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Medikamente als Luxusgut?

„Pillen-Preise an der Schmerzgrenze“ (Wirtschaftswoche) und „Pharma: Das Leid bestimmt den Preis“ (SZ.de), so lauteten in den letzten Jahren immer wieder die Schlagzeilen. Fakt ist: Die Kosten für Medikamente schnellen in ungeahnte Höhen. Warum das so ist, welche Auswirkungen das für uns alle hat und was man dagegen tun kann, darüber hat Dr. Johanna Offe kürzlich gesprochen. Eine Zusammenfassung.

Den gesamten Vortrag können Sie hier nachlesen.

Neuartige Medikamente werden immer teuer. Einige Beispiele:

  • Sofosbuvir (2015), Hepatitis-C-Medikament: 12-wöchige Behandlung mit Tabletten kostet 43.562,52 €
  • Zolgensma (2019), Behandlung von Muskelatrophie: Eine Spritze zum Preis von 2,25 Mio. € in Deutschland (einmalige Anwendung)

Quellen: BKK Dachverband (2020) / GBA Gemeinsamer Bundesausschuss (2021)

Die hohen Preise belasten die Gesundheitssysteme

  • 2020 gab die GKV 45,579 Mrd. € für Arzneimittel aus. Das ist 5,1 % mehr als im Vorjahr 2019.
  • Neue Arzneimittel kosteten 2021 durchschnittlich 52.638 € pro Packung. Zehn Jahre früher, 2011, waren es noch 902 Euro.
  • Die Hälfte der Ausgaben entfällt auf patentgeschützte Medikamente – diese werden aber nur zu 6,5 % verordnet.
  • Der Allgemeinheit entstehen hohe direkte Kosten und hohe Opportunitätskosten, weil anderes eben nicht mehr finanziert werden kann.

Quelle: Batram et al. (2022); Schröder et al. (2021); Wido (2022)

Eine weitere Folge der hohen Preise: eingeschränkter Zugang zu Medikamenten

In ehemals kolonialisierten Ländern erhalten die Patient*innen oftmals nicht die Medikamente, die sie benötigen:

  • Keine flächendeckenden Krankenversicherungssysteme, Out-of-pocket-payments: Medikamente sind oft unbezahlbar
  • Herstellerfirmen beantragen häufig keine Marktzulassung, weil Markt in diesen Ländern nicht als zahlungskräftig bewertet wird.

Aber zunehmend auch in Europa verschlechtert sich die Situation:

  • Eine Therapie mit Sofosbuvir gegen Hepatits C und Zolgensma gegen Spinale Muskelatrophie ist aufgrund der hohen Preise zum Teil eingeschränkt
  • Es gibt hohe administrative Hürden, Kosten werden nicht oder nicht vollständig erstattet und Medikamente rationalisiert.

Quelle: Ekeigwe (2019)

Treiben pharmazeutisch wirksame Grundstoffe oder die Herstellungskosten die Preise in die Höhe? Die Realtität zeigt: Medikamente könnten, einmal erforscht, gewinnbringend auch zu deutlich niedrigeren Preisen von anderen Herstellern verkauft werden.

Beispiel Sofosbuvir

Möglicher Preis: 158 €

  • Gewinn 50 %: 53 €
  • Verpackung: 1 €
  • Fomulierung: 30 €
  • Kosten für die API (aktive pharmazeutische Wirkstoffe) für 12 Wochen: 75 Euro

Preis Generikum in Indien: 430 €

Erstattungspreis in Deutschland: 43.562,53 €

Quelle: Hill et al (2016)

Die pharmazeutische Industrie begründet die hohen Preise häufig mit den hohen Kosten für Forschung und Entwicklung

Aber: die Medikamentenforschung wird mit hohen Summen aus öffentlichen Forschungstöpfen gefördert, während gleichzeitig die Industrie die tatsächlichen Kosten für Forschung und Entwicklung (R&D-Kosten) geheim hält.

Forschungs- und Entwicklungskosten im Vergleich zum Umsatz am Beispiel Sofosbuvir

Der Wirkmechanismus wurde im Rahmen öffentlich finanzierter Forschung an der Emory Universität entdeckt. 1998 wurde von beteiligten Forschern das Startup Pharmasset gegründet und klinische Studien durchgeführt. Während der letzten Phase der klinischen Studien 2012 kaufte Gilead das Startup für 11 Milliarden US$. Gilead führte Studien der Phase 3 durch und beantragte 2013 die Marktzulassung.

Gileads Umsatz mit dem Hepatitis-C-Medikament: 35 Mrd. US$ in etwas mehr als zwei Jahren nach Markteinführung

Quelle: Committee on Finance United States Senate (2015)

Preisverhandlungen am Beispiel Deutschland

2011 trat das AMNOG, das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz für neue patentgeschützte Medikamente in Kraft. Damit können die Hersteller im ersten Jahr den Preis eines neuen Medikaments beliebig festlegen. Nach diesem Jahr kommt es zu Verhandlungen mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen. Basis für diese Verhandlung ist der von den Pharmafimen bestimmte Preis. Die Rabattverträge, die die GKVen dann mit den Herstellern schließen, sind geheim.

Auch bei den Preisverhandlungen zu den Covid-Impstoffen herrschte wenig Transparenz. Auf EU-Ebene führte die Europäische Impfstoffinitiative die gemeinsamen Verhandlungen. Unter anderem war selbst Mitgliedern des EU-Parlaments die Besetzung des Verhandlungsteams weitestgehend unbekannt.

Welche politischen Möglichkeiten zur Steuerung gibt es?

Verhandlungsposition stärken:

  • Rückwirkende Gültigkeit des verhandelten Preises ab Markteintritt
  • Stärkung unabhängiger Wirksamkeitsprüfung und Verknüpfung mit Preisverhandlungen, Regelmäßige Neuverhandlung von Preisen (z.B. Italien)
  • Zusammenschluss von Ländern für Preisverhandlung

Mehr Transparenz schaffen über

  • Forschungs- und Entwicklungskosten
  • Höhe der öffentlichen Förderung
  • Ergebnisse von klinischen Studien
  • Preisverhandlungen
  • Preise und Rabatte

Öffentliche Förderung von Forschung und Entwicklung an Bedingungen für die Hersteller knüpfen, bezüglich Transparenz, fairen Preisen, globaler Lizenzierung, Wissens- und Technologietransfer

Konkurrenz erleichtern durch die Nutzung legaler TRIPS-Flexibilitäten*, wie Zwangslizenzen, der Möglichkeit von Patentanfechtungen und strengere Kriterien für die Patentierbarkeit

*Seit dem WTO TRIPS-Übereinkommen (1994) gilt 20 Jahre Patentschutz auf alle Erfindungen, die neu, mit einem erfinderischen Schritt verbunden und gewerblich anwendbar sind.

Fazit

Die aktuellen Marktanreize für die Medikamentenforschung führen zu teuren und nicht bedarfsangepassten neuen Medikamenten.

Unternehmen setzen Medikamentenpreise hoch an, weil kaum etwas sie daran hindert.

Der Markt für Medikamente regelt sich nicht selbst: Weder die Nachfrageseite ist dazu geeignet (ein erkrankter Mensch ist auf ein bestimmtes Medikament angewiesen und kann darüber nicht frei entscheiden), noch die Angebotsseite wegen ihrer durch Patente geschützten Monopolstellung.

Regierungen sollten die zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen, um nachhaltig für alle Menschen einen Zugang zu bedarfsgerechten Medikamenten sicherzustellen!