Es wird eng
Die Landstraßen in England sind nicht übermäßig breit, das weiß man. In Cornwall sind sie aber oft so schmal, dass nur ein Fahrzeug Platz hat. Das ist normalerweise bei vorausschauender Fahrweise kein Problem, weil es in unregelmäßigen Abständen Ausweichstellen hat. Problematisch wird es, wenn bewachsene, hohe Steinmauern die Sicht versperren und die Straße so eng wird, dass rechts und links vom Fahrzeug die Straße ausgeht. Klugscheißer würden sagen, dann fährt man auf solchen Straßen einfach nicht. Nur solche Wege sind einfach typisch für Cornwall und so manches Wow-Erlebnis würde fehlen, würde man jede enge Straße links liegen lassen. Meist sind es auch nur wenige Meter, die kritisch sind.
In ein „Narrow-Road-Abenteuer“ schickte uns das Navi auf dem Weg von Redruth nach Helston – wählte als Abkürzung eine superschlanke Straße ohne Ausweichstellen auf einer Länge von circa einem Kilometer. Für den Tourneo wurde es eng. Merkten wir erst, als wir schon mittendrin waren. Zurückstoßen bei Gegenverkehr? Unmöglich. Oft war nur eine Handbreit Luft rechts und links. Weiß nicht, wer dem Infarkt näher war. Der Tourneo schaltete auf Rot und protestierte lautstark. Als wir an einer Biegung auf einen erstaunten Spaziergänger mit Hund aufliefen und ich ihn fragte, wie es weitergeht, antwortete er: „Oh it’s getting worse.“ Wir hatten Glück, es kam kein Fahrzeug entgegen.
Meine Spurensuche danach: kein Kratzer am Fahrzeug. Tiefes aufatmen. In einem Supermarkt in Helston kaufen wir alle Zutaten für ein ausgewogenes Abendessen und fahren dann Richtung Küste auf der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht. Eine fünftel Meile vor Rinsey Head soll es einen kleinen Car Park mit Platz für ungefähr 20 Fahrzeuge geben, den steuern wir an. Der Weg dorthin führt – wie kann es anders sein – über eine einspurige schmale Straße. Dort angekommen haben wir den Platz mit grandiosem Blick aufs Meer für uns ganz allein.
Rosamunde Pilcher Fans dürften Rinsey Head Cottage aus dem Film „Ghostwriter“ kennen. In dem Cottage wurden viele Filmszenen gedreht. Die Gegend drum herum ist ein Paradies für Wanderer und Naturliebhaber. An klaren Tagen kann man von hier aus bis nach Land's Ende sehen, dem nächsten Ziel unserer Reise. Wenn wir schon mal hier sind, wollen wir auch bis ans Äußerste gehen, dem westlichsten Punkt Englands.
Land's End
Land's End sehen und dann zurück über Brighton nach Dover zur Fähre, mehr ist auf unserer 9-Tage-Tourneo-Testfahrt 1 durch England nicht mehr drin. Die weißen Gebäude hier oben, mit Hotel, Restaurants und Shops interessieren uns nicht sonderlich. Allein die Parkgebühr von 6 Pfund grenzt an Abzocke. Die muss gezahlt werden, auch wenn man nur für ein paar Minuten bleiben möchte. Gerne würden wir einen Blick auf Longships, dem 22 Meter hohen Leuchtturm werfen, der 1873 erbaut wurde, aber eine Nebelwand versperrt uns die Sicht. Vielleicht wird's ja noch, denken wir und gehen entlang der Klippen wandern. Für viele Besucher ist Land's End ein mystischer Ort und es kommt vor, dass manche die Asche ihrer Toten hier in den Wind streuen.
Auch wenn uns die Sicht auf den Leuchtturm verwehrt bleibt – nur ab und zu zeigt sich die Spitze von Longships, um gleich wieder hinter Nebelfetzen zu verschwinden – wird unsere Wanderung an den Klippen entlang zum Erlebnis. Naturkino in Cinemascope, noch dazu in 3D. Der Blick aufs Meer verändert sich ständig und auf einmal kommt wie aus dem Nichts eine Wolkenwalze auf uns zu.
Auf unserer Wanderung erfuhren wir auch etwas über Flora und Fauna und aus längst vergangener Zeit. So wurden hier Material für die Herstellung von Feuersteinwerkzeugen (Messer und Pfeilspitzen) aus dem Mesolithikum (8000 bis 3000 vor Christus) gefunden. So gesehen waren die 6 Pfund gut angelegtes Geld.
Wir ziehen weiter
Mitten im Dartmoor finden wir – von der Außenwelt gut abgeschrimt – einen idealen Platz für ein weiteres Wild Camp. Der Umbau ist inzwischen zur Routine geworden und dauert keine 10 Minuten. Räder aus dem Fahrzeug nehmen, die hinteren Sitze umklappen, Liegefläche arrangieren, fertig.
Alle Campingplätze in und um Brighton sind überfüllt
Zum Glück erreichen wir Brighton früh genug und können uns nach Alternativen umsehen. Ein Wild Camp kommt hier nicht infrage, dafür ist die Region zu dicht besiedelt. iPad & Co. helfen weiter und wir finden nur 20 Meilen nordwestlich von Brighton einen Wohnwagenpark mit Campingareal, den Honeybdrige Park, eine sehr gepflegte Anlage. Als wir nach 18.00 Uhr anrufen, hebt niemand mehr ab. Wir fahren trotzdem hin. An der Rezeption hängt ein Zettel für Spätankommer. Darauf steht, frei übersetzt: ”Sucht euch einen Platz, den Rest regeln wir später.“ Meine Tochter meint, das gilt für Leute, die gebucht haben. Haben wir aber nicht. Ich antworte: „Egal, wir bleiben jetzt hier“ und bauen diesmal unser Zelt auf.
Nein, es gab keine Probleme. Alles richtig gemacht und für die 2 Tage und 2 Nächte wurden uns lediglich 38,60 Pfund in Rechnung gestellt, nur 19,30 Pfund pro Tag und das in der Hochsaison.
Brighton
Wir fahren nur bis zum Stadtrand und nehmen dann den Bus. Dieses Wochenende ist die Marine Parade, eine Art Festival und in der Nähe des Brighton Pier, wo wir hin wollen, sind viele Straßen gesperrt und die Parkplätze überfüllt.
Der Brighton Pier ist die “Vergnügungsmeile“ aufs Meer hinaus mit Spielhalle, Fahrbetrieben (Wilde Maus, Scooter usw.), Fastfood und Beautiful People.
Eine weitere Sehenswürdigkeit ist der Royal Pavilion, den Georg IV. von 1815 bis 1822 erbauen ließ, sehr exotisch im indischen Stil.
Genug des Sigtseeings, langsam müssen wir uns auf den Weg nach Dover machen, aber nicht ohne zuvor im North Laine District gewesen zu sein. Früher ein Slum-Viertel ist es heute Brighton's Bohème- und Kulturviertel mit Shops, Theatern, Cafés. Hier in der Kensington Gardens Gasse gibt es im Roly's Fudge Pantry die besten „Handmade Fudge“ der ganzen Welt, sagt meine Frau und ich muss unbedingt welche mitbringen. Wer will es sich schon mit der besten aller Ehefrauen verderben?
Goodbye Cornwall
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Credits:
Herbert Worm