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Mittendrin im geistlichen Aufbruch von Südamerika

Thomas Vögelin

Nie im Leben hätten wir uns das träumen lassen, was wir als Missionarsfamilie seit 1987 in Chile und Argentinien und dann in weiteren 13 Ländern erlebt haben.

Mit zwei kleinen Kindern reisten wir als Missionare der Deutschen Missionsgemeinschaft (DMG) im Dezember 1986 nach Costa Rica für unseren geplanten Einsatz in Melipilla, einem kleinem Dorf in Chile, das durch ein Erd­beben schwer geschädigt wurde. Der Name des Dorfes bedeutete in der Mapuchen-Indianersprache «vier Teufel», und wir sollten auch erfahren warum.

Es fing alles ganz klein an

Mitten im Schutt des Erdbebens bauten wir eine christliche Schule auf und gründeten gleichzeitig eine Gemeinde. Diese betende Missionsgemeinde, wie sie charakterisiert wurde, wurde dann zum Geburtsort der heutigen MOVIDA-Arbeit, einer lebendigen Jugend-Missions-Bewegung in ganz Lateinamerika (https://movida-net.com/de/schweiz – MOVIDA ist ein internationales und interkonfessionelles christliches Missionswerk). Wie kam es soweit ?

In einem alten, geliehenen Zelt im Hinterhof eines Slumviertels fingen wir 1990 mit den sogenannten Missions-Camps für junge Christen aus Chile an. 23 Teilnehmer kamen und keiner von ihnen erwartete, dass dieses Sommercamp eher einem Missionskongress als einem Freizeitprogramm gleichen sollte. Wir waren aber geprägt von «Mission» in Lausanne (Internationaler Kongress für Weltevangelisation 1974 in Lau­sanne; Ausgangspunkt der Lausanner Bewegung, die Kirchen, Organisationen, Netzwerke und einzelne Christen zu mehr Engagement für die Evangelisation der Welt anregen will) und den Sommereinsätzen von new life in Walzenhausen und anderen Organisationen wie Operation Mobilisation (OM).

Unsere wenigen gesammelten Erfahrungen der ersten Jahre in Chile zeigten uns, dass in den Gemeinden ein grosses Potenzial an jungen Menschen vorhanden ist, das wir für Weltmission mobilisieren wollten. In den folgenden Jahren lernten wir in verschiedenen Ländern sehr grosse Gemeinden kennen. In Lima (Peru), Bogota (Kolumbien) oder Santiago (Chile) besuchten wir Gemeinden. In einer von ihnen fanden am Sonntag sieben Gottesdienste mit jeweils 2000 Teilnehmern statt. Bei einer anderen Gelegenheit erlebten wir, dass bei einer einwöchigen Evangelisation über 800 Menschen zum Glauben kamen. Überall trafen wir auf das gleiche Phänomen: viele junge Menschen, die nach Gottes Plan für ihr Leben fragten.

Überall trafen wir auf das gleiche Phänomen: viele junge Menschen, die nach Gottes Plan für ihr Leben fragten.

Gottes übernatürliche Hilfe

In all den Jahren habe ich über eine Million Kilometer mit dem Auto in Südamerika zurückgelegt und dabei Gottes übernatürliche Hilfe und Bewahrung erlebt. Immer wieder waren wir unterwegs, um in den Gemeinden junge Menschen für die Missions-Camps einzuladen. Einmal blieben wir im Norden Argentiniens mitten in der Nacht im Schlamm stecken und ein Traktor musste uns rausziehen; in Bolivien, auf 5000 m Höhe, blieb das Auto in einem Wasserloch stecken und ein Bus half uns weiter. Als bei einer Überquerung der Anden mit dem Auto der Motor kaputtging und wir inmitten der trockensten Wüste der Welt im Norden Chiles das Auto auf einen Lastwagen verladen mussten oder als wir Jahre später einen bewaffneten Überfall in unserem Haus erleben mussten, erkannten wir immer mehr, in welch geistlichem Kampf wir uns befanden, und erinnerten uns an den Namen des Dorfes, wo alles begann.

