auch zivile Ziele getroffen wurden. Putin hat bereits durchblicken lassen, dass die „Spezialoperation“ fortgesetzt werden soll, „bis alle militärischen Ziele erreicht seien“. Experten befürchten, dass der Krieg „noch schmutziger“ werden wird – das heißt, dass insbesondere die Zivilbevölkerung noch größeres Leid erfahren wird, als dies jetzt schon der Fall ist. Nach ukrainischen Angaben sind jetzt schon mehr als 2000 Zivilisten ums Leben gekommen. Daher ist auch mit deutlich mehr flüchtenden Menschen zu rechnen – bereits jetzt haben zig Tausende die Grenzen der Nachbarländer Polen, Rumänien oder der Slowakei überschritten. Die Lage ist verfahren: Es ist momentan kaum vorstellbar, wie sich Wladimir Putin aus dem Krieg, den er angezettelt hat, noch halbwegs ohne Gesichtsverlust herausziehen kann.