Missionsländer übernehmen mehr Verantwortung

Mehr und mehr lernten wir, dass die Gemeinden sich von einer Empfänger-Mentalität zu einer Sendungs-Mentalität entwickelten. Die früheren sogenannten Missionsländer übernehmen immer mehr Verantwortung. Während in vielen westlichen Ländern die Mitgliederzahlen in den Gemeinden schrumpfen, erleben andere Teile der Welt grosse Aufbrüche. Wenn sich der Trend so fortsetzt, wird Lateinamerika im Jahre 2025 der grösste christliche Teil-Kontinent sein. Allein in Brasilien zählen wir über 20 Millionen evangelikale Christen. Es scheint wirklich so zu sein, dass Gott dorthin geht, wo Er erwünscht ist. Seit unserer Bekehrung haben wir ein übergeordnetes Ziel im Leben: Ihn weltweit bekannt zu machen. Dieses Ziel bringt unsere Augen zum Leuchten. Ja – es ist die grösste Triebkraft in unserem Leben. Wir haben erlebt, dass unsere Vision und unser Auftrag, junge Menschen für die Weltmission zu mobilisieren, perfekt in Gottes Zeitplan für die Gemeinden in Lateinamerika gepasst hat.

Ein Aufbruch für Weltmission

Nach zehn Jahren Missionsarbeit in Chile wurden wir angefragt, die gleiche Arbeit auch in Argentinien zu starten. Parallel dazu wuchs der Bekanntheitsgrad der Arbeit. Immer mehr Länder luden uns ein, um diese Jugend-Missions-Camps durchzuführen. Hunderte von jungen Christen nahmen stundenlange Busfahrten auf sich, um bei einem Camp dabei zu sein, und kehrten wieder in ihre Gemeinden zurück. Viele Leben wurden in ein «Einst und Jetzt» umgekrempelt. Wir merkten, die Zeit für einen ersten inter­nationalen Jugend-Missions-Kongress (wie 1974 in Lausanne) war reif. Es galt, junge Menschen für den weltweiten Auftrag Gottes zu begeistern, praktische Missionseinsätze mit einschneidenden Erfahrungen für die jungen Leute zu organisieren und die Ge­meinden für einen interkulturellen Missionsdienst zu sensibilisieren. Es folgten Jahre mit verschiedenen internationalen Missions-Kongressen – der Aufbruch für Weltmission war unübersehbar.

Was Gott in den 30 Jahren unseres Dienstes in Lateinamerika geschaffen hat, konnten wir in lateinamerikanische Hände übergeben. Heute arbeiten über 70 Mitarbeiter, wovon die grosse Mehrheit Latinos sind, in den verschiedenen Projekten von MOVIDA mit.

Eine Drehscheibe für Mission in Europa

Hatten wir das Ziel schon erreicht? Da erinnerten wir uns an einen weiteren Teil unserer Vision. Schon damals, ganz am Anfang in Melipilla, hatten wir den Traum von einer dreimonatigen Missionsschule. Wir beteten und fasteten, damit uns Gott führen möge, wie dieser Traum in Erfüllung gehen könnte.

Die Geschichte nahm eine kuriose Wende, als wir 2014 von der ehemaligen Bibelschule new life in Walzenhausen (AR) eine Anfrage bekamen, ob wir eine Vision für ihre Liegenschaft mit 3,5 ha Land hätten. Hatten wir nicht genau dafür über 30 Jahre lang gebetet? Ein Traum ging in Erfüllung! Nach 38 Jahren Aufenthalt im Ausland kehrten wir zurück in die Schweiz, mit der festen Überzeugung, dass wir unserer Berufung bis zum Schluss treu bleiben wollen.

Walzenhausen soll zu einer strategischen Drehscheibe für Mission in Europa und der ganzen Welt werden. Junge Menschen sollen in dreimonatigen Kursen interkulturell für einen welt­weiten Missionsdienst zugerüstet werden.

Die letzten Jahre und der Start in Walzenhausen zeigten uns, dass wir vor einer gewaltigen Herausforderung stehen, die mit sehr viel Arbeit und Mühe verbunden ist. Nur mit Beharrlichkeit und langfristigem Denken werden wir lateinamerikanische Missionare für einen effizienten interkulturellen Missionsdienst ausrüsten können – und das im Kontext einer Gesellschaft, in der fünf Minuten im Rampenlicht überbewertet und lebenslange Treue unterbewertet werden.

Fazit

Auch wenn wir uns oft schwach und unfähig fühlen und uns die verbleibende Aufgabe zu gross erscheint, will ich mich an die Worte von Offenbarung 5,9 erinnern: Der grosse Tag wird kommen, an dem aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation ein neues Lied gesungen wird! Dafür zu leben und zu sterben lohnt sich.

Thomas Vögelin, 1958, verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. Er ist Gründer und internationaler Leiter von MOVIDA. Theologische Ausbildung an der Bibelschule Brake, seit 1987 als Missionar in und für Südamerika tätig